Unter dem Motto „Unsere Familien sind Teil der Ukraine“ haben am Sonntag rund 5.000 Menschen am zehnten KyivPride teilgenommen. The Kyiv Independent zufolge war es die größte Pride-Veranstaltung in der ukrainischen Hauptstadt seit Beginn des russischen Großangriffs im Februar 2022.
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Größter KyivPride seit Kriegsbeginn
Der Marsch begann am roten Hauptgebäude der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität und führte rund 1,2 Kilometer durch das Zentrum von Kiew. Unter den Teilnehmenden waren LGBTIQ*s, Soldat*innen, Veteran*innen, Menschenrechtsaktivist*innen, Diplomat*innen und zahlreiche Unterstützer*innen aus verschiedenen Teilen des Landes.
Nach etwa zwei Stunden wurde das Ende der Veranstaltung von einem Luftalarm überschattet. Während eines russischen Drohnenangriffs waren in der Hauptstadt Explosionen zu hören, die ukrainische Luftabwehr wurde aktiviert, die Parade wurde daraufhin aufgelöst.
„Unsere Familien sind Teil der Ukraine“
Im Mittelpunkt des diesjährigen KyivPride stand die rechtliche Anerkennung queerer Familien. Gleichgeschlechtliche Paare können in der Ukraine weder heiraten noch eine eingetragene Partnerschaft schließen. Dadurch fehlen ihnen grundlegende Rechte – etwa bei Krankenhausbesuchen, medizinischen Entscheidungen, Erbschaften oder der gemeinsamen Verwaltung von Eigentum.
Besonders während des Krieges kann das dramatische Folgen haben. Stirbt oder verschwindet eine queere Person an der Front, gilt ihr*e Partner*in rechtlich nicht als engstes Familienmitglied. „Wenn jemand an der Front stirbt, ist die Person, mit der er zusammengelebt hat, vor dem Gesetz niemand“, kritisierte KyivPride-Vorsitzende Anna Sharyhina im Vorfeld der Veranstaltung.
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Kritik am neuen Zivilgesetz
Die Organisator*innen forderten die Regierung auf, den aktuellen Entwurf für ein neues Zivilgesetz nicht in seiner bisherigen Form zu verabschieden. Dieser definiert Ehe und eheähnliche Lebensgemeinschaften weiterhin ausschließlich als Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau.
Nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen würde der Entwurf gleichgeschlechtliche Familien ausdrücklich ausschließen und könnte sowohl gegen die Europäische Menschenrechtskonvention als auch gegen Verpflichtungen im Zuge des angestrebten EU-Beitritts verstoßen.
Zwar bestätigte der Oberste Gerichtshof der Ukraine im Februar 2026 erstmals die Anerkennung eines gleichgeschlechtlichen Paares als Familie (männer* berichtete). Eine allgemeine gesetzliche Regelung für queere Partnerschaften gibt es jedoch weiterhin nicht.
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Soldat*innen fordern gleiche Rechte
Auch zahlreiche Angehörige der ukrainischen Streitkräfte nahmen am Marsch teil. Ein 31-jähriger Soldat mit dem Rufnamen „Psikh“ erklärte, die Anerkennung von Partnerschaften sei für ihn eine der wichtigsten Forderungen.
„Als Soldat ist es für mich sehr wichtig, dass Rechte und Partnerschaften für alle Menschen in der Ukraine gelten“, sagte er. Queere Menschen kämpften ebenso für die Zukunft des Landes wie alle anderen – würden vom Staat aber weiterhin nicht gleichbehandelt.
Auch die ukrainische Veteranin Olena Shatseva verwies auf die konkreten Folgen der fehlenden Anerkennung: Sollte sie gefangen genommen oder getötet werden, hätte ihre Ehefrau kein Recht, Entscheidungen in ihrem Namen zu treffen.
Internationale Unterstützung für den KyivPride
Unter den Teilnehmenden waren Vertreter*innen zahlreicher Botschaften und internationaler Institutionen. Die kanadische Botschafterin Natalka Cmoc betonte, queere Menschen kämpften an der Front für die Ukraine und wollten „dieselben Rechte wie alle anderen“.
Die Unterstützung internationaler Diplomat*innen war zugleich ein Signal in Richtung Europa: Die rechtliche Gleichstellung von LGBTIQ*s gehört zu den Menschenrechtsstandards, an denen sich die Ukraine auf ihrem Weg in die Europäische Union messen lassen muss.
Gegenproteste ohne Zwischenfälle
Parallel zum KyivPride fand eine Demonstration von Gegner*innen der Veranstaltung statt. Unter ihnen waren konservative und extrem rechte Gruppen, die unter Parolen wie „Tradition, Familie, Ordnung“ gegen die rechtliche Anerkennung queerer Familien protestierten.
Größere Zwischenfälle gab es nach Angaben der Polizei nicht. Beide Veranstaltungen verliefen friedlich. Die Stadtverwaltung hatte im Vorfeld dazu aufgerufen, die Rechte anderer Menschen zu respektieren und auf Provokationen sowie aggressives Verhalten zu verzichten.
Foto: Maxym Marusenko / NurPhoto / NurPhoto via AFP
Parallel zum KyivPride versammelten sich im Stadtzentrum auch Gegner*innen und protestierten am „Marsch der Tradition“ und am „Marsch zum Schutz von Familie, Kindern und der Ukraine“ gegen den Pride March.
Unterstützung für gleiche Rechte wächst
Trotz anhaltender Widerstände hat sich die gesellschaftliche Haltung gegenüber LGBTIQ*s in der Ukraine deutlich verändert. Laut einer repräsentativen Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie aus dem Jahr 2024 sind 70,4 Prozent der Befragten der Ansicht, dass queere Menschen die gleichen Rechte wie alle anderen Bürger*innen haben sollten. 2022 lag dieser Anteil noch bei 63,7 Prozent.
Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach sich Anfang Juni ungewöhnlich deutlich für Gleichberechtigung aus. Alle Menschen in der Ukraine hätten dieselben Rechte – unabhängig von „Vorurteilen von Menschen aus dem 15. Jahrhundert“, erklärte er. „Wir sind moderne Menschen.“