Mitarbeiter des schwulen Anti-Gewalt-Projekts MANEO stellten am Donnerstagmorgen eine Sachbeschädigung an der Bushaltestelle im Berliner Regenbogenkiez fest. Auf einer Sichtschutzwand neben der regenbogenfarbenen BVG-Infosäule am Nollendorfplatz war in großen weißen Buchstaben das Wort „HARAM“ aufgesprüht.
Der Nollendorfplatz gilt seit Jahrzehnten als eines der sichtbarsten Zentren der queeren Szene und Kultur in Berlin. Dass hier ein solcher Schriftzug auftaucht, wird von MANEO als LGBTIQ*-feindliche Sachbeschädigung eingeordnet.
Was bedeutet „Haram“ – und warum kann es hier queerfeindlich gemeint sein?
„Harām“ (arabisch: حرام) bedeutet übersetzt „verboten“, „unerlaubt“, meist im religiösen oder moralischen Sinn. Im islamischen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff Handlungen, die nach religiösen Regeln nicht erlaubt sind. Wichtig: Der Begriff an sich ist wertneutral und wird von Millionen Gläubigen ohne Zusammenhang zu Feindseligkeit verwendet.
In diesem konkreten Fall entsteht seine Wirkung allerdings im Zusammenspiel mit dem Ort: Direkt neben einem großen, zentralen Regenbogensymbol angebracht kann der Schriftzug als eindeutiger Versuch interpretiert werden, queere Identitäten symbolisch abzuwerten. („queer = verboten/sündhaft“).
Warum der Nollendorfplatz?
Er ist ist nicht nur ein Verkehrsknotenpunkt, sondern seit dem frühen 20. Jahrhundert ein Zentrum schwuler und queerer Geschichte in Berlin. In unmittelbarer Umgebung liegen zentrale Einrichtungen wie das genannte Schwule Anti-Gewalt-Projekt MANEO, die Präventions- und Teststelle Mann-O-Meter, das queere Kultur- und Veranstaltungszentrum Sonntags-Club sowie verschiedene Beratungsangebote der Berliner Aidshilfe. Hinzu kommen zahlreiche Bars wie die Heile Welt, Klubs und Cafés der Szene.
Foto: Christian Knuth
Nollendorfplatz
Der Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg.
In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Angriffen auf diese Infrastruktur: 2025 wurde eine Gedenktafel für homosexuelle NS-Opfer beschädigt, 2024 gab es Attacken auf den Mann-O-Meter Checkpoint und regelmäßig gibt es Vandalismus an Regenbogenfahnen, Stickern und Hinweisschildern.
Ein Blick auf die Statistik: Wie oft passiert so etwas in Berlin?
Die Berliner Monitoringberichte zu queerfeindlicher Gewalt zeigen eine deutliche und anhaltende Zunahme solcher Delikte. Laut dem 3. Berliner Monitoringbericht zum Jahr 2023 zu queerfeindlicher Gewalt wurden 588 queerfeindliche Straftaten registriert – der höchste Stand seit Beginn der Erfassung. Davon waren 127 Gewaltdelikte (Körperverletzungen), aber der Rest entfiel auf Bedrohungen, Beleidigungen und Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum.
Darüber hinaus schätzen Fachstellen, dass nur 25–30 % der queerfeindlichen Vorfälle gemeldet werden. Viele Betroffene befürchten Nachteile oder nehmen Vorfälle als „normalen Alltag“ hin. Daher ist davon auszugehen, dass zahlreiche Beschmierungen oder Kleinst-Vandalismen nie offiziell erfasst werden.
*Quellen: Instagram @maneo_berlin, Landesantidiskriminierungsstelle Berlin, Maneo