Foto: RegenbogenBuddies
Die RegenbogenBuddies beim gemeinsamen Ausflug
Bereits seit 20 Jahren bietet die AIDS-Hilfe Frankfurt mit dem Projekt „Rosa Paten“ ein ehrenamtliches Besuchsangebot für schwule Senioren, um soziale Teilhabe und persönliche Begegnungen zu fördern. Seit Januar dieses Jahres heißt das Projekt „RegenbogenBuddies“ und hat sein Angebot auf alle queeren Senior*innen erweitert. Über die Veränderung haben wir mit Roland Marzinowski gesprochen, der das Projekt seit zweieinhalb Jahren leitet.
Hallo Roland, wie wurden nach 20 Jahren aus den „Rosa Paten“ die „RegenbogenBuddies“? Die „Rosa Paten“ gibt's wirklich schon seit 20 Jahren. Es ist ein Peer-to-Peer-Ansatz, das heißt, ein schwuler Pate besucht regelmäßig einen schwulen Senior. Das Projekt entstand 2006, unter anderem aus dem Grund, weil ältere Männer, die von HIV betroffen waren, besonders stigmatisiert waren; viele drohten zu vereinsamen und in soziale Isolation zu geraten. 20 Jahre später hat sich die Situation verändert. HIV ist für Betroffene zwar immer noch stigmatisierend, aber es ist medizinisch viel besser behandelbar und die Betroffenen ziehen sich nicht mehr so zurück. Darüber hinaus hat sich der Kreis der Menschen, für den die AIDS-Hilfe da ist, in diesen 20 Jahren generell sehr erweitert und ist viel diverser geworden. Das muss sich natürlich auch in so einem Projekt für die Altenhilfe niederschlagen. Seit ich das Projekt übernommen habe, wollten sich immer wieder weibliche Ehrenamtliche beteiligen. Auch einige Senioren haben gesagt, dass der Peer-to-Peer-Ansatz nicht so wichtig ist, sondern eher, dass der Mensch zu ihnen passt. Deswegen gab es in diesem Projekt immer auch schon weibliche Ehrenamtliche. Meine Überlegung war, dann auch die Zielgruppe zu erweitern. Wir wollen insgesamt diverser werden. Und da war auch die Namensänderung wichtig. Anstatt „Rosa Paten“, was eher mit schwuler Bewegung und auch männlich konnotiert ist, haben wir uns für die neuen Begriffe „Regenbogen“ und „Buddy“ entschieden. Der Regenbogen ist immer positiv besetzt und verweist auf die LGBTIQ*-Community und „Buddy“ ist ein neutraler Begriff, der männlich, weiblich und divers miteinbezieht. Es ist zwar ein englischsprachiger Begriff, aber ich denke, der ist mittlerweile sehr bekannt und wird auch von Senior*innen verstanden.
Wie kann ich mir den Besuchsdienst konkret vorstellen? Wir nennen diese Gemeinschaft aus Senior und Buddy ein „Tandem“. Zusammengebracht werden sie von mir. Dafür sind erst einmal lange Vorgespräche nötig, um die Bedürfnisse und Möglichkeiten beider Seiten aufeinander abzustimmen. Manche Senior*innen gehen vielleicht nicht mehr allein ins Café, haben aber trotzdem das Bedürfnis, ein bisschen Öffentlichkeit zu erleben. Andere sind nur eingeschränkt mobil, da sind nur Hausbesuche möglich. Manche Ehrenamtliche machen zum Beispiel gerne Ausflüge, andere möchten das Stadtgebiet nicht verlassen. Manche haben nur am Wochenende Zeit. Manche wollen sich das Wochenende lieber freihalten und in der Woche regelmäßige kurze Besuche machen. Alles ist möglich. Das erste Treffen begleite ich noch; nach den folgenden Treffen höre ich bei beiden unabhängig voneinander nach, wie es gelaufen ist. Falls dann ein positives Signal von beiden kommt, ist das ein Go für dieses Tandem.
Grundsätzlich geht es dabei also um Freizeitaktivitäten? Ja, es geht um Quality Time. Was wir nicht anbieten, sind pflegerische und hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Wir sind keine Mediziner*innen, wir sind keine Gerontolog*innen und wir sind keine Sozialarbeitenden, sondern einfach empathische, interessierte Menschen, die möchten, dass Menschen im Alter nicht allein gelassen oder vergessen werden. Sollte ein Senior oder eine Seniorin mit pflegerischen oder hauswirtschaftlichen Wünschen zu mir kommen, würde ich schauen, dass man über die Pflegeversicherung eine andere Lösung findet. Klar, wenn man einen Buddy hat, der technisch begabt ist, kann er auch schon mal helfen, den neuen Fernseher zu installieren. Oder mal einen Brief zur Post mitnehmen oder eine Besorgung machen. Aber das ist nicht die Regel und muss dann tatsächlich besprochen werden. Es gibt einmal im Monat ein Teamtreffen, eine Form von Supervision, an der alle Buddies teilnehmen sollen. Im Gruppengespräch geht es darum, sich miteinander über die Besuche auszutauschen. Es ist wichtig für die Ehrenamtlichen, ihre Rolle und das eigene Verhalten zu reflektieren. Durch langjährige Erfahrung und durch Offenheit und Vertrauen innerhalb des Teams unterstützen sich alte und neue Buddies gegenseitig in allen Belangen, die sich bei der Arbeit mit Senior*innen ergeben.
Wie finden Senior*innen zu euch? In den meisten Fällen erfahre ich es über Angehörige. Manchmal über die Beratungsstelle der AIDS-Hilfe. Ich bin mittlerweile auch gut mit den verschiedenen ehrenamtlichen Frankfurter Besuchsdiensten vernetzt.
Habt ihr in diesem Zusammenhang auch Kontakte zu Pflegeheimen? Nein, aber das hat einen Grund: Unser Besuchsdienst wird vom Frankfurter Programm „Würde im Alter“ gefördert. Wir gehören zum „zugehenden Bereich“, das heißt, wir konzentrieren uns auf Senioren und Seniorinnen, die (noch) zu Hause leben. Für die stationären Einrichtungen gibt es andere Projekte. Aber es gibt Ausnahmen. Wenn wir zum Beispiel jemanden in unser Programm aufnehmen, der oder die später in eine stationäre Einrichtung, also in ein Pflegeheim, muss. Dann brechen wir den Kontakt natürlich nicht ab. Das wäre ja unmenschlich.
Was braucht man, wenn man RegenbogenBuddy werden möchte? Es ist ein Ehrenamtsprojekt, aber wir schauen, dass wir trotzdem die Möglichkeit für Schulungen und Bildungsangebote geben. Zeitmanagement ist ein wichtiges Thema, man sollte eine Kontinuität und eine hohe Verlässlichkeit haben Man muss sich schon dafür entscheiden und sich dann auch die Zeit freischaufeln können. Und man sollte natürlich ein Interesse an Lebensgeschichten und insgesamt eine sehr wertschätzende Haltung gegenüber alten Menschen und deren Lebensleistungen haben. Man muss ein*e Menschenfreund*in sein. Für alle, die sich bei uns engagieren, trifft das vollkommen zu. Unser Ehrenamtsteam besteht aus sehr netten, sehr empathischen und interessierten Menschen. Das ist das Wichtigste. Wenn man das mitbringt, dann wird es gut laufen.
Roland Marzinowski, Projektleiter „RegenbogenBuddies“, mehr Infos und Kontakt über frankfurt-aidshilfe.de/betreuung-und-begleitung-regenbogenbuddies
Interview Björn Berndt