Foto: Janis Lüders
Robert Schittko
Der Frankfurter multidisziplinäre Künstler Robert Schittko verbrachte 2025 eine sechsmonatige Künstlerresidenz der Hessischen Kulturstiftung in Istanbul, die für ihn anders verlief als erwartet. Aus den Erfahrungen ist die Ausstellung „Kolay gelsin, abla“ über queere Lebensrealitäten in Istanbul entstanden, die ab dem 17. Juni in der Heussenstamm Galerie zu sehen ist. Wir haben Robert Schittko vorab zum Interview getroffen.
Robert, wieso hattest du dich ursprünglich für eine Künstlerresidenz in Istanbul entschieden?
Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich mich an Orten, die sehr aktiv sind, lebendiger fühle und dass das etwas in mir bewegt. Natürlich hat mich auch das Handwerkliche interessiert, diese fantastischen Kunstwerke aus dem Osmanischen Reich. Ich dachte, ich könne in deren Bildwelten eintauchen und vielleicht auch keramisch was dazulernen. Und ich dachte, ich könnte mit queeren Organisationen auf die Straße gehen, Leute interviewen und Fotos machen und aktivistisch sein.
Du hast dann auch wirklich Kontakt mit dem Aktivismus-Netzwerk Lambda in Istanbul aufgenommen. Bei einem Treffen zur Pride bist du in eine Polizei-Razzia geraten. Das hattest du so nicht erwartet …
Das hat mich schockiert, weil ich sowas nicht kannte. Ich hatte ein liberaleres Bild. In Istanbul gab es 2012 eine Pride mit 20.000 Leuten. Und jetzt waren es vielleicht 40. Und die wurden auf der kleinen Demo alle verhaftet, für ein paar Tage. Die Leute, mit denen ich mich in Istanbul angefreundet habe, sind teilweise so angespannt und so verunsichert. Ich habe meine rosa Sonnenbrillen im Bosporus versenkt. Ignorance is bliss: Du denkst immer, du weißt alles. Und dann passiert eine Sache, und du weißt gar nichts mehr. Das ist mir schon oft passiert und gehört denke ich zum Leben dazu
Du hast deine Gefühle sehr eindrücklich in deinem Buch „The Stories of Marmara“ beschrieben, das zur Ausstellung erscheint.
Ein guter Freund aus Istanbul hat gesagt, Aktivismus ist immer auch eine Form von Hoffnung. Und um irgendeine Form von Aktivismus zu betreiben, habe ich angefangen zu schreiben, und auch Portraits meiner Freund*innen in Istanbul zu fotografieren. Als Publikation, mit der ich sichtbar machen kann, was man in Deutschland weniger mitbekommt. Aber die Frage ist auch, wie viel kann ich überhaupt verstehen als jemand, der dort nur kurz gewesen ist? Ich war mir meiner großen Privilegien, die ich in Deutschland noch habe, gar nicht in diesem Maße bewusst. Das habe ich besonders gemerkt, als ich zwischendurch kurz in Frankfurt war, zur Pride. Selbst da stand ich halb unter Strom, weil du ständig erwartest, dass irgendeine Form von Polizeigewalt passieren kann. Es ist erstaunlich, wie schnell man diese Angst verinnerlicht.
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Foto: Robert Schittko
Robert Schittko „Anna“ 2025
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Foto: Robert Schittko
Robert Schittko „Orhun in this bed“ 2025
Das Erforschen der eigenen Identität ist eine Triebfeder in deiner Arbeit. Ist das auch diesmal so gewesen?
Früher ging es viel um Autobiografisches und den eigenen Körper. Und immer auch um meinen Vater, der war Bodybuilder, mit Proteinshakes und sechs Mal die Woche im Fitnesstudio. Männlichkeit war immer ein Thema. Ich musste immer ganz männlich sein. Und jetzt mag ich Männer. Was könnte männlicher sein als das? (lacht)
Dieses „Individuelle“ wurde, glaube ich, jetzt ein bisschen abgelöst durch die Verortung in Gesellschaftsstrukturen, die einen Einfluss haben und dich zurückstoßen oder auf eine Weise berühren, die du gar nicht kanntest.
Ich hatte dich eigentlich als Fotograf auf dem Schirm und war erstaunt, dass du so multidisziplinär arbeitest.
Wenn du Kunst machst, geht es immer darum, was du fühlst, sprachfähig zu machen. Da ist Schreiben natürlich dankbar und findet Zugänglichkeit, wo es Skulpturen oder Fotos manchmal schwerer haben. Aber manchmal ist es auch schön, wenn ein haptischer Moment da ist. Daher die Keramik und Skulptur. Oder wenn du was ganz kleines hochskalierst, dafür ist dann Fotografie gut. Für mich ist das alles eins.
Die Ausstellung besteht jetzt aus Keramikarbeiten, Zeichnungen, Portraitfotografien und dem Buch?
Genau. Vier Teile, die alle zusammengehören.
Die Keramiken verstehe ich gar nicht …
Die Keramiken sind Collagen aus Porzellan, Steinzeug und gefundenen Sachen. Das kommt nochmal aus einer anderen Richtung und geht um das Thema der konformen Spießbürgerlichkeit, um diese Dinge, die meist industriell produziert werden und die sich Leute ins Regal stellen. Ich mag hässliche Sachen, aber ich will, dass es mein „Hässlich“ ist. Und dass dann die Sachen aus dem Kontext gerissen werden, dann krempelt man das um und könnte es eigentlich zurückstellen, aber dann gibt es Momente, die irritierend sind. In den Keramiken der Ausstellung geht es auch um Gespenster und Typen – „Typen“ gar nicht männlich gelesen. Im Türkischen gibt’s die Dschinns, die guten und die bösen Geister.
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Foto: Robert Schittko
Robert Schittko „hold your tongue“ 2026, Keramik und Porzellanassemblage, Unikat
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Foto: Robert Schittko
Robert Schittko „three wise men“ 2026, Keramik und Porzellanassemblage, Unikat
Was bedeutet der Titel der Ausstellung – „Kolay gelsin, abla“?
„Möge es dir leichtfallen, Schwester“. „Kolay gelsin“ sagst du im Türkischen zum Beispiel, wenn du ein Geschäft betrittst oder dich verabschiedest, dann sagst du zu den Arbeitenden „möge es dir leicht fallen“. Das finde ich total schön. „Abla“ heißt Schwester. Abla ist aber auch Slang der queeren Community. Es gab da eine Situation in einem Club in Istanbul, einer geheimen queeren Party. Der Mann am Einlass hat mich gefragt, ob ich wüsste, wo ich hinwolle; und ich habe ihm geantwortet „İyi akşamlar, abla“, also „Guten Abend, Schwester“. Er hat die Augen verdreht und mich rein gewunken, mit seinem kleinen Regenbogenfächer.
Was nimmst du mit von diesen sechs Monaten in Istanbul?
Es hat mein Herz berührt. Es war am Ende alles sehr emotional. Wie die türkische Seele, die ist auch sehr emotional. Das färbt auf jeden Fall ab und du wirst auch so, und das ist schön. Das ist so liebevoll und ganz groß und manchmal etwas theatral. Was ich außerdem mitnehme, ist auf jeden Fall eine Awareness für meine eigenen Privilegien als queere, weiße, männlich gelesene Person in Deutschland. Und dass eine Form von Aktivismus einfach wichtig ist, weil ich dort gesehen habe, wie es ist, wenn man diese Freiheit plötzlich nicht mehr hat.
16.6., Vernissage „Kolay gelsin, abla“ von Robert Schittko, Heussenstamm Galerie, Braubachstr. 34, Frankfurt, 19 Uhr, die Ausstellung ist bis 18.7. zu sehen, das Buch „The Stories of Marmara“ wird am 4.7. gesondert vorgestellt, heussenstamm.de, instagram.com/robert_schittko