Es ist ein bemerkenswerter Mai, dieser. In Kiel stellt sich ein CDU-Ministerpräsident vor sämtliche CSDs seines Bundeslandes. In Hamburg startet Hamburg Pride mit einer Kampagne, die in ihrer Botschaft so klar ist, dass sie fast schmerzt:
„Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst."
Ein Schutzschild als Bildmotiv, getragen von einer queeren Community in ihrer ganzen Vielfalt – Dykes on Bikes, Twinks, Dragqueens, nicht-binäre Personen, die Lederszene –, getragen aber auch von einer Menschenmenge dahinter. Straight Allies inklusive, erkennbar an der schwarz-weiß gestreiften Flagge.
Zwei Botschaften aus dem hohen Norden, eine Stoßrichtung: Haltung ist kein Lifestyle-Accessoire. Haltung ist Arbeit.
🛡️ Die Kampagne „Solidarisch queer"
Motto: „Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!"
Motiv: Eine handgezeichnete Illustration im Manga-Stil zeigt Menschen, die sich hinter einem Schutzschild mit der Aufschrift „solidarisch queer" versammeln. Die Charaktere stehen für die Vielfalt der LGBTIQ*-Community – von den Dykes on Bikes über Twinks, Dragqueens und nicht-binäre Personen bis zur Leder- und Puppy-Szene. Neben der klassischen Regenbogenflagge sind die Flaggen der lesbischen, trans*, bi* und asexuellen Community zu sehen, dazu die schwarz-weiß gestreifte Straight-Ally-Flagge als Aufruf zur Verbündung.
Botschaft: Die Community als Schutzschild gegen Diskriminierung, Hass und Gewalt – getragen von einer breiten gesellschaftlichen Allianz.
Forderungen: Hamburg Pride e. V. verlangt entschlossenen Diskriminierungsschutz, sichtbaren Schutz im öffentlichen Raum, flächendeckende Aufklärung sowie die Ergänzung von Artikel 3 Grundgesetz um die Merkmale „sexuelle und geschlechtliche Identität". Außerdem soll der Bund den Aktionsplan „Queer Leben" unverzüglich wieder aufsetzen.
Umsetzung: Entwickelt mit der Agentur Superpeers eG (Deutschlands größte genossenschaftlich organisierte Agentur). Ab Juli auf mehreren hundert analogen und digitalen Plakatwänden in Hamburg zu sehen.
Pride Week 2026:
- 25. Juli: Pride Night auf Kampnagel
- 1. August: CSD-Demo
- 31. Juli – 2. August: Straßenfest
Und ja, man muss das so klar sagen, weil anderswo gerade das Gegenteil passiert. Während Daniel Günther in Schleswig-Holstein Schirmherr von knapp 20 Prides wird, distanziert sich Jens Spahn – der prominenteste schwule Unionspolitiker – demonstrativ vom Label „queer", von Pride-Symbolik, von der Community. Während Hamburg Pride die längst überfällige Ergänzung von Artikel 3 Grundgesetz fordert und die Wiederaufnahme des Aktionsplans „Queer Leben", herrscht im Bund Funkstille. Der Aktionsplan liegt auf Eis. Hasskriminalität gegen queere Menschen steigt. Und im politischen Berlin findet sich kaum jemand, der bereit wäre, Günthers Linie auch nur ansatzweise zu kopieren.
Es ist deshalb kein Zufall, dass die wichtigsten queerpolitischen Signale dieses Frühjahrs aus Kiel und Hamburg kommen – und nicht aus Berlin oder München. Der Norden zeigt vor, was im Rest der Republik möglich wäre. Ein Ministerpräsident, der nicht abwägt, ob ihm das Engagement schadet. Eine Community, die nicht fragt, ob sie zu laut ist, sondern fordert: Schutz, Sichtbarkeit, Rechte. Verbündete, die nicht nur am 17. Mai die Regenbogenflagge teilen, sondern mitlaufen.
Das ist die eigentliche Pointe der Hamburger Kampagne: Der Schutzschild funktioniert nur, wenn alle ihn mittragen. Queere Sichtbarkeit ist keine Privatangelegenheit der Community. Sie ist Lackmustest einer Demokratie, die sich gegen Populismus und Extremismus behauptet – oder eben nicht.
Diesen Sommer wird sich zeigen, wer mitträgt. Wer auf die Straße geht. Wer Haltung zeigt – und wer lieber schweigt. Günther hat seine Position bezogen. Hamburg Pride auch. Jetzt sind die anderen dran. *Christian Knuth