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Mexiko-Stadt putzt sich heraus. Pünktlich zum Juni schmücken Pride-Flaggen die Metropole, während die milliardenschweren Vorbereitungen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 auf Hochtouren laufen. Der Aufwand hat seinen Preis und den zahlen die Marginalisiertesten der Gesellschaft. Am gestrigen Internationalen Tag der Sexarbeiterinnen (2. Juni) gingen Hunderte Frauen auf die Straße, um gegen ihre systematische Vertreibung zu protestieren. Die teuren städtebaulichen Verschönerungen für das globale Sport-Event rauben ihnen nicht nur ihre sicheren Arbeitsplätze, sondern stürzen viele direkt in die Obdachlosigkeit.
„Kein Pride ohne unsere Schwestern“
Die enge Solidarität zwischen den Sexarbeiterinnen und der LGBTIQ*-Community ist tief verwurzelt. Ein Großteil der unabhängigen Sexarbeiterinnen in der mexikanischen Hauptstadt sind trans Frauen, die aufgrund von anhaltender gesellschaftlicher Stigmatisierung kaum Zugang zum regulären Arbeitsmarkt haben. Der öffentliche Raum stellt für sie eine essenzielle und oft die einzige Einkommensquelle dar. Auf der Kundgebung warfen die Protestierenden der Politik vor, den Pride-Monat lediglich als PR-Instrument für ein weltoffenes Image der Stadt zu nutzen. Die Sprecherinnen der Organisation Trabajadoras Sexuales Unidas e Independientes verurteilten dieses „Rainbow-Washing“ scharf.
„Es gibt keinen gesellschaftlichen Stolz, wenn unsere Schwestern auf der Straße kriminalisiert werden und wir nur als bunte Kulisse für die Weltmeisterschaft dienen sollen“, erklärte eine Vertreterin des Kollektivs in ihrer Rede vor der Metropolitankathedrale. Wahre Solidarität zeige sich nicht in städtischen PR-Kampagnen, sondern im konkreten Schutz vor systemischer Gewalt und Obdachlosigkeit.
90% weniger Einkommen
Im Zentrum des Konflikts stehen die massiven städtebaulichen Veränderungen rund um die Calzada de Tlalpan. Diese historische Verkehrsachse führt direkt zum Eröffnungsstadion der WM und wird derzeit mit einem Budget von knapp zwei Milliarden Pesos durch neue Hochparks und Radwege umgestaltet. Für die dort seit Jahrzehnten arbeitenden Frauen bedeutet das den Verlust ihrer etablierten und als sicher geltenden Zonen. Lokale Hilfsorganisationen belegen, dass die weitreichenden Absperrungen bei vielen Betroffenen zu Einkommenseinbußen von bis zu neunzig Prozent geführt haben. Um einer drohenden Obdachlosigkeitswelle entgegenzuwirken, berufen sich die Demonstrantinnen juristisch auf das nationale Gesetz für öffentliche Bauarbeiten (Ley de Obras Públicas). Ein von den Kollektiven veröffentlichtes Forderungspapier zitiert die entsprechenden Passagen des Gesetzes, welche bei einkommensschädigenden Großprojekten verbindliche Studien zur Schadensminderung sowie direkte finanzielle Entschädigungen für die betroffene lokale Bevölkerung vorschreiben. Bislang habe die Stadtregierung diese rechtlichen Pflichten ignoriert.
Warnung vor Menschenhandel
Neben der finanziellen Kompensation verlangen die Protestierenden die konsequente Umsetzung der bereits erstrittenen Arbeitsrechte. Die juristische Grundlage hierfür bildet das historische Gerichtsurteil Amparo 112/2013, in dem einvernehmliche Sexarbeit in Mexiko-Stadt höchstrichterlich als legale, nicht-angestellte Tätigkeit im öffentlichen Raum anerkannt wurde. Trotz dieser Rechtslage verweigern die Behörden in der Praxis oft die Ausgabe der offiziellen Ausweiskarten, der sogenannten Tarjetones, die die Frauen vor behördlicher Willkür schützen sollen. Zusätzlich nutzten die Demonstrantinnen die mediale Aufmerksamkeit, um eine deutliche Grenze zur Zwangsprostitution zu ziehen.
„Eine Weltmeisterschaft zieht empirisch belegt internationale Netzwerke für Zwangsprostitution an. Die Behörden müssen diese Kriminellen jagen, anstatt uns, die wir freiwillig und unabhängig arbeiten, aus dem Stadtbild zu tilgen“, hieß es in einer gemeinsamen Presseerklärung der Bündnisse. Die staatlichen Ermittlungsressourcen müssten sich auf den tatsächlichen Menschenhandel konzentrieren, anstatt historisch gewachsene, legale Strukturen unter dem Vorwand einer vermeintlich sauberen WM-Stadt zu zerstören.
*Quellen: EFE / Swissinfo, N+ / Televisa, Infobae