Der Kampf um die Selbstbestimmung von trans Jugendlichen wird oft auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen – meist mit harten Fakten fernab der Realität. Eine aktuelle Erhebung von „The Trevor Project“ bringt nun Licht ins Dunkel und zeigt drastisch auf: Der Zugang zu geschlechtsangleichender Pflege ist kein „Trend“, sondern oft die Grenze zwischen Leben und Tod.
In den letzten Jahren ist trans Identität bei Jugendlichen zu einem politischen Zankapfel geworden. Dabei wird oft vergessen, dass es um echte Menschenleben geht. Eine aktuelle Erhebung von The Trevor Project liefert nun Zahlen zu dem, was viele in der Community schon lange spüren: Es ist nicht die Identität der Jugendlichen, die sie gefährdet, sondern der Mangel an Unterstützung und der fehlende Zugang zu medizinischer Hilfe.
Die Realität hinter den Schlagzeilen
Oft ist zu hören, Jugendliche würden „überstürzt“ in medizinische Behandlungen gedrängt. Die Zahlen aus dem „2025 U.S. National Survey on the Mental Health of LGBTQ+ Young People“ des Trevor Project zeichnen ein völlig anderes Bild. Von den mehr als 16.000 LGBTIQ*-Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 13 und 24 Jahren, die an der Studie teilnahmen, nehmen gerade einmal 10 Prozent der trans und nichtbinären Minderjährigen aktuell Hormone. Nur 3 Prozent nutzen Pubertätsblocker. Die überwältigende Mehrheit erhält derzeit also überhaupt keine medizinische Transitionshilfe.
Damit zeigt die Studie vor allem eines: Geschlechtsbejahende medizinische Versorgung ist für viele junge Menschen nicht leicht verfügbar – selbst dann nicht, wenn sie diese wünschen oder brauchen. Unter trans und nichtbinären jungen Menschen, die Zugang zu entsprechender Versorgung hatten, berichteten 75 Prozent dennoch von Schwierigkeiten. Am häufigsten genannt wurden Probleme mit Versicherungen, lange Wartezeiten und fehlende kompetente medizinische Angebote vor Ort.
Das ist gefährlich, denn Jugendliche, die sich eine Hormontherapie wünschten, aber keinen Zugang dazu fanden, berichteten fast doppelt so häufig von einem Suizidversuch: 15 Prozent gegenüber 8 Prozent bei denjenigen, die diese Versorgung erhielten.
Angst als ständiger Begleiter
Besonders deutlich wird die politische Dimension der Zahlen bei der Angst vor weiteren Einschränkungen. 87 Prozent der trans und nichtbinären jungen Menschen, die Hormone zur Unterstützung ihrer Transition oder ihres Geschlechtsausdrucks nutzten, zeigten sich besorgt, diesen Zugang wieder verlieren zu können.
Diese Sorge kommt nicht aus dem Nichts. In den USA wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Gesetze und politische Maßnahmen gegen trans Menschen vorangetrieben. Nach Angaben des Trevor Project hatten LGBTIQ*-bezogene politische Debatten, Gesetze und Maßnahmen für 90 Prozent der befragten LGBTIQ*-Jugendlichen Stress oder Angst zur Folge; unter trans und nichtbinären Jugendlichen lag dieser Wert bei 94 Prozent. Mehr als drei Viertel sagten, solche Debatten hätten ihre psychische Gesundheit negativ beeinflusst.
Nicht Identität macht krank, sondern Ausgrenzung
Besonders bewegend ist der emotionale Druck, unter dem die Jugendlichen stehen. Ganze 94 Prozent der befragten trans und nichtbinären Jugendlichen gaben an, dass die aktuellen politischen Debatten und transfeindlichen Gesetze ihre psychische Gesundheit massiv belasten. Wer ständig lesen muss, dass die eigene Existenz zur Debatte steht, trägt eine Last, die kein junger Mensch tragen sollte.
„Diese jungen Menschen berichten, dass sie gemobbt, diskriminiert und von Politikern debattiert werden, nur weil sie sie selbst sind“,
erklärt Jaymes Black, CEO von The Trevor Project. Die Organisation betont, dass LGBTIQ*-Jugendliche nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität „von Natur aus“ ein höheres Suizidrisiko haben. Entscheidend seien vielmehr Stigmatisierung, Diskriminierung und Gewalt.
Auch hier sind die Zahlen deutlich: LGBTIQ*-Jugendliche, die sogenannte „Konversionsbehandlungen“, Mobbing, körperliche Bedrohung oder Diskriminierung wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erlebt hatten, berichteten mehr als dreimal so häufig von Suizidversuchen wie Jugendliche ohne solche Erfahrungen.
Ein Lichtblick: Akzeptanz rettet Leben
Die gute Nachricht ist: Wir wissen, was hilft. Große Studien belegen, dass ein unterstützendes Umfeld und der Zugang zu geschlechtsaffirmierender Versorgung Depressionen und Suizidgedanken deutlich reduzieren können. Junge LGBTIQ*-Menschen, die in sehr akzeptierenden Communities lebten, berichteten deutlich seltener von Suizidversuchen als jene in sehr ablehnenden Umfeldern. Für trans und nichtbinäre Jugendliche waren außerdem respektierte Pronomen, Zugang zu geschlechtsunterstützenden Räumen und praktische Anerkennung ihrer Identität mit niedrigeren Suizidraten verbunden.
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Es ist nicht die Identität der Jugendlichen, die sie gefährdet, sondern der Mangel an Unterstützung und der fehlende Zugang zu medizinischer Hilfe. Wenn wir Räume schaffen, in denen junge LGBTIQ*-Menschen willkommen sind, sinkt das Risiko für Suizidversuche signifikant.