Deutschland verzeichnet den höchsten Stand an Syphilis-Infektionen seit Beginn der Erfassung. 9.519 Fälle meldete das Robert Koch-Institut im aktuellen Epidemiologischen Bulletin 39/2025 für 2024 – ein neuer Rekord, wenn auch mit gebremstem Tempo. Und die Zahlen erzählen eine differenziertere Geschichte, als es die blanke Rekordmeldung vermuten lässt.
Berlin dreht den Trend, andere Städte ziehen nach
Noch immer ist Berlin die Stadt mit der höchsten Inzidenz (35,7 pro 100.000 Einwohner*innen), vor Hamburg (30,3) und Bremen (14,0). Bemerkenswert: Erstmals seit Jahren sinken die Zahlen in der Hauptstadt – um etwa 9 Prozent. Dafür holen andere Städte auf, vor allem im Westen und Süden. Köln, Frankfurt, München und Leipzig bewegen sich zwischen 25 und 45 Fällen pro 100.000 Einwohner*innen. Einige Städte verzeichnen regelrechte Sprünge: Trier meldet ein Plus von 290 Prozent, Karlsruhe 94 Prozent, Saarbrücken 55 Prozent. Ländliche Regionen wie Brandenburg und Thüringen liegen dagegen deutlich unter dem Bundesschnitt von 11,2 Fällen.
Fast alle Fälle betreffen Männer – vor allem MSM
91 Prozent aller Infizierten sind Männer, zwölfmal so häufig betroffen wie Frauen. Am stärksten trifft es die Altersgruppe 30 bis 39. Rund 82 Prozent der Fälle mit bekanntem Übertragungsweg entfallen auf Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), doch erstmals seit 15 Jahren stagniert die Zahl der Neuinfektionen in dieser Gruppe. In Berlin und Hamburg gingen die Zahlen sogar um 7 bis 8 Prozent zurück. Der Rückgang könnte auch mit den vergleichsweise gut etablierten Test- und Präventionsangeboten zusammenhängen. Aus den Meldedaten allein lässt sich die Entwicklung allerdings nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen.
Neue Dynamik bei Frauen und heterosexuellen Männern
Während sich die Lage bei MSM stabilisiert, zeigt sich anderswo eine gegenläufige Entwicklung: Bei Frauen stiegen die Fallzahlen 2024 um 17 Prozent, bei heterosexuellen Männern um 7,5 Prozent. In Frankfurt, München und Köln haben sich die Zahlen bei Frauen seit 2022 sogar mehr als verdoppelt. Diskutiert werden dafür sowohl Zusammenhänge mit Sexarbeit als auch zunehmende Übertragungen im privaten, heterosexuellen Kontext.
PrEP schützt vor HIV – nicht vor Syphilis
Etwa ein Drittel aller Syphilis-Fälle 2024 trat gemeinsam mit einer weiteren sexuell übertragbaren Infektion auf. Bei MSM war in 35,6 Prozent der Fälle zusätzlich eine HIV-Infektion dokumentiert – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
Erstmals liegen auch verlässliche Zahlen zur PrEP-Nutzung vor: 60 Prozent der MSM ohne HIV nutzen PrEP, bei heterosexuellen Männern sind es nur 1,7 Prozent, bei Frauen 4,8 Prozent. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: PrEP schützt zuverlässig vor HIV, aber nicht vor bakteriellen Infektionen wie Syphilis – regelmäßige Tests bleiben also Pflicht, auch für PrEP-Nutzer*innen.
Früherkennung: ein Erfolg mit Schattenseite
Die aktuellen Zahlen zeigen: Prävention ist kein Thema von gestern. Während HIV dank PrEP und Aufklärung besser kontrollierbar ist, geraten andere sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis aus dem Blick. Trotz der hohen Zahlen gibt es auch gute Nachrichten: Bei Männern, insbesondere MSM mit HIV, wird Syphilis heute früher erkannt als noch vor einigen Jahren. Rund 75 Prozent der Diagnosen in dieser Gruppe erfolgen innerhalb der ersten zwei Monate nach der Infektion – ein Hinweis auf verbesserte Test- und Screeningroutinen.
Bei heterosexuellen Männern und Frauen sieht es anders aus: Hier vergeht bei jeder zehnten Infektion über ein Jahr bis zur Diagnose, mit entsprechend höherem Risiko für Spätfolgen und Weitergabe an andere.
So verläuft eine Infektion
Unbehandelt durchläuft Syphilis typischerweise drei Stadien. Die ersten Symptome treten meist wenige Tage bis Wochen nach der Ansteckung auf – typischerweise als schmerzloses Geschwür im Genital-, Anal- oder Mundbereich, das oft von selbst abheilt, jedoch hoch ansteckend ist. Da die Veränderungen häufig unbemerkt bleiben, wird die Erkrankung oft nicht rechtzeitig erkannt.
Im zweiten Stadium etwa zwei Monate nach der Infektion kann es zu Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen kommen. Häufig bilden sich Hautausschläge an Handflächen und Fußsohlen, gelegentlich auch an anderen Körperstellen, und ein Belag auf der Zunge. Begleitsymptome können Fieber, Müdigkeit, Kopf-, Gelenk- oder Muskelschmerzen sowie Haarausfall sein. Auch diese Krankheitszeichen klingen von alleine wieder ab. Danach macht sich die Syphilis oft nicht mehr bemerkbar.
Bleibt die Infektion über Jahre unentdeckt, drohen im dritten Stadium schwere Schäden an Nervensystem und Blutgefäßen. Nicht jede Erkrankung durchläuft dabei alle Phasen sichtbar; manche Stadien verlaufen komplett symptomfrei.
Behandelbar, aber nur mit Test
Die gute Nachricht: Syphilis ist dank Antibiotika, insbesondere Penicillin, in allen Stadien gut behandelbar. In frühen Krankheitsphasen kann bei einer Behandlung mit Penicillin bereits eine einmalige Gabe ausreichen, bei späteren oder zeitlich nicht eindeutig einzuordnenden Infektionen richtet sich die Behandlung nach dem jeweiligen Stadium. Die schlechte Nachricht: Ohne Test bleibt die Infektion häufig unentdeckt. Zudem durchlaufen Betroffene nicht zwangsläufig alle Krankheitsstadien – einzelne Phasen können übersprungen werden oder nahezu symptomlos verlaufen.
Das RKI empfiehlt deshalb regelmäßige Tests – insbesondere bei wechselnden Sexualpartner*innen oder nach ungeschütztem Sex. Das gilt ausdrücklich auch für PrEP-Nutzer*innen, denn die HIV-Präexpositionsprophylaxe schützt zwar zuverlässig vor HIV, nicht jedoch vor bakteriellen sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydien. Als entscheidend für die Eindämmung der Infektionen nennt das RKI niedrigschwellige Testangebote, bessere Aufklärung und einen offenen, nicht stigmatisierenden Umgang mit sexueller Gesundheit.
Weitere Informationen findet ihr auf der Website der Deutschen Aidshilfe unter https://www.aidshilfe.de/de/syphilis.