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Sexuelle Gesundheit

Sexuelle Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von STI. Die WHO versteht darunter körperliches, emotionales, geistiges und soziales Wohlbefinden – frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Das ist ein Anspruch, kein Laborwert.

Die Definition, auf die es ankommt

Die Weltgesundheitsorganisation arbeitet seit 2006 mit einer Definition, die den entscheidenden Satz gleich mitliefert: Sexuelle Gesundheit sei „ein Zustand körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität; sie ist nicht lediglich die Abwesenheit von Krankheit, Funktionsstörung oder Gebrechen“. Und weiter: Sie verlange eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen sowie die Möglichkeit lustvoller und sicherer sexueller Erfahrungen, „frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt“ (WHO, Defining sexual health; deutsche Fassung im Leitbegriff des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit). Die Definition ist eine Arbeitsdefinition, kein Beschluss der Mitgliedstaaten – auch das gehört dazu, wenn man sie zitiert.

Warum dieser Satz für queere Menschen etwas anderes bedeutet

Weil in ihm drei Wörter stehen, die die eigene Geschichte beschreiben: Zwang, Diskriminierung, Gewalt. Dieselbe Organisation hat Homosexualität bis zum 17. Mai 1990 im Diagnoseschlüssel geführt; erst an diesem Tag verschwand sie daraus, weshalb dieses Datum heute als IDAHOBIT begangen wird. Eine Gesundheitsdefinition, die Diskriminierungsfreiheit einschließt, ist deshalb nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis eines Streits, der Jahrzehnte gedauert hat – und der in §175 und in der Verfolgung seine deutsche Vorgeschichte hat.

Was daraus praktisch folgt

Erstens: Prävention, die nur Übertragungswege erklärt, erfüllt den Anspruch nicht. PrEP und STI-Tests sind notwendig und ändern nichts daran, dass Wohlbefinden mitgemeint ist. Zweitens: Lust ist kein Zusatz, sondern Bestandteil – wer sie ausklammert, redet über Krankheitsvermeidung und nennt es Gesundheit. Drittens: Diskriminierung ist ein Gesundheitsfaktor. Der Minoritätenstress ist der Mechanismus dahinter, und er erklärt einen erheblichen Teil dessen, was in der Szene als Substanzkonsum sichtbar wird.

Die deutsche Forschung sagt dasselbe. Die Clubdrug-Studie zum Drogenkonsum von Männern, die Sex mit Männern haben, endet mit der Forderung, Präventionsstrategien zu entwickeln, die auf körperliches und psychisches Wohlbefinden zielen – und Suchthilfe und Aidshilfen enger zu vernetzen, weil die Klientel bisher zwischen beiden Systemen hindurchfällt (Deimel et al. 2016, Harm Reduction Journal; recherchiert über PubMed).

Viertens, und das ist die unbequemste Folge: Eine Praxis, in der man sein Sexualleben verschweigen muss, um respektvoll behandelt zu werden, ist keine gute Praxis. Die Bereitschaft, Sex in der Sprechstunde beim Namen zu nennen, ist Teil der Versorgung, nicht ihr Extra.

Was du selbst tun kannst

Eine Praxis finden, in der du nichts erklären musst. Die Deutsche Aidshilfe und die Aids-Hilfen vor Ort vermitteln Schwerpunktpraxen und Checkpoints; dort ist Chemsex, PrEP oder wechselnde Partner kein Thema, für das du dich rechtfertigen musst.

Testen als Routine, nicht als Reaktion. Wer regelmäßig testet, macht aus einer Angstfrage einen Termin. Viele Checkpoints testen anonym und kostengünstig, die Termine stehen auf aidshilfe.de/testangebote.

Impfungen mitnehmen. Gegen Hepatitis A und B, gegen HPV, gegen Mpox – Impfstatus lässt sich in einem Termin klären und schließt Lücken, die kein Kondom schließt.

Das Psychische mitdenken. Sexuelle Gesundheit endet nicht am Befund. Wenn Sex mit Angst, Scham oder Zwang verbunden ist, gehört das in eine Beratung – bei den Aids-Hilfen, bei iwwit.de oder in einer Therapie, die queere Lebensrealitäten kennt.

Service: aidshilfe.de · iwwit.de · Testangebote und Checkpoints · Telefonseelsorge 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenlos

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