Am 6. Oktober hat die Bundesrepublik Deutschland ihren Verdienstorden an Dr. Gottfried Lorenz verliehen – den Historiker, dem Hamburg einen großen Teil seiner queeren Geschichtsschreibung verdankt. Ausgezeichnet wurde eine Lebensleistung, die diese Stadt seit zwanzig Jahren ehrenamtlich bekommt.
Ich habe Gottfried Lorenz in den vergangenen achtzehn Jahren immer wieder getroffen. Zuerst in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, wo im April 2008 die Sonderausstellung „Homosexuellenverfolgung von 1919 – 1969“ eröffnete – die bis dahin umfangreichste Schau zum Thema. Dann bei den Ausstellungen über Polizei und Justiz. Und über Jahre beim Ringen um den Denk-Ort in der Hamburger Innenstadt. Der Eindruck war jedes Mal derselbe: wach, unbequem, und trotzdem der Freundlichste im Raum.
Foto: Behörde für Kultur und Medien
Dr. Carsten Brosda, Senator der Hamburger Behörde für Kultur und Medien und Dr. Gottfried Lorenz
Am Dienstag, dem 6. Oktober, überreichte ihm Kultursenator Carsten Brosda im Rathaus das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, im kleinen Kreis. Abends feierte die Community im Magnus-Hirschfeld-Centrum, und die Kulturbehörde blieb: Staatsrätin Jana Schiedek sprach auf dem Empfang und war bis zum Schluss da. Wer die Hamburger Erinnerungspolitik der letzten vierzig Jahre kennt, weiß, wie weit dieser Weg war.
Der Stein am Rand
Am 11. Mai 1985 setzten Hamburger Schwulengruppen auf Initiative der Unabhängigen Homosexuellen Alternative, aus der später das mhc wurde, am Rand des ehemaligen KZ-Geländes Neuengamme einen Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer. Es war der erste in Deutschland und nach Mauthausen 1984 der zweite weltweit. Er wurde unter Protest anderer Häftlingsgruppen errichtet.
Das ist der Satz, den man sich merken muss. Die Männer mit dem rosa Winkel waren die Gruppe, die ihren eigenen Gedenkstein gegen die Einwände der Mitgefangenen durchsetzen musste. Wie berechtigt der Anspruch war, zeigt die Forschung der Gedenkstätte selbst: Knapp 400 Männer sind nachgewiesen, die im Zusammenhang mit der Verfolgung homosexueller Handlungen nach Neuengamme verschleppt wurden. 140 Namen von Verstorbenen sind belegt; die Gedenkstätte geht davon aus, dass etwa die Hälfte der als homosexuell Inhaftierten die Lagerhaft nicht überlebt hat. Ihre Betten lagen gekennzeichnet am Blockeingang, ihre Kommandos waren die härtesten, Solidarität erfuhren sie kaum.
„Dieses Gedenken muss interessieren.“
Vierzig Jahre nach dem Gedenkstein, am 4. Mai 2025, organisierte Lorenz auf Anregung von Senatsdirektor Markus Pitz das Gedenken zum 80. Jahrestag der Befreiung: vom früheren Arrestbunker über den Appellplatz zum Denkmal im Gedenkhain. Auf die Frage, ob das noch jemanden interessiere, antwortete er im hinnerk-Interview trocken, dieses Gedenken müsse interessieren. Und schob nach, wie weit der Weg dorthin ist: Von Glinde nach Neuengamme brauche er fast so lange wie nach Berlin.
384 Seiten, die es vorher nicht gab
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Lorenz, Jahrgang 1940, kam als Vertriebener aus Niederschlesien 1955 nach Westdeutschland und machte sein Abitur am Internat in Bad Bederkesa. Dort, schreibt er in seinen Erinnerungen, entdeckte er auch seine Homosexualität – in einem Jahrzehnt, in dem darauf Gefängnis stand. Er promovierte 1969 in Neuerer Geschichte und unterrichtete bis 2005 Geschichte und Deutsch, zuletzt als Studiendirektor am Gymnasium Glinde.
Ein Hobbyforscher war er dabei nie: Seine Ausgabe von Snorris „Gylfaginning“ von 1984 gilt bis heute als Standardwerk, für die Acta Pacis Westphalicae edierte er die schwedischen Korrespondenzen des Westfälischen Friedenskongresses.
Und sein Engagement begann viel früher, als die Ordensbegründung nahelegt. Anfang der siebziger Jahre trat er in Hamburg der Internationalen Homophilen Welt-Organisation bei, dem letzten Verein der Nachkriegs-Homophilenbewegung. Öffentlich auftreten konnte er damit nicht. Von einem Lehrer damals zu erwarten, dass er sich hinstellt und sagt, er sei schwul, wäre „beruflicher Selbstmord“ gewesen, hat er der taz später gesagt. Die Arbeit, für die er jetzt den Orden bekommen hat, konnte deshalb erst beginnen, als der Schuldienst vorbei war. Andere hören dann auf.
2005 erschien „Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt“, gemeinsam mit Bernhard Rosenkranz: 384 Seiten, mehr als 350 Fotos, die meisten aus Privatbesitz und vorher nie veröffentlicht. Das erste Buch, das die Geschichte schwuler und queerer Menschen einer deutschen Großstadt von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart durcherzählt.
2006 gründete er mit Rosenkranz und Ulf Bollmann die Initiative „Gemeinsam gegen das Vergessen – Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer“. Ende April 2008 zeigte die KZ-Gedenkstätte Neuengamme das Material dieser Forschungsjahre erstmals öffentlich: Die Sonderausstellung „Homosexuellenverfolgung von 1919 – 1969“ lief bis Juli, der Eintritt war frei, bei der Eröffnung sprach unter anderen Bischöfin Maria Jepsen. Die Redner forderten damals eine Entschuldigung an die Verurteilten der fünfziger und sechziger Jahre. Sie kam neun Jahre später.
2009 folgte das Buch „Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919–1969“, 314 Seiten, rund 300 Biografien von Menschen, die das NS-Regime verfolgte, recherchiert aus Strafjustizakten, Behördendokumenten und Zeitzeugeninterviews. Wer heute in Hamburg über queere Stadtgeschichte forscht, arbeitet in diesen Büchern.
Wenn die Behörden ihre eigenen Räume öffnen
Foto: Lambda Ed.
2013 eröffnete die Ausstellung „Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945“, kuratiert von Lorenz und Bollmann. Sie hing in der Grundbuchhalle des Ziviljustizgebäudes, später in der Akademie der Polizei. Eröffnet wurde sie von Justizsenatorin Jana Schiedek, den Festvortrag hielt Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch. Dreizehn Jahre später, als Staatsrätin der Kulturbehörde, sprach Schiedek auf dem Empfang zu seinem Orden. 2024 kam der zweite Teil, „Vom Ende der Homosexuellenverfolgung zum Selbstbestimmungsrecht“, gezeigt im Hanseatischen Oberlandesgericht und eröffnet von dessen Präsidenten Marc Tully.
Man muss das nebeneinanderlegen, um die Leistung zu sehen. Bis 1945 wurden nach dem von den Nationalsozialisten verschärften Paragrafen 175 etwa 54.000 Männer verurteilt; in Hamburg schnellten die Anzeigen wegen „widernatürlicher Unzucht“ von 103 im Jahr 1932 auf 1.095 im Jahr 1936. Diese verschärfte Fassung galt in der Bundesrepublik unverändert weiter, bis sie 1969 abgeschwächt und erst 1994 vollständig gestrichen wurde. Für die Jahre 1949 bis 1969 geht die Forschung von über 50.000 Verurteilungen und mehr als 100.000 Ermittlungsverfahren aus.
Wie das im Einzelfall aussah, hat die Gedenkstätte am Berliner Heinz Dörmer dokumentiert: 1935 verhaftet, über Sachsenhausen nach Neuengamme verschleppt, 1945 in Flensburg befreit – und danach nach demselben Paragrafen mehrfach erneut verurteilt. Rehabilitiert oder für die NS-Verfolgung entschädigt wurde er nie. Die Urteile der NS-Zeit hob der Bundestag 2002 auf, die der Bundesrepublik erst 2017. Und in denselben Gebäuden, in denen diese Urteile gesprochen wurden, hängen heute die Ausstellungen, die das dokumentieren. Zwei Kuratoren haben das erreicht, ohne Lehrstuhl, ohne Etat.
Der Feldversuch
2017 wollte Lorenz wissen, was die mann-männliche Internetprostitution eigentlich ausmacht. Er führte über einhundert Interviews mit Sexarbeitern. Dann legte er sich selbst Escort-Profile an und meldete sich, mit 77 Jahren, nach dem neuen Prostituiertenschutzgesetz bei der Behörde an: gesundheitliche Beratung, zwei, drei Behördengänge, Passbilder, Wohnbescheinigung, am Ende eine lindgrüne Anmeldebescheinigung.
Mit 77 ließ er sich registrieren, um zu wissen, was der Staat notiert.
Seinen Erfahrungsbericht druckte hinnerk in Auszügen. Sein Urteil: kein Schutzgesetz, sondern ein Diskriminierungsgesetz. Er beschrieb die Weiterleitung der Daten an die Finanzämter, die Gefahr der Indiskretion und die Möglichkeit neuer „rosa Listen“, wie es sie in der NS-Zeit und der Nachkriegszeit gegeben hatte. Der Mann, der die alten Listen aus dem Staatsarchiv geholt hat, ging hin und prüfte nach, was der Staat 2017 wieder notiert. Das ist die Arbeitsweise, die man nicht in eine Ordensbegründung schreibt.
Wo er widerspricht
Wie unbequem er arbeitet, zeigt sich am besten an einer Figur, die in kein Schema passt. Paul Biederich, promovierter Jurist, trat 1933 in die Gestapo ein, brachte es zum Leiter der Dienststelle Potsdam und war SS-Unterscharführer. 1938 wurde er wegen homosexueller Beziehungen nach Paragraf 175 verurteilt; seine Zugehörigkeit zu SS und Gestapo wertete das Gericht dabei als strafverschärfend. Nach dem Krieg wurde derselbe Mann in Hamburg zu einem der wortgewaltigsten Anwälte der Homosexuellen, gründete 1949 eine Arbeitsgemeinschaft zur Abschaffung des Paragrafen und trat 1952 auf dem Frankfurter Kongress gegen die Polizeiaufsicht über Verurteilte auf – ein Instrument, das er aus der eigenen Dienstzeit kannte. Lorenz hat diese Biografie 2016 auf gut vierzig Seiten rekonstruiert. Wer so etwas veröffentlicht, hat sich entschieden, die eigene Geschichte nicht glatt zu erzählen.
Erst Paragraf 175, dann ein Orden – derselbe Staat, zwei Rollen.
Bequem ist er auch gegenüber der eigenen Seite nie geworden. Man werde ihn nie sagen hören, dass nur die Rechten homophob waren und die Linken homosexuellenfreundlich, sagte er uns im vergangenen Jahr; historisch sei das einfach nicht korrekt. Er verweist dann auf Detlef Grumbachs Aufsatz „Die Linke und das Laster“, auf Max Brauer, den autoritären und homophoben Ersten Bürgermeister der SPD, auf den KPD-Gesundheitssenator Fiete Dettmer, der Homosexuelle mit Verweis auf schlechte Erfahrungen im KZ ablehnte. Das Tanzverbot in Schwulenkneipen, 1960 vom Bezirksamt Mitte erlassen, war eine Hamburger Spezialität: In Bremen und Hannover durften Männer miteinander tanzen. Und die Einwegspiegel, hinter denen die Polizei auf öffentlichen Toiletten Schwule beobachtete und registrierte, zerschlug Corny Littmann 1980 mit Aktivist*innen – eine Aktion, die in der Bürgerschaft offene Ohren fand.
Sein Befund über die Gegenwart ist Geschichtsvergessenheit. Seit Jahren warne er in Vorträgen davor, dass Erreichtes zurückgedreht wird, und außer einer Schrecksekunde tue sich nichts. Und er hält den inflationären Gebrauch der großen Wörter für ein Problem, weil er das Differenzieren verhindert. Man kann ihm da widersprechen. Nur nicht mit dem Argument, er habe die Quellen nicht gelesen.
Auch beim Streit um den Begriff queer bleibt er unbequem, in beide Richtungen. Er nimmt die Kränkung älterer Schwuler ernst, die sich nicht mehr wertgeschätzt fühlen, und plädiert trotzdem für eine einheitliche queere Community statt für viele kleine, die nebeneinander agieren.
Vom Rand in die Mitte
Ende 2015 fing er mit Martin Eichenlaub und Heiko Gerlach an, über ein zentrales Mahnmal nachzudenken. Im Juni 2018 druckte hinnerk den Aufruf der Initiatoren und stellte ihm eine eigene Frage voran: Ein Spiegel am Jungfernstieg? Gemeint war Littmanns Aktion, umgedreht – das Instrument der Überwachung als Denkmal. Am 6. September lud die Contact-Bar in St. Georg zur ersten Infoveranstaltung. In der Diskussion wurde klar, dass ein reines Schwulenmahnmal nicht mehr mehrheitsfähig war. Am 27. November 2018 gründete sich im Magnus-Hirschfeld-Centrum die Initiative, aus der der „Denk-Ort für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ wurde. Es ist dasselbe Haus, in dem am 6. Oktober die Community gefeiert hat.
Dann kam das, was solche Projekte wirklich kostet: Zeit. Zur Ortsbegehung am 6. November 2021 waren 36 Gruppen eingeladen, 20 kamen; die Entscheidung für den Neuen Jungfernstieg an der Binnenalster fiel nahezu einstimmig. Lorenz selbst hatte für den Buenos-Aires-Kai geworben und blieb in der Minderheit. Über die Alster-Entscheidung sagte er später nur, ein Blick über die Binnenalster habe genügt.
2024 dann der Kunstwettbewerb: 149 Bewerbungen, 15 eingeladene Teams, 14 Entwürfe. Am 17. Juli 2024 gab das Preisgericht unter Vorsitz von Martin Eichenlaub den ersten Preis an „Für Capri und Roxi“ von Franziska Opel und Hannah Rath und den zweiten an den „Pavillon der Stimmen“ von Studio Other Spaces. Am 1. August stimmte die Community ab: 34 Anwesende, einstimmig für den Pavillon. Die Behörde für Kultur und Medien folgte dem Votum, die Bürgerschaft bewilligte 414.000 Euro für Planung und Umsetzung.
Ein Preisgerichtsvorsitzender, dessen Erstplatzierter überstimmt wird, könnte das als Niederlage verbuchen. Die Initiative machte daraus einen zweiten Denk-Ort. Am 13. November 2024 beschloss die Bürgerschaft auf Antrag von SPD und Grünen, „Für Capri und Roxi“ zusätzlich zu realisieren, in reduzierter Form und an einem historischen Ort in Hamburg-Mitte, mit 100.000 Euro aus dem Sanierungsfonds. Dagegen stimmte nur die AfD. Der Standort steht inzwischen fest, die Einweihung ebenfalls: Sonntag, 11. Oktober, 14 Uhr, Enckeplatz, öffentlich.
Gebaut ist an der Alster bis heute nichts. Im Juli berichtete die „Zeit“, dass die Arbeiten am Neuen Jungfernstieg noch nicht begonnen haben, obwohl die Kulturbehörde zuvor einen Baubeginn 2025 und die Fertigstellung 2026 in Aussicht gestellt hatte. Die Behörde verweist auf Abstimmungen zu Genehmigungen, Denkmalschutz, Barrierefreiheit und Tontechnik; das Projekt werde fünf bis zehn Prozent teurer, die Mehrkosten trage sie selbst. Neuer Zeitplan: Baubeginn im Frühjahr, fertig im Frühsommer 2027, möglichst zur Pride Week. Von den beiden Denkorten steht damit ausgerechnet der zuerst, den die Initiative nachträglich durchgesetzt hat.
Acht Stufen hat der Verdienstorden, Lorenz hat die zweite von unten bekommen. Den großen, sagte mir dieser Tage jemand vom LSVD, bekomme man nur für Wunder. Man kann darüber streiten, was ein Wunder ist. Aus einem Gedenkstein am Stadtrand, den 1985 andere Häftlingsgruppen verhindern wollten, sind zwei städtisch finanzierte Denkorte in der Hamburger Innenstadt geworden, einer davon wird jetzt eingeweiht. Das ist die Bilanz, die dieser Orden meint.
Was der Orden nicht erledigt
Es gibt eine Stelle im Begründungsschreiben, das der QueerHistoryMonth Hamburg im Januar 2025 an das Bundespräsidialamt schickte, die man nicht überlesen sollte. Angesichts seines hohen Alters, Jahrgang 1940, bitten die Verfasser*innen höflich um eine beschleunigte Bearbeitung.
Foto: Ullstein Verlag
Man muss diesen Satz einmal sacken lassen. Die Community musste darum bitten, dass die Ehrung noch zu Lebzeiten stattfindet – für eine Arbeit, die das Land seit zwanzig Jahren kostenlos bekommt. Der QueerHistoryMonth, dessen Schirmherr Lorenz seit 2024 ist, arbeitet ohne staatliche Förderung, rein ehrenamtlich; im Mai 2026 haben über 150 Ehrenamtliche mehr als 50 Veranstaltungen möglich gemacht. Das Berliner Vorbild lief zehn Jahre und wurde 2025 gestrichen, weil die Fördermittel fehlten. Dass am 25. Juli 2026 der Berliner CSD angegriffen wurde, hat niemand in dieser Stadt vergessen.
„Der Hamburger ‚Denk-Ort‘ schließt niemanden aus.“
Die Community selbst war übrigens schneller als der Staat. Den Hamburger Pride-Award bekamen Lorenz und Bollmann schon 2013, verliehen bei der Eröffnungsgala der CSD-Wochen, wenige Tage nach der Eröffnung von „Liberales Hamburg?“. Die beiden seien das Gedächtnis der Community, hieß es damals zur Begründung. Dreizehn Jahre später zieht die Bundesrepublik nach.
Lorenz arbeitet weiter. Seit Jahren überträgt er schwedische Literatur ins Deutsche – 2016 Jonas Gardells Debüt „Das Passionsspiel“ und Bengt Söderberghs „Eine lebenslange Liebe“, zuletzt Gardells Aids-Trilogie „Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe“, der er für die deutsche Ausgabe ein Vorwort, historische Anmerkungen und neun Stadterkundungen durch Stockholm beigegeben hat. Und am 17. Mai dieses Jahres stand er auf dem Rathausmarkt und sprach beim Rainbowflash ein Grußwort, neben Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal.
Ein Orden ist eine schöne Sache, und dieser ist überfällig. Er ersetzt aber keine Stelle, kein Archivbudget und keine Nachfolge. Hamburg bekommt zwei Denkorte, einen davon frühestens 2027, und hat ein Festival, das an Feierabenden entsteht. Wenn die Stadt es ernst meint mit dem, was sie am 6. Oktober im Rathaus gewürdigt hat, dann sichert sie die queere Geschichtsforschung institutionell ab: eine bezahlte Stelle an einer Gedenkstätte oder Hochschule, einen verlässlichen Fördertopf für den QueerHistoryMonth, Geld für die Digitalisierung der Bestände.
Bernhard Rosenkranz, mit dem die Sache 2005 anfing, ist 2010 gestorben, mit fünfzig. Gottfried Lorenz ist Jahrgang 1940. Und die Quellen warten nicht: Die meisten Strafakten nach Paragraf 175 hat das Staatsarchiv in den neunziger Jahren wegen kurzer Aufbewahrungsfristen vernichtet, bevor jemand sie auswerten konnte. Dass wenigstens die Verfahrensregister erhalten blieben, verdankt sich nach einem Bericht des „Freitag“ von 2018 Ulf Bollmann, der im Staatsarchiv arbeitet.
INFO
Einweihung des Kunstwerks „Für Capri und Roxi“ (hinnerk berichtete), Sonntag, 11. Oktober 2026, 14 Uhr, Enckeplatz, Hamburg. Öffentlich zugänglich, Teilnahme kostenlos.