Foto: LSU-Hessen
Die LSU Hessen beim CSD Frankfurt.
Die LSU, die „Lesben und Schwule in der Union“, ist die Interessenvertretung für LSBTIQ* in der CDU. Eine ihrer Kernaufgaben ist unter anderem die innerparteiliche Wahrnehmungsschärfung für die Rechte queerer Menschen, gleichzeitig auch die außerparteiliche Lobbyarbeit für die Politik der CDU.
Gegründet in den späten 1990ern, wurde die LSU allerdings erst 2022 als parteiinterne Sonderorganisation anerkannt; zuvor war sie lediglich eine der „sonstigen Gruppen“. Wir haben mit Rainer Zuber, dem Landesvorsitzenden der der hessischen LSU, über die Arbeit der Organisation gesprochen.
Rainer, inwiefern müsst ihr mit eurem Engagement für queere Rechte innerhalb der CDU noch echte Überzeugungsarbeit leisten? Ehrlich gesagt: Ja, Überzeugungsarbeit ist nach wie vor nötig – und das ist auch gut so. Eine Interessenvertretung, die keine Überzeugungsarbeit mehr leisten muss, hat entweder gewonnen oder aufgehört zu existieren. Wir sind noch nicht am Ziel. Was sich aber klar verändert hat: Wir werden in der CDU Hessen als ernstzunehmende inhaltliche Stimme wahrgenommen. Unsere Positionen – ob zu Diskriminierungsschutz, zu Bildung, zu Sicherheit für LSBTIQ*-Menschen – landen in Debatten, nicht im Papierkorb. Ob ohne uns queere Themen genügend Beachtung fänden? Nein. Sichtbarkeit entsteht nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die sie einfordern – von innen heraus, konstruktiv und hartnäckig.
Foto: LSU-Hessen
Rainer Zuber, Landesvorsitzender der LSU Hessen
Was hat die Anerkennung als Sonderorganisation für die Arbeit der LSU verändert? Wie könnt ihr euch einbringen? Die Anerkennung 2022 war mehr als ein formaler Akt – sie war ein Signal der 1.001 Delegierten, von denen 1.000 für die Aufnahme der LSU als Sonderorganisation stimmten. Die CDU erkennt an, dass LSBTIQ*-Perspektiven zur Partei gehören. Konkret bedeutet das: Wir haben jetzt institutionellen Zugang zu Parteistrukturen, ein Büro im Konrad-Adenauer-Haus, können Anträge auf Parteitagen einbringen, an Programmdebatten mitwirken und sind als Gesprächspartner in der Fläche präsent. Mittlerweile sind alle Landesvorsitzenden automatisch in die CDU-Landesvorstände kooptiert. Die eher konservative CDU in Hessen war bezüglich Eingliederung und Akzeptanz der LSU, in die Organisationstruktur, Vorreiter im Bund; die Kooptierung des LSU Vorsitzenden in den Landesvorstand der CDU fand schon im Jahre 2014 statt. Das Format „LSU vor Ort" lebt genau davon. Und zuletzt haben wir mit dem neuen Landesvorstand seit 2025 auch personell nochmal einen Schritt nach vorne gemacht – enger vernetzt mit anderen Sonderorganisationen und Landesvereinigungen, mit klarerem Fokus auf Wirkung statt Symbolik.
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein hat sich insbesondere zu Beginn seiner Amtszeit nicht besonders homofreundlich gezeigt: Das Genderverbot von 2024 hat viel Kritik hervorgerufen. Das macht Lobbyarbeit für die Politik der CDU nicht gerade einfach, oder? Wie geht ihr mit sowas um? Klar und ohne Ausweichen: Wir sind gegen Gender-Gebote – aber ebenso gegen Gender-Verbote. Verbote sind das falsche Instrument für etwas, das sich als lebendige Sprache über Zeit entwickelt. Das sagen wir auch intern, und das sage ich auch hier. Lobbyarbeit für die CDU bedeutet nicht, jeden Beschluss zu verteidigen. Es bedeutet, dauerhaft daran zu arbeiten, dass die Partei in diesen Fragen einen vernünftigeren Kurs einschlägt. Dazu braucht es Präsenz, Gespräche und manchmal auch den Mut, unbequeme Positionen zu vertreten. Boris Rhein hat in anderen Bereichen – etwa bei der Einführung des Beauftragten für LSBTIQ*-feindliche Straftaten bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, für den wir uns jahrelang eingesetzt haben – gezeigt, dass die Landesregierung handlungsfähig ist. Auf dem Landesparteitag, Ende Mai, betonte Boris Rhein, in seiner Eröffnungsrede, nochmals ausdrücklich das die LSU ein wichtiger Bestandteil der CDU ist und gebraucht wird. Daran arbeiten wir weiter.
Obwohl das Budget im Rahmen des hessischen „Aktionsplans für Vielfalt und Akzeptanz“ aktuell so hoch wie nie zuvor ist, fürchten viele um den Fortbestand des Aktionsplans. Was könnt ihr als LSU dazu sagen? Ja, das Budget ist aktuell so hoch wie nie – das ist zunächst eine gute Nachricht, und das Ergebnis von politischem Druck, den auch wir mitaufgebaut haben. Die Sorge um den Fortbestand nehmen wir aber ernst. Aktionspläne stehen immer in Abhängigkeit von Haushaltsentscheidungen und politischen Mehrheiten. Genau deshalb ist unsere Arbeit nicht damit getan, einmal für den Plan einzutreten – wir müssen ihn dauerhaft verankern, inhaltlich begleiten und verteidigen. Das tun wir auf allen politischen Ebenen, unter anderem fordern wir die Beibehaltung der Förderung des Rainbow Refugees Projekts.
Rainer Zuber, Landesvorsitzender der LSU Hessen
Die LSU beim diesjährigen IDAHOBITA* in Frankfurt: Rainer Zuber mit Verena David, queerpolitische Sprecherin der CDU im Römer.
Welche Themen stehen aktuell auf der Agenda der LSU? Mehreres gleichzeitig: Erstens der Schutz vor queerfeindlicher Gewalt – antisemitische und queerfeindliche Einstellungen werden wieder sichtbarer, sowohl durch rechtsextreme als auch durch islamistisch geprägte Milieus. Da brauchen wir klare staatliche Reaktion, keine Beschwichtigung.
Zweitens Bildung: Wir setzen uns für eine Überarbeitung des Sexualerziehungslehrplans und die Fortführung von SCHLAU Hessen ein.
Drittens haben wir in 2026 einen Diskussionsabend zu Trans*Kids und Jugendlichen in der Schule angeboten – ein Thema, das vielen Eltern und Lehrkräften unter den Nägeln brennt, ohne dass sachlich genug darüber gesprochen wird.
Viertens: Wir setzen uns weiterhin für den „Aktionsplan für Vielfalt & Akzeptanz“ ein.
Und schließlich: Wir wollen wachsen – neue Mitglieder, jüngere Menschen, mehr Präsenz in der Fläche.
Wie seid ihr auf dem diesjährigen CSD Frankfurt präsent? Wir sind mit einem eigenen Demo-LKW dabei – das ist inzwischen Tradition. Letztes Jahr waren wir mit über 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf der Straße, darunter die Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Ines Claus und Generalsekretär Leopold Born. Das zeigt: Es geht nicht darum, ein Fähnchen zu schwenken. Es geht darum, dass Menschen aus der CDU sichtbar Haltung zeigen – mitten in der Gesellschaft, nicht von der Tribüne aus. Details zur diesjährigen Teilnahme geben wir rechtzeitig bekannt.