„Wir machen einen Film, keine Therapie.“ Mit diesem Satz begründete Pixar-Chef Pete Docter zuletzt massive inhaltliche Kürzungen am Film „Elio“. Ursprünglich als sensible Geschichte eines Außenseiters mit einem rosa Fahrrad und Träumen vom ersten männlichen Schwarm konzipiert, blieb nach den Interventionen der Chefetage nur eine generische Heldenfigur übrig. Jetzt melden sich Insider zu Wort: Hinter den Kulissen von Disney und Pixar wird ein größerer Plan exekutiert: Die systematische Entfernung queerer Identitätsmerkmale, um den globalen Massenmarkt nicht zu verschrecken.
Wie es begann
Gerüchte über interne Meinungsverschiedenheiten bezüglich queerer Inhalte kamen 2022 auf, nachdem ein von „den LGBTIQ*-Mitarbeitenden von Pixar und ihren Allies“ unterzeichneter Brief veröffentlicht wurde, in dem behauptet wurde, dass Führungskräfte des Studios Momente schwuler Zuneigung aus Filmen „verbannt“ hätten, bevor diese veröffentlicht wurden.
In dem Brief hieß es: „Wir bei Pixar haben persönlich miterlebt, wie wunderschöne Geschichten voller vielfältiger Charaktere aus den Unternehmensprüfungen bei Disney als bloße Bruchstücke dessen zurückkamen, was sie einmal waren.“ Weiter hieß es: „Nahezu jeder Moment offen schwuler Zuneigung wird auf Geheiß von Disney herausgeschnitten … Selbst wenn die Erstellung von LGBTIQ*-Inhalten die Lösung wäre, um die diskriminierende Gesetzgebung in der Welt zu beheben, wird uns die Erstellung dieser Inhalte untersagt.“
„Sanding Down“ bei „Elio“
Das Projekt „Elio“ startete unter der Leitung von Adrian Molina, dem Co-Regisseur von „Coco“. Molina, selbst offen schwul, legte Elio als eine Geschichte an, die tief in seinen eigenen Erfahrungen verwurzelt war. Der junge Protagonist Elio war ursprünglich als „queer-coded“ konzipiert: ein Junge, der nicht in die klassischen Rollenbilder passt. Frühe Fassungen des Films enthielten Details, die Elios Identität unterstrichen: Er besaß ein rosa Fahrrad, interessierte sich für Mode und hatte Tagträume, in denen er sich eine Zukunft mit einem männlichen Schwarm ausmalte. Diese Elemente dienten dazu, das Gefühl des Andersseins des Jungen zu begründen.
Foto: Walt Disney Studios
Laut übereinstimmenden Berichten von Puck News und The Hollywood Reporter, die sich auf Aussagen zahlreicher (ehemaliger) Pixar-Mitarbeitender stützen, wurde der Film in der Postproduktion einer radikalen Revision unterzogen. Insider offenbarten gegenüber Variety, dass wesentliche visuelle und narrative Marker seiner ursprünglichen Vision gezielt entfernt wurden. Ein zentrales Symbol dieser Kürzungen war Elios rosa Fahrrad sowie spezifische Kleidungsstücke, die von der Konzernleitung als „zu feminin“ für einen männlichen Protagonisten eingestuft wurden. Besonders schwer wiegt laut Insider-Berichten im Guardian die Streichung von Elios Tagträumen: Wie sich der Junge eine gemeinsame Zukunft mit einem männlichen Schwarm aus; eine Sequenz, die sogar die Vorstellung einschloss, gemeinsam ein Kind aufzuziehen. Diese Szenen fielen der Schere zum Opfer, um den Film laut Management-Vorgabe „universeller“ zu gestalten und potenzielle Zensurhürden in Märkten wie dem Nahen Osten oder China präventiv zu umgehen.
In Branchenkreisen wird dieser Prozess als „Sanding Down“ beschrieben: Das mechanische Abschleifen jeder künstlerischen Kante, die bei konservativen Testgruppen oder ausländischen Behörden Widerstand auslösen könnte.
„Keine Therapie“: Begründung der Studioleitung
Pixar-Kreativchef Pete Docter äußerte sich in einem Interview mit dem Wall Street Journal (März 2026) defensiv zu den Änderungen. Er erklärte, dass Testvorführungen gezeigt hätten, dass Eltern sich unwohl fühlten, wenn Filme Themen anschnitten, die sie noch nicht mit ihren Kindern besprochen hatten. Docter sagte: „Wir machen einen Film, nicht Therapie im Wert von hunderten Millionen Dollar.“ („We’re making a movie, not hundreds of millions of dollars of therapy.“) Eine umstrittene Aussage angesichts dessen, dass Pixar-Filme wie „Alles steht Kopf“, „Up“ oder „Rot“ gerade für ihre tiefgründige emotionale Aufarbeitung komplexer Themen gelobt wurden.
Hintergrund: Warum der Strategiewechsel?
Im Jahr 2022 geriet Disney stark in den amerikanischen Kulturkampf. Auslöser war zunächst der politische Konflikt mit dem republikanischen Gouverneur von Florida über das sogenannte „Don't Say Gay“-Gesetz. Disney kritisierte das Gesetz öffentlich. Daraufhin entzog der Bundesstaat dem Unternehmen Teile seiner bisherigen Sonderrechte rund um den Disney-World-Vergnügungspark. Parallel dazu erschienen zwei Animationsfilme mit sichtbarer LGBTIQ*-Repräsentation. So zeigte der Pixar-Film „Lightyear“ eine kurze Szene, in der eine weibliche Figur ihre Partnerin küsst. Mehrere Länder im Nahen Osten und in Asien verweigerten daraufhin die Kinozulassung. Im selben Jahr veröffentlichte Disney Animation den Film „Strange World“. Darin ist mit Ethan Clade erstmals ein offen schwuler Teenager Teil der Hauptfiguren. Seine romantische Schwärmerei für einen Mitschüler wird im Film offen thematisiert. Beide Filme entwickelten sich an den Kinokassen schwächer als erwartet. „Lightyear“ spielte weltweit rund 226 Millionen Dollar ein, während „Strange World“ mit etwa 74 Millionen Dollar weltweit zu einem der größten finanziellen Flops in der Geschichte des Studios wurde.
Die neue Unternehmensphilosophie: „Entertainment First“
Im November 2022 kehrte Bob Iger als CEO zu Disney zurück. Seine Aufgabe war es, den Konzern nach finanziellen Problemen im Streaminggeschäft und mehreren Kinoflops zu stabilisieren. Iger begann, die Strategie stärker auf Profitabilität und Markenstärke auszurichten. Auf dem DealBook Summit der New York Times räumte er ein, dass die Schöpfer des Konzerns nach Jahren, in denen Disney für Diversität und Inklusion eintrat, den Fokus verloren hätten. Iger erklärte, dass Unterhaltung das primäre Ziel sein müsse, nicht „Botschaften“. Wörtlich sagte er: „Wir müssen unsere Prioritäten wieder richtig setzen. Es geht zuerst um Unterhaltung, nicht um Agenden.“ Parallel begann der Konzern damit, Kosten zu senken und die Organisation umzustrukturieren. Dazu gehörten auch Einsparungen in einigen Diversitäts- und Inklusionsprogrammen.
Disney zahlt die Quittung
Die Strategie des „Safe Play“ scheiterte spektakulär: Als „Elio“ im Sommer 2025 in die Kinos kam, wirkte die Geschichte auf viele Kritiker formelhaft und ziellos. Ohne den emotionalen Kern von Elios Identität blieb ein visuell beeindruckendes, aber inhaltlich blasses Weltraumabenteuer übrig. Der Film floppte an den Kinokassen mit rekordverdächtig niedrigen Zahlen für das Pixar-Studio.
Der Fall „Elio“ steht hier exemplarisch für ein größeres Dilemma. Disney versucht, jedes Risiko wegzubügeln, um Geschichten „global kompatibel“ und konfliktfrei zu halten. Aber genau dabei geht verloren, was Pixar über Jahrzehnte auszeichnete: jene radikale, oft unbequeme Ehrlichkeit. Meilensteine wie Up (Trauer), Alles steht Kopf (Psychische Krisen) oder Coco (mexikanischer Totenkult) wurden nicht trotz, sondern wegen ihrer spezifischen, persönlichen Perspektiven zu Welterfolgen. Die aktuelle Strategie setzt hingegen auf maximale Glätte. Figuren werden so designt, dass sie in einer amerikanischen Vorstadt ebenso wenig anecken wie in einem konservativen Golfstaat.
*Quellen: Puck News/ Matthew Belloni, The Hollywood Reporter & Variety, The Wall Street Journal, DealBook Summit, Box Office Mojo & Deadline Hollywood, The Wrap, Disney Quarterly Earnings Calls, Politico, CNN Business, The Guardian