Die Nachricht schlug Anfang Mai hohe Wellen und bestätigte, was viele befürchtet hatten: Der aus den USA importierte „Woke-Krieg”, ein von der Trump-Sphäre befeuerter Feldzug gegen Vielfalt und Inklusion (DEI), hat handfeste Konsequenzen für die deutsche Queer-Community. In einem ersten Artikel fassten wir die Lage zusammen und stellten mit Sorge fest, dass die Finanzierung vieler CSDs bröckelt. Doch wie dramatisch die Situation für das Flaggschiff der deutschen Prides, den Berliner CSD, wirklich war, zeigen die detaillierten Antworten des Vorstands auf unsere Presseanfrage.
Ein 200.000-Euro-Loch und das „strukturelle Phänomen”
Diese Firmen haben ihre Diversity-Pläne in den USA und teilweise auch in Europa bereits gelöscht oder überarbeitet
Die nackten Zahlen sind alarmierend. Der Vorstand des Berliner CSD e. V. Bestätigte noch einmal, dass man im Bereich Sponsoring „insgesamt 200.000 EUR unter dem Vorjahresniveau” lag. Dies sei jedoch nicht auf einzelne, plötzliche Absagen zurückzuführen, sondern auf ein „strukturelles Phänomen”. Besonders deutlich wurde dies bei der Neukundenakquise. Der Vorstand wörtlich:
„Auffällig ist, dass es in der diesjährigen Neuakquise insbesondere im Bereich US-amerikanischer Unternehmen deutlich schwieriger war als in den Vorjahren.”
Berlin, das schon immer einen internationalen Fokus hatte, bekommt die neue transatlantische Kälte direkt zu spüren. Doch auch auf heimischem Boden sitzt das Geld nicht mehr so locker. „Auch deutsche Unternehmen zeigten sich – vermutlich bedingt durch die wirtschaftliche Gesamtlage – deutlich zurückhaltender”, heißt es weiter.
Dieses finanzielle Desaster zwang die Organisatoren zu einem radikalen Schritt. Man habe vorausschauend gehandelt und bereits im Herbst 2024
„präventiv in der Produktion rund 100.000 Euro eingespart – unter anderem bei Sanitär und Veranstaltungstechnik”.
Eine Maßnahme, die zwar die grundsätzliche Durchführung der Demonstration sicherte, aber dennoch einen enormen Druck auf alle anderen Bereiche ausübte.
Die heikle Frage der Solidarität: Wer zahlt die Zeche?
Foto: csd-berlin.de
Vorstandsmitglied Marcel Voges stand uns Rede und Antwort
Die Kürzungen blieben nicht ohne Folgen. Die Aussagen des Vorstands, dass Einsparungen auch politische Schwerpunkte und Inklusionsprojekte betreffen könnten, sorgten in Teilen der Community für Unruhe. Wir fragten deshalb direkt nach:
„Wirkt es aus Eurer Sicht nicht auch unsolidarisch, den Druck auf DEI-Maßnahmen ausgerechnet an Inklusionsmaßnahmen weiterzureichen?”
Die Antwort des Vorstands lässt die Zwangslage, in der man sich befand, erahnen:
„Wir mussten in nahezu allen Bereichen Einsparungen vornehmen – darunter auch bei der Produktion (ca. 100.000 Euro), bei Kampagnenarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, PrideMonth und bei internen Projekten zur Professionalisierung und Entlastung des Ehrenamts”.
Es sei eine Entscheidung gewesen, die man sich nicht leicht gemacht habe. „Leider führt ein so großer Wegfall von Einnahmen zu Kostendruck in allen Bereichen unseres gemeinnützigen Vereins”. Die Entscheidung, Ausgaben zu reduzieren, „musste aber angesichts der Größenordnung des Finanzbedarfs sehr sorgfältig und verantwortungsbewusst getroffen werden”.
Das schönste Dementi: Die Community springt ein!
Genau an diesem kritischen Punkt passierte das, was den CSD im Kern ausmacht: Die Community zeigte Haltung. Auf die alarmierenden Nachrichten folgte eine Welle der Unterstützung. Und diese Solidarität zeigte eine ganz konkrete Wirkung, die die schlimmsten Befürchtungen vom Tisch wischte. Der Vorstand konnte nun verkünden:
„Dank eingegangener Spenden können wir in diesem Jahr aber alle barrierearmen Maßnahmen, wie in den Vorjahren etabliert, auch umsetzen”.
Ein Triumph der Community über wirtschaftliche Zwänge und ein schönes Symbol.
Neuausrichtung beim „Soul of Stonewall Award”
Auch beim prestigeträchtigen Soul of Stonewall Award (SoSa) gibt es eine signifikante Änderung. Statt fünf Auszeichnungen wird es 2025 „erstmals nur einen einzelnen Award” geben. Eine Sparmaßnahme? Der Vorstand verneint dies vehement. Es handle sich um eine
„bewusste, inhaltlich motivierte Weiterentwicklung”.
Der Grund sei die Beobachtung, „dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit bei fünf parallelen Auszeichnungen aufteilt”. Mit der Bündelung verspricht man sich „eine größere Reichweite und stärkere Wirkung”. Zudem soll der Preis zukünftig stärker an das politische Motto gekoppelt werden, um die Kampagnenarbeit zu stärken.
Blick nach vorn: Eine politischere Zukunft ab 2026?
Trotz der kurzfristigen Rettung bleibt die zentrale Frage im Raum. Der Vorstand formuliert es unmissverständlich:
„Die zentrale Frage ist deshalb nicht, ob der CSD in diesem Jahr stattfindet, sondern in welchem Format er ab 2026 stattfinden kann und soll”.
Foto: Christian Knuth
CSD Berlin 2016
Die Abschlussveranstaltung des Berliner CSDs – Demo oder Party?
Eine Antwort darauf gibt es noch nicht. Man sei „vollumfänglich mit den Vorbereitungen für dieses Jahr eingebunden”, eine Mammutaufgabe, die in Berlin, anders als bei anderen großen CSDs, von einem Verein mit „fast keine[n] hauptamtlichen Strukturen” und vor allem auf den „Schultern unserer Ehrenamtlichen” gestemmt wird. Nach dem diesjährigen CSD sollen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Und hier lässt der Vorstand eine Vision durchblicken, die viele aufhorchen lassen dürfte:
„Der Vorstand verfolgt aber das langfristige Ziel, Verbänden und Zivilgesellschaft wieder mehr Raum auf dem CSD zu geben”.
Es ist vielleicht die Vision einer Demonstration, die sich wieder stärker auf ihre politischen Wurzeln besinnt und weniger von kommerziellen Interessen abhängig ist.
Unter dem diesjährigen Motto „Nie wieder still!” gehen am 26. Juli Hunderttausende auf die Straße. Selten war dieses Motto so aktuell. Denn, so formuliert es Vorstandsmitglied Marcel Voges:
„Still war gestern, heute wirds laut und bunt”.
Wie es bei den anderen großen CSDs der Republik weiter geht? Stay tuned!