Wer glaubt, dass Deutschland in Sachen Toleranz automatisch Fortschritte macht, wird vom aktuellen Vielfaltsbarometer 2025 der Robert Bosch Stiftung (in Kooperation mit der Constructor University Bremen) kalt erwischt: Die Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Orientierungen ist innerhalb von sechs Jahren bundesweit von 77 auf 69 Punkte gesunken. Aber besonders spannend ist der Blick auf die Landkarte, denn zwischen den Bundesländern liegen Welten.
Die Überraschung: Das Saarland ist Spitzenreiter
Es ist weder Berlin noch Hamburg. Das Ranking wird von einem Bundesland angeführt, das viele Beobachter nicht auf der Rechnung hatten: dem Saarland. Mit 76 von 100 möglichen Punkten bei der Akzeptanz sexueller Orientierung ist das kleinste Flächenland vom vierten Platz (2019) an die Spitze geklettert. Experten führen dies unter anderem auf eine starke lokale Vernetzung und eine sichtbare politische Unterstützung der Community zurück. Dicht gefolgt wird das Saarland vom ehemaligen Spitzenreiter Schleswig-Holstein.
Das Mittelfeld: Wo die Luft raus ist
Hinter den Spitzenreitern hat sich eine Gruppe von Bundesländern formiert, deren Akzeptanzwerte sich weitgehend im Bereich des bundesweiten Durchschnitts bewegen. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zeigen sich dabei vergleichsweise stabile Werte, was vor allem auf die spezifische soziografische Struktur dieser Länder zurückzuführen ist. Die ausgeprägte Mischung aus hochliberalen Metropolen wie Köln oder Hannover und eher konservativ geprägten ländlichen Räumen führt in der Summe zu einem soliden, wenngleich nicht herausragenden Gesamtergebnis.
Spannend wird es im Osten: Brandenburg schlägt in Sachen Akzeptanz sogar die Hauptstadt Berlin. Das zeigt: Ein paar bunte Viertel in der Metropole reichen nicht. Wichtiger ist, dass queeres Leben auch in der Fläche sichtbar und normal ist; und das scheint in Brandenburg besser zu funktionieren als in der Berliner „Blase“. Dicht dahinter liegen Hamburg und Sachsen-Anhalt.
Foto: Quelle: Arant et al., Vielfaltsbarometer 2025 zum Stand des Zusammenlebens in Deutschland, 2025, S. 35
Die Schlusslichter: Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen
Am Tabellenende wird es ungemütlich. Sachsen belegt mit nur 65 Punkten den letzten Platz. Wie die begleitenden „Mitte-Studien“ der Friedrich-Ebert-Stiftung nahelegen, wird Queerfeindlichkeit in dieser Region oft gezielt als Teil eines „kulturkonservativen Widerstands“ gegen gesellschaftliche Modernisierungsprozesse instrumentalisiert. Aber die eigentliche Überraschung sind die wirtschaftlichen Zugpferde: Bayern und Baden-Württemberg. Dass gerade Baden-Württemberg gemeinsam mit Sachsen das Schlusslicht der Statistik bildet, widerspricht dem Image des modernen, weltoffenen Hightech-Standorts. Hier scheint eine tiefe Verankerung traditionell-konservativer Familienbilder sowie stark ausgeprägte religiöse Prägungen eine signifikante Barriere zu bilden, die die volle gesellschaftliche Anerkennung moderner und vielfältiger Lebensentwürfe erschwert.
Zweiklassen-Akzeptanz: „Schwul okay, trans schwierig“
Der Regional-Report muss jedoch eine wichtige Unterscheidung treffen: Die Akzeptanz ist nicht für alle Gruppen innerhalb der Community gleich. Das Barometer zeigt deutlich, dass lesbische, schwule und bisexuelle Menschen deutlich höhere Zustimmungswerte erfahren als trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen. In fast allen Bundesländern stoßen Aussagen zur geschlechtlichen Transition auf größere Vorbehalte als Fragen zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Hier verläuft die aktuelle Grenze der gesellschaftlichen Belastbarkeit.
*Quellen: Vielfaltsbarometer 2025 (Robert Bosch Stiftung / Constructor University), Mitte-Studie 2024/25 (Friedrich-Ebert-Stiftung), Ipsos LGBT+ Pride Survey 2021-2023