Die Zustimmung zu LGBTIQ*-Rechten stabilisiert sich weltweit – nach Jahren des Rückgangs kommt der sogenannte „Wokelash" 2026 erstmals zum Stillstand. Das zeigt der neue Ipsos-Report mit 19.000 Befragten in 26 Ländern. Der Haken: Der gesellschaftliche Streit verlagert sich zunehmend auf ein Thema – trans* Rechte.
Nach Jahren sinkender Zustimmungswerte scheint sich die öffentliche Meinung zu LGBTIQ*-Rechten weltweit zu stabilisieren. Das zeigt der neue Ipsos LGBT+ Pride Report 2026, für den im Juni mehr als 19.000 Menschen in 26 Ländern befragt wurden. Die Auswertung der internationalen Pride Reports von 2021 bis 2026 zeichnet ein differenziertes Bild: Die große Trendwende bleibt aus, aber ein weiterer drastischer Einbruch ist 2026 ebenfalls ausgeblieben. Der sogenannte „Wokelash“ verliert an Dynamik – doch die Debatte hat sich radikal verschoben. Die eigentliche Konfliktlinie im gesellschaftlichen Diskurs heißt heute trans*.
Die große Trendwende bleibt aus
Noch vor wenigen Jahren schien die Akzeptanz von LGBTIQ*-Rechten weltweit kontinuierlich zuzunehmen. Seit etwa 2022 geriet dieser Trend jedoch ins Stocken. Ipsos spricht inzwischen von einer Stabilisierung der Einstellungen: Viele Zustimmungswerte bewegen sich nahezu auf dem Niveau des Vorjahres, ein weiterer deutlicher Einbruch blieb 2026 aus. Die Daten zeigen aber auch: Die Zustimmung liegt vielfach weiterhin unter den Höchstständen früherer Jahre.
Während grundlegende Bürgerrechte inzwischen relativ stabil unterstützt werden, verlieren symbolische Formen der Unterstützung an Rückhalt. So wird das unternehmerische Engagement verhaltener wahrgenommen als noch vor einigen Jahren: 42 Prozent befürworten, dass Marken und Unternehmen sich aktiv für die Gleichstellung von LGBTIQ*-Personen einsetzen – 2021 lag dieser Wert noch bei 49 Prozent. Vor allem in den USA haben große Marken ihre Pride-Kampagnen nach massivem Druck konservativer Gruppen und Boykottaufrufen zuletzt sichtlich zurückgefahren.
Grafik: KI erstellt
Entwicklung zentraler Einstellungen (2021–2026)
Die Akzeptanzfelder „Schutz vor Diskriminierung“ und „Ehe für alle“ bleiben stabil auf hohem Niveau. Rückläufige Tendenzen sind bei „Adoption“, „Pride-Marketing“ und „Unternehmensengagement“ zu verzeichnen.
Ehe für alle bleibt gesellschaftlicher Konsens
Auch die Ehe für alle bleibt international vergleichsweise breit akzeptiert: 53 Prozent der Befragten unterstützen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Am höchsten ist die Zustimmung in den Niederlanden (80 Prozent), Spanien (74 Prozent) und Schweden (73 Prozent), deutlich geringer in der Türkei (16 Prozent) und Polen (33 Prozent). Gerade innerhalb Europas zeigt sich, wie unterschiedlich sich gesellschaftliche Entwicklungen vollziehen.
Grafik: KI erstellt
Zustimmung zur Ehe für alle im Ländervergleich
Niederlande (80 %), Spanien (74 %), Schweden (73 %) und Deutschland (65 %) führen das Feld an, während Polen (33 %) und die Türkei (16 %) die Schlusslichter bilden.
Kontroversen um Sichtbarkeit und trans* Rechte
Abseits der rechtlichen Gleichstellung im Alltag zeigt der Report jedoch spürbare Vorbehalte, sobald es um die Repräsentation im öffentlichen Raum geht. So fordern lediglich 30 Prozent der Befragten mehr LGBTIQ*-Charaktere in Film, Fernsehen und Werbung, während 29 Prozent sich explizit dagegen aussprechen.
Besonders intensiv und kontrovers geführt wird die Debatte um trans* Rechte. Zwar gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass trans* Personen im Alltag starker Diskriminierung ausgesetzt sind – in Deutschland sind beispielsweise 50 Prozent dieser Ansicht. Sobald es jedoch um konkrete politische Maßnahmen geht, gehen die Meinungen weit auseinander.
Im Sport tobt die Debatte besonders heftig: Nur noch 22 Prozent unterstützen weltweit, dass trans* Sportler*innen entsprechend ihrer Geschlechtsidentität antreten dürfen. 2021 lag dieser Wert noch bei 32 Prozent. In den meisten untersuchten Ländern überwiegt inzwischen die Ablehnung – selbst in Staaten, die bislang als besonders progressiv galten.
Grafik: KI erstellt
Akzeptanz von trans Personen im Sport
Die weltweite Unterstützung für die Teilnahme von trans* Personen am Sport entsprechend ihrer Geschlechtsidentität sank drastisch von 32 % (2021) auf nur noch 22 % (2026).
Bei der medizinischen Versorgung befürworten global immerhin noch 50 Prozent die hormonelle und psychotherapeutische Unterstützung für Jugendliche mit elterlicher Einwilligung, angeführt von Thailand mit 79 Prozent. In Deutschland liegt die Zustimmung bei 49 Prozent. Auch bei Fragen wie geschlechtsneutralen Ausweisdokumenten, dem Zugang zu geschlechtsangleichender Gesundheitsversorgung oder der Nutzung geschlechtsspezifischer Einrichtungen zeigen sich laut Ipsos deutliche Unterschiede zwischen Ländern und Bevölkerungsgruppen.
Was bedeutet das für Deutschland?
Deutschland gehört im internationalen Vergleich weiterhin zu den Ländern mit vergleichsweise hoher Zustimmung für grundlegende LGBTIQ*-Rechte. Gleichzeitig spiegeln sich auch hier die weltweit beobachteten Entwicklungen: Während die Gleichstellung homosexueller Menschen für viele längst selbstverständlich geworden ist, verlaufen gesellschaftliche Debatten zunehmend entlang der Frage, wie mit trans* Themen umgegangen werden soll.
Politisch zeigt sich diese Verschiebung etwa in Diskussionen über das Selbstbestimmungsgesetz, den Schulsport oder medizinische Behandlungen Minderjähriger. Diese Themen dominieren inzwischen häufig die öffentliche Debatte – weit stärker als klassische Fragen der Gleichstellung von Lesben und Schwulen.
Fazit
Die neue Ipsos-Studie liefert weder ein Bild eines weltweiten Backlashs noch eines ungebremsten Fortschritts. Vielmehr zeigt sie eine neue Phase: Die Unterstützung für grundlegende LGBTIQ*-Rechte hat sich auf vergleichsweise hohem Niveau eingependelt, während sich der gesellschaftliche Konflikt zunehmend auf Fragen rund um trans* Rechte verschiebt. Für die Community bedeutet das: Die Debatte über Gleichberechtigung ist längst nicht beendet – sie hat lediglich ihren Schwerpunkt verändert.
Den vollständigen Report findet ihr unter Ipsos Pride Report 2026 | Ipsos.