Ein Gericht im russischen Orenburg hat drei Verantwortliche des queeren Clubs Pose zu Haftstrafen bis zu sieben Jahren verurteilt. Es ist der erste bekannte Strafprozess unter Russlands Verbot der angeblichen „LGBT-Bewegung“.
In Russland ist ein queerer Club zum Exempel geworden: Ein Gericht in Orenburg hat drei Verantwortliche des Clubs Pose zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Ihnen wurde vorgeworfen, eine „extremistische Organisation“ organisiert beziehungsweise daran teilgenommen zu haben. Gemeint ist die von Russland verbotene angebliche „internationale LGBT-Bewegung“.
Der Fall gilt als erster bekannter Strafprozess dieser Art seit der Entscheidung des Obersten Gerichts in Russland, die sogenannte „LGBT-Bewegung“ als extremistisch einzustufen. Menschenrechtsorganisationen hatten bereits damals gewarnt, dass damit praktisch jede Form queerer Sichtbarkeit kriminalisiert werden könne.
Sieben Jahre Haft für den Club-Betreiber
Die härteste Strafe erhielt der 37-jährige Betreiber des Clubs, Vyacheslav Khasanov: Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt und soll zusätzlich eine Geldstrafe von einer Million Rubel zahlen. Die 30-jährige Administratorin Diana Kamilyanova erhielt sechs Jahre und drei Monate Haft. Der 23-jährige Art Director Alexander Klimov wurde zu zwei Jahren und drei Monaten verurteilt.
Alle drei hatten die Vorwürfe zurückgewiesen.
Nach Darstellung der Ermittler*innen sollen die Angeklagten unter dem Deckmantel eines Nachtclubs Veranstaltungen organisiert haben, bei denen eine Zugehörigkeit zu Menschen mit „nichttraditioneller sexueller Orientierung“ gezeigt worden sei. Kamilyanova soll Drag-Auftritte gefilmt haben, Klimov soll Treffen mit Künstler*innen organisiert und in Telegram „LGBT-Beziehungen“ propagiert haben.
Aus einer Bar wurde ein „Extremismus“-Fall
Der Club Pose in Orenburg war seit 2021 aktiv und für Drag- und Themenpartys bekannt. Als der politische Druck auf queere Sichtbarkeit in Russland weiter zunahm und Gesetze gegen LGBTIQ*-Inhalte immer weiter verschärft wurden, präsentierte sich der Club nach Recherchen unabhängiger russischer Medien später als „Parodie-Bar-Theater“ beziehungsweise als Nachtbar mit Showprogramm.
Geschützt hat das offenbar nicht. Im März 2024 wurde der Club von Sicherheitskräften und der russischen Nationalgarde durchsucht. Später wurden die Verantwortlichen festgenommen (männer* berichtete). Das russische Innenministerium erklärte damals, die Tätigkeit eines Nachtclubs sei unterbunden worden, in dem sich Vertreter*innen einer in Russland verbotenen Bewegung versammelt hätten.
Für queere Menschen in Russland ist das Urteil weit mehr als ein einzelner Gerichtsfall. Es zeigt, wie aus einem politischen Feindbild konkrete Haftstrafen werden. Nicht Gewalt, nicht Aufrufe zu Straftaten, nicht eine reale Organisation standen im Zentrum des Verfahrens – sondern Drag-Shows, queere Treffpunkte und Sichtbarkeit.
Russland kriminalisiert queere Sichtbarkeit immer weiter
Russlands Oberstes Gericht hatte Ende 2023 die angebliche „internationale LGBT-Bewegung“ als extremistisch eingestuft und ihre Tätigkeit verboten (männer* berichtete). Das Problem: Eine solche Organisation existiert nicht als klar umrissene Struktur. Genau darin liegt die Gefahr. Der Begriff lässt sich weit auslegen – gegen Aktivist*innen, Veranstalter*innen, Künstler*innen, Medien oder Menschen, die schlicht sichtbar queer leben.
Menschenrechtsorganisationen warnten schon damals, dass diese juristische Konstruktion praktisch jede Form queeren Lebens angreifbar macht: Beratungsstellen, Medien, Treffpunkte und Community-Orte ebenso wie Privatpersonen, die offen auftreten oder andere queere Menschen unterstützen.
Seitdem hat Russland die Repression weiter verschärft. LGBTIQ*-Organisationen wurden verboten, queere Inhalte sanktioniert, Menschen eingeschüchtert. Der Fall Pose zeigt nun, dass aus dieser Politik lange Haftstrafen werden können. Das Urteil sendet eine klare Botschaft an Clubs, Bars, Künstler*innen und queere Treffpunkte im Land: Wer Sichtbarkeit schafft, riskiert nicht mehr nur Razzien oder Geldstrafen, sondern jahrelange Haft.
Gerade deshalb ist das Urteil so bedrohlich. Es richtet sich nicht nur gegen drei Menschen in Orenburg, sondern gegen alle, die in Russland queere Räume schaffen, nutzen oder verteidigen. Die Botschaft ist eindeutig: Sichtbarkeit soll Angst machen. Für queere Menschen wird damit selbst das Private politisch gefährlich. Eine Dragshow, ein Telegram-Kanal, ein Clubabend – all das kann plötzlich als Beleg für „Extremismus“ ausgelegt werden.