Es gibt Nachrichten, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, bevor man mit dem Schreiben beginnt. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus purer Wut. Aus dem nordfranzösischen Lille erreichen uns Berichte über einen Fall, der fassungslos macht – und bei dem wir als LGBTIQ*-Community wachsam sein müssen, damit nicht erneut uralte, homophobe Vorurteile den Weg in die Schlagzeilen finden.
Was ist passiert?
Foto: Freepic I CCo
Die französische Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen zehn Männer im Alter zwischen 29 und 50 Jahren erhoben. Der Vorwurf wiegt schwer: Sie sollen einen fünfjährigen Jungen vergewaltigt haben. Das unfassbare Detail: Der eigene Vater soll das Kind „in Kontakt“ mit diesen Männern gebracht und es mit chemischen Substanzen betäubt haben, um den Missbrauch zu ermöglichen. Die Taten ereigneten sich zwischen November 2024 und Februar 2025. Die Behörden deckten das kriminelle Netzwerk auf, nachdem Hinweise auf eine angebliche Party in Lille eingegangen waren. Und hier fällt das Wort, das uns aufhorchen lässt: In den Berichten ist die Rede von einer „Chemsex“-Party.
Stoppt das Framing!
Hier müssen wir eine unmissverständliche rote Linie ziehen. Begriffe formen die Realität. Wenn wir von „Chemsex“ sprechen, meinen wir in der Regel einvernehmlichen Sex unter Erwachsenen mit Substanzgebrauch. Man kann über die gesundheitlichen Risiken von Tina, G und Co. diskutieren – und das tun wir auch oft genug. Aber: Ein fünfjähriges Kind kann keinen Sex haben. Und ein fünfjähriges Kind nimmt erst recht nicht an „Chemsex“ teil.
Einen Artikel zur Chemsex-Substanz Monkey Dust, Risiken und deren Minimierung findest du in der aktuellen männer* auf epaper.maenner.media!
Ein Kind, das von seinem Vater unter Drogen gesetzt wird, ist ein Opfer schwerster Körperverletzung und sexualisierter Gewalt. Dass dies in einem Setting geschah, das die Täter vielleicht als „Party“ bezeichneten, ändert nichts an der Natur der Tat. Das Label „Chemsex“ ist in der Berichterstattung über Kindesmissbrauch absolut fehl am Platz, denn es suggeriert einen Lifestyle-Zusammenhang, wo in Wahrheit rein kriminelle Energie herrscht. Pädophilie und Gewalt sind keine sexuelle Orientierung und haben nichts mit der schwulen Community zu tun.
Das Muster der toxischen Männlichkeit
Der Fall erinnert fatal an die Causa Gisèle Pélicot, die Frankreich und die Welt im Jahr 2024 erschütterte. Auch dort betäubte ein Ehemann sein Opfer, um es von fremden Männern vergewaltigen zu lassen. Das verbindende Element ist hier nicht die sexuelle Orientierung der Täter oder die Frage, ob es eine „Schwulenparty“ war. Das verbindende Element ist eine unfassbare toxische Männlichkeit, die Verfügungsgewalt über andere Körper sucht – sei es die eigene Ehefrau oder der eigene Sohn. Es geht um Macht, Missbrauch und das skrupellose Ausnutzen von Wehrlosigkeit durch chemische Substanzen.
Einer der Hauptverdächtigen hat sich bereits im Juni letzten Jahres in der Untersuchungshaft das Leben genommen. Einem anderen Angeklagten wird vorgeworfen, ein Video der Tat besessen, aber nicht gemeldet zu haben. Das Kind befindet sich inzwischen in der Obhut seiner Mutter.