Pierre Picavet, Präsident der französischen LGBTIQ*-Organisation FLAG!, ist nach dem Besuch einer Schwulenbar im Pariser Marais brutal angegriffen worden. Der Polizist erlitt schwere Verletzungen. Gegen einen 20-Jährigen wird wegen schwerer Körperverletzung ermittelt.
Ein nächtlicher Barbesuch im Pariser Schwulenviertel Marais endete für Pierre Picavet im Krankenhaus. Der Polizist und Präsident von FLAG!, einer LGBTIQ*-Organisation für Beschäftigte unter anderem der französischen Innen- und Justizbehörden, wurde in der Nacht zum Samstag auf offener Straße angegriffen und schwer verletzt.
Nach Picavets Schilderung begann die Attacke kurz vor 4 Uhr morgens, nachdem er eine Schwulenbar im Marais verlassen hatte. Ein junger Mann habe ihn zunächst angesprochen. Dann habe er ihn schwulenfeindlich beleidigt und mit dem Tod bedroht.
Picavet versuchte nach eigenen Angaben, den Angreifer abzuschrecken, indem er sich als Polizist zu erkennen gab und seinen Dienstausweis zeigte. Die Attacke ging dennoch weiter. Der Mann soll Picavet unter anderem mit einer Flasche am Kopf getroffen und anschließend weiter auf ihn eingeschlagen haben.
Picavet erlitt mehrere Frakturen im Gesicht und am Schädel sowie eine intrakranielle Blutung. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wurden ihm 40 Tage Arbeitsunfähigkeit attestiert. Weitere medizinische Eingriffe sind notwendig.
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Beschuldigter unter gerichtlicher Aufsicht
Ein Zeuge identifizierte noch am Tatort einen Verdächtigen. Die Polizei nahm einen 20-Jährigen fest, der nach Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft zum Zeitpunkt der Tat alkoholisiert war und zuvor nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten war.
Die Pariser Staatsanwaltschaft wertet das mutmaßlich homofeindliche Motiv als strafverschärfenden Umstand. Nach ihrer Einschätzung wurde die Gewalttat aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität des Opfers begangen. Als weitere erschwerende Umstände nennt sie die offenkundige Alkoholisierung des Beschuldigten und den Einsatz einer Waffe. Am Montag wurde ein Ermittlungsrichter mit dem Fall betraut.
Inzwischen ist der Beschuldigte wegen schwerer Körperverletzung und Diebstahls angeklagt worden. Er befindet sich unter gerichtlicher Aufsicht. Unter anderem darf er das 3. und 4. Arrondissement von Paris nicht betreten und keinen Kontakt zu Picavet aufnehmen. Zudem darf er das französische Mutterland nicht verlassen, muss sich regelmäßig bei den Behörden melden und sich einer suchtmedizinischen Behandlung unterziehen.
Der Beschuldigte bestreitet nach Angaben seiner Anwältin ein homofeindliches Motiv. Ob die sexuelle Orientierung Picavets juristisch als erschwerender Umstand gewertet wird, ist damit Gegenstand des laufenden Verfahrens.
FLAG! kämpft selbst gegen LGBTIQ*-feindliche Gewalt
FLAG! Communication FLAG! - Own work, CC BY 4.0, Link
Der Angriff erhält auch durch Picavets Funktion besondere Bedeutung. FLAG! setzt sich seit 2001 gegen Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTIQ*s ein und vertritt insbesondere Beschäftigte der Polizei sowie der französischen Innen- und Justizbehörden.
Die Organisation entwickelte unter anderem die App Signal by FLAG!, über die Betroffene und Zeug*innen Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTIQ*s melden können.
Stop Homophobie erklärte nach der Attacke seine Solidarität mit Picavet. Die Organisation verwies darauf, dass LGBTIQ*-feindliche Gewalt auch an Orten Realität bleibe, an denen LGBTIQ*s sich eigentlich frei und sicher bewegen können sollten.
Fast 4.900 registrierte Straftaten mit homo- oder transfeindlichem Hintergrund
Dass der Angriff ausgerechnet im Marais geschah, ist dabei besonders symbolträchtig. Das historische Viertel im Zentrum von Paris ist seit Jahrzehnten eines der sichtbarsten Zentren schwulen und queeren Lebens in Frankreich.
Die aktuellen Zahlen des französischen Innenministeriums zeigen zugleich, dass Hasskriminalität gegen LGBTIQ*s weiterhin verbreitet ist. Polizei und Gendarmerie registrierten 2025 landesweit rund 4.900 Straftaten mit homo- oder transfeindlichem Hintergrund – zwei Prozent mehr als im Vorjahr. 64 Prozent davon waren Verbrechen oder Vergehen; deren Zahl stieg um vier Prozent.
Über einen längeren Zeitraum ist der Anstieg noch deutlicher: Zwischen 2016 und 2024 nahm die Zahl der registrierten queerfeindlichen Übergriffe im Durchschnitt um 13 Prozent pro Jahr zu. Die offiziellen Zahlen bilden allerdings nur einen Teil der tatsächlichen Übergriffe ab. Nach einer Befragung des Innenministeriums zeigen nur rund drei Prozent der Betroffenen die Taten bei der Polizei an.
Besonders häufig werden solche Straftaten in Großstädten registriert – allen voran in Paris. Mehr als 70 Prozent der polizeilich erfassten Opfer von LGBTIQ*-feindlichen Verbrechen und Vergehen sind Männer, fast die Hälfte ist jünger als 30 Jahre. *AFP/sah