Die Niederlande gelten als Vorreiter bei LGBTIQ*-Rechten. Doch unter Jugendlichen geht die Akzeptanz von Homosexualität deutlich zurück. Bei Jungen an weiterführenden Schulen hat sich der Anteil mit einer positiven Einstellung seit 2021 fast halbiert.
Die Akzeptanz von Homosexualität unter Jugendlichen in den Niederlanden ist innerhalb von nur vier Jahren massiv gesunken. Das zeigt die neue Ausgabe der repräsentativen HBSC-Studie, die von der Universität Utrecht und dem Trimbos-Institut durchgeführt wird.
Besonders deutlich ist die Entwicklung bei Jungen an weiterführenden Schulen: 2021 hatten noch 40 Prozent eine positive Einstellung gegenüber Homosexualität, 2025 waren es nur noch 22 Prozent. Bei Mädchen sank der Anteil im selben Zeitraum von 78 auf 51 Prozent. Insgesamt äußerten nur noch 36,5 Prozent der Schüler*innen an weiterführenden Schulen eine positive Haltung.
Damit ist ein jahrelanger positiver Trend vorerst gebrochen. Nach Angaben der Forschenden liegt die Akzeptanz inzwischen wieder ungefähr auf dem Niveau von 2009. Wegen Änderungen bei der Stichprobe lassen sich die Werte allerdings nicht unmittelbar miteinander vergleichen.
Weniger Jugendliche glauben an ein offenes Coming-out in der Schule
Auch bei einer zweiten Frage zeigt sich eine deutliche Verschlechterung. 2021 glaubten noch rund 60 Prozent der Schüler*innen, dass schwule und lesbische Jugendliche an ihrer Schule offen über ihre sexuelle Orientierung sprechen können. 2025 waren es nur noch 45 Prozent.
Die Daten stammen aus der niederländischen Ausgabe der internationalen Studie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC). Für die Erhebung 2025 wurden 1.510 Schüler*innen im letzten Grundschuljahr sowie mehr als 5.000 Schüler*innen zwischen 12 und 16 Jahren an weiterführenden Schulen befragt. Die niederländische Untersuchung wird seit 2001 alle vier Jahre durchgeführt.
Warum sinkt die Akzeptanz?
Eine eindeutige Erklärung liefert die Studie nicht. Hauptautorin Gonneke Stevens, Professorin für Jugendwohlbefinden an der Universität Utrecht, verweist allerdings auf ein gesellschaftliches Umfeld, in dem sexuelle und geschlechtliche Vielfalt stärker zum Gegenstand kontroverser Debatten geworden ist.
Gegenüber dem niederländischen Sender NOS nannte sie unter anderem negative Äußerungen von Politiker*innen und Influencern sowie Debatten um Sexualaufklärung und Aktionstage wie den „Paarse Vrijdag“ – den niederländischen Purple Friday für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt an Schulen. Auch die sogenannte Manosphere und eine stärkere Betonung traditioneller Geschlechterrollen werden diskutiert. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit jedoch nicht nachgewiesen.
Bemerkenswert ist, dass der Rückgang nach Angaben der Forschenden nicht auf eine einzelne Bevölkerungsgruppe beschränkt ist. Er zeigt sich bei Jungen wie Mädchen und über unterschiedliche Bildungs- und soziale Gruppen hinweg.
LGBTIQ*-Verband fordert Konsequenzen
Der niederländische LGBTIQ*-Verband COC bezeichnet die Entwicklung als alarmierend. Die Organisation fordert unter anderem mehr Aufmerksamkeit für LGBTIQ*-Akzeptanz an Schulen und ein konsequenteres Vorgehen gegen Hass und Desinformation in sozialen Medien.
Die Ergebnisse treffen ein Land, das international lange als Vorreiter bei LGBTIQ*-Rechten galt. 2001 öffneten die Niederlande als erstes Land der Welt die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.
Die neue Untersuchung zeigt jedoch, dass rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz nicht zwangsläufig dieselbe Entwicklung nehmen.