Foto: Isi Parente, unsplash.com, gemeinfrei
Vom 8. bis 30. Mai steigt in Heidelberg wieder das Queer Festival – ein Monat lang queere Kultur von internationalen Künstler*innen und lokalen Initiativen, von Live-Musik über Klubkultur bis zu Literatur, Performance, Film und Diskursformaten. Wir haben mit Dominic Hauser und Martin J.V. Müller vom Orga-Team über das diesjährige Programm gesprochen.
Das Festival steht in diesem Jahr unter dem Motto „Zusammenhalt als Widerstand“. Soldarisiert die zunehmend queerfeindliche Stimmung in Politik und Gesellschaft wieder eine queere Community? Immer weiter aufgefächerte Gruppen hatten sich in den vergangenen Jahren untereinander manchmal gar nicht so solidarisch gefühlt? Insbesondere ältere Schwule fühlen sich im queeren Kontext manchmal ausgeschlossen.
Dominik: Die Solidarisierung würden wir uns in jedem Fall wünschen und beobachten sie zum Teil auch bereits. Wir nutzen den Begriff „queer“ schon immer als Überbegriff für all jene, die eben nicht zum heteronormativ geprägten Gesellschaftsbild gehören. Das verbindet uns ja erstmal. Und viele erleben auch wieder hautnah, dass bisher Erreichtes in Sachen gleiche Rechte und Akzeptanz nicht selbstverständlich ist. Das führt durchaus dazu, dass zu dieser Thematik innerhalb der queeren Community wieder mehr Dialog entsteht und stärker reflektiert wird. Natürlich ist es auch wichtig anzuerkennen, dass es innerhalb der Community unterschiedliche Erfahrungen und Interessen gibt. Das Festival versteht sich hier bewusst als Plattform, die verschiedene Perspektiven sichtbar macht und Räume für Selbstentfaltung, aber auch Austausch schafft. Zusammenhalt bedeutet nicht Gleichheit, sondern das bewusste Aushandeln von Vielfalt. Genau darin liegt doch auch eine Form von Widerstand. Für die angesprochenen älteren Schwulen gibt es übrigens unter anderem auch wieder die exklusive Party „Gay Bar“ am 22. Mai zum internationalen Harvey Milk Tag.
Foto: Queerfestival
Dominik Hauser
Ein Thema, das sich mit verschiedenen Veranstaltungen durchs Programm zieht, ist „Diskriminierung in der Wissenschaft“. Was wird da untersucht und wie seid ihr auf diesen Fokus gekommen?
Martin: Das Thema Wissenschaft hat in Heidelberg, als einer der renommiertesten Unistädte Deutschlands mit über 38.000 Studierenden, natürlich einen hohen Stellenwert. Die Reihe greift ein Thema auf, das oft übersehen wird: Auch Hochschulen und Forschungsinstitutionen sind keine diskriminierungsfreien Räume. Queere Menschen ebenso wie andere marginalisierte Gruppen berichten von strukturellen Hürden, fehlender Repräsentation und subtilen Ausschlüssen. In unserem Festivalprogramm wird das Thema gezielt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dabei geht es sowohl um persönliche Erfahrungsberichte als auch um strukturelle Analysen: Wer hat Zugang zu akademischen Karrieren? Welche Themen werden beforscht und welche nicht? Und wie lassen sich Wissenschaft und Forschung inklusiver gestalten? Der Schwerpunkt ist aus Gesprächen mit Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen entstanden, die diese Problematik stärker in den öffentlichen Diskurs bringen wollen.
Foto: Queer Festival
Martin J.V. Müller
Zur Festivaleröffnung wird Lilo Wanders zu Gast sein. Wird sie eine Show bringen oder welche „Aufgabe“ hat sie beim Opening?
Dominik: Lilo Wanders ist Host des Abends wie zuvor bereits zum Beispiel Barbie Breakout, Pam Pengco oder Georgette Dee. Als queere Ikone steht sie wie kaum eine andere über Generationen für Sichtbarkeit, Humor und politische Haltung und wird uns als Gastgeberin durch das Programm führen. Für uns ist es eine große Ehre, dass sie nach Heidelberg kommt und diese Aufgabe zwischen Unterhaltung und politischer Botschaft übernimmt. Ob wir auch etwas aus ihrem Programm zu sehen bekommen, bleibt ganz ihr überlassen.
Den IDAHOBITA* am 17. Mai habt ihr nicht in euer Programm eingebunden?
Martin: Der internationale Tag gegen Queerfeindlichkeit und die seit Jahren dazugehörenden Aktionen sind selbstverständlich auch dieses Jahr wieder gesetzt und auch Teil unseres Programms. Das Programm wird aber nicht von uns allein, sondern von den Gruppen unseres queeren Netzwerks in Heidelberg organisiert. Wir steuern zusätzlich um 14 Uhr die Veranstaltung „Hi Honey, I´m Homo" mit US-Autor und YouTuber Matt Baume bei. Da gibt es einen Blick hinter die Kulissen der US-Fernsehgeschichte und ihrer prägendsten Coming-out-Momente und wir sehen, wie Sitcoms über Jahrzehnte hinweg queere Emanzipation verhandelten.
Das Programm ist in diesem Jahr besonders vielfältig – gibt es trotzdem bestimmte Events, die ihr den Besuchenden besonders ans Herz legen wollt?
Dominik: Hier würde ich besonders die Konzerte von Baran Kok und Mariybu hervorheben und auch auf die Comedy Show von Timur freue ich mich extrem. Aus eigener Erfahrung würde ich aber auch empfehlen sich genau solche Programmpunkte auszusuchen, die für einen selbst vielleicht eher unbekannt sind oder mit denen man zunächst vielleicht wenig anfangen kann. Gerade dort entstehen oft besonders intensive und überraschende Erfahrungen und genau davon lebt ja ein solch vielfältiges Festival. Es gibt auch richtig viele Gratisangebote, um einfach mal neue Dinge auszuprobieren.
8. – 30.5., Queer Festival Heidelberg, Festivalzentrum Karlstorbahnhof, Marlene-Dietrich-Platz 3, Heidelberg, das komplette Programm gibt’s unter queer-festival.de
Queer Festival: Die Highlights
Das Programm des diesjährigen Queerfestivals ist vielfältiger denn je – hier kommen unsere Tipps!
Auch wenn die Eröffnungsveranstaltung am 8. Mai mit unter anderen Lilo Wanders als Host des Abends bereits restlos ausgebucht ist (Tickets gibt’s nur noch über Warteliste), gibt‘s viele weitere Highlights.
Allen voran das musikalische Line-up mit Hip-Hop-Newcomer Baran Kok, dem nach eigener Aussage ersten schwulen Rapper weltweit mit explizit sexpositiven Texten und raffinierten Beats (15.5.). Mariybu hat sich nach ihrem Start im Hip-Hop-Genre inzwischen zur neuen Queen des deutschen Hyperpop entwickelt. Ihre Songs handeln von Party, aber auch Solidarität unter FLINTA* und Kritik an patriarchalen Strukturen (21.5.).
Baran Kok
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Mariybu
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Literatur-Newcomer Ozan Zakariya Keskinkılıç liest aus seinem Debütroman „Hundesohn“, der poetisch wie radikal Fragen nach Männlichkeit, Herkunft und queerer Selbstverortung verhandelt (12.5.).
Im Theater bringen Obertunte und Trine Trabant ihr Kabarett-Programm „Ich hab‘ noch einen Koffer in BaWü“, der vom Leben als queere Person in der Provinz handelt – ein Abend über Identität und Landflucht, aber auch über Erinnerung und Versöhnung (14.5.).
Foto: Max Zerrahn
Ozan Zakariya Keskinkılıç
Das Karlstorkino zeigt acht queere Filme, unter anderem die melancholische, kroatische, schwule Coming-Of-Age-Story „Mauern aus Sand“, in der Markos perfekt gestaltetes Hetero-Leben durch den überraschenden Besuch seiner heimlichen Jugendliebe Slaven ins Wanken gerät (4.5.). „Lesbian Space Princess“ wurde mit dem Teddy-Award ausgezeichnet; im schrillen Animationsfilm muss Prinzessin Saira ihre Freundin Kiki aus den Fängen der Straight White Maliens befreien (19. und 23.5).
Lesbian Space Princess
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Evening mit Purple Suggar aus der Mannheimer Ballroom-Crew „Grace the Floor“ sowie mit der Berliner DJ Meg10, der dänisch-uruguayischen DJ G2G und Ragazza vom Mannheimer queerfeministischen Kollektiv „Rosa Raketen“ mit sinnlichen Bässen.