Fast jeder vierte Drogentote ist heute unter 30. Seit 2021 sind die Todesfälle in dieser Altersgruppe um mehr als die Hälfte gestiegen, auf 528. Bei den unter 20-Jährigen haben sie sich fast verdoppelt, von 54 auf 106. Und in mehr als acht von zehn Fällen war Mischkonsum im Spiel: Medikamente, Alkohol und illegale Substanzen in tödlicher Kombination. Streeck warnt vor einem „gesellschaftlichen Gewöhnungseffekt“ . Er hat recht. Es ist bequem, bei diesen Zahlen betroffen zu nicken und weiterzumachen wie bisher.
Foto: David Peters
Prof. Dr. Hendrik Streeck, geboren am 7. August 1977 in Göttingen, verheiratet, wurde am 28.5.2025 zum Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen ernannt.
Wir wissen, was hilft. Ganz genau sogar.
Das eigentlich Unerträgliche an dieser Bilanz: Sie ist kein Rätsel. Fachverbände wie die Deutsche Aidshilfe, die Gesellschaft für Suchtmedizin und akzept legen seit Jahren dieselben fünf Maßnahmen vor, gebündelt in der Kampagne #GibMir5 — kommunale Frühwarnsysteme, Drugchecking, Drogenkonsumräume, ein entbürokratisierter Naloxon-Zugang und der Ausbau der Substitutionsbehandlung. Keine Utopie, sondern erprobte Praxis. In deutschen Drogenkonsumräumen ist auch 2025 kein einziger Mensch an einer Überdosis gestorben. Nicht einer.
Und es gibt ein ganzes Land, das beweist, dass dieser Weg funktioniert.
Der portugiesische Beweis
Um die Jahrtausendwende hatte Portugal die höchsten HIV-, Hepatitis- und Drogentodesraten Westeuropas. 2001 zog das Land die Reißleine — und tat das Gegenteil dessen, was die deutsche Debatte bis heute lähmt: Es entkriminalisierte den Besitz von Drogen für den Eigenbedarf und baute gleichzeitig massiv Hilfsangebote aus. Wer beim Konsum erwischt wird, landet seither nicht vor Gericht, sondern vor einer interdisziplinären Kommission aus Ärzt*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen.
Die Ergebnisse sind kein Meinungsstreit, sondern Statistik. Die Zahl der Drogentoten brach ein — auf rund drei Tote pro Million Einwohner*innen, während der EU-Schnitt bei über 17 liegt. Die HIV-Neuinfektionen durch Spritzen sanken um rund 90 Prozent; machten sie um 2000 noch etwa die Hälfte aller neuen Diagnosen aus, waren es 2019 unter fünf Prozent. Die Zahl der Menschen in Substitutionsbehandlung vervielfachte sich. Für ein queeres Magazin ist gerade der HIV-Effekt der entscheidende Punkt: Schadensminderung ist HIV-Prävention. Portugal hat das vorgemacht.
Illustration: KI erstellt
Was Portugal tut – und Deutschland blockiert
Der Vergleich tut weh. Portugal bringt Methadon per mobiler Einheit direkt zu den Menschen, samt Spritzentausch, HIV- und Hepatitis-Tests und Wundversorgung. In Deutschland bleibt die Substitution unter ihren Möglichkeiten. Drogenkonsumräume gehören in Lissabon zum Standard — in Deutschland werden sie in mehreren Bundesländern, allen voran im CSU-regierten Bayern, weiter verweigert, obwohl dort nachweislich niemand stirbt. Drugchecking, in Portugal längst aus der Partynische heraus und mitten in der Regelversorgung, bleibt hierzulande ein föderaler Flickenteppich: Berlin und Mecklenburg-Vorpommern machen es vor, andere zögern aus reiner Ideologie. Dass es wirkt, ist belegt: Als ein portugiesisches Labor Proben untersuchte, enthielt jede neunte etwas anderes als erwartet — und über 90 Prozent der Betroffenen entschieden sich daraufhin gegen den Konsum.
Fair bleiben muss man an einer Stelle: Beim Naloxon hat sich zuletzt etwas bewegt. Streeck verweist zu Recht darauf, dass der Zugang zu dem lebensrettenden Notfallmittel erleichtert wurde. Doch erreicht wird bisher nur ein Bruchteil der Opioidabhängigen — und selbst Portugal, sonst Vorreiter, hat hier eine Lücke: ein flächendeckendes staatliches Programm fehlt bis heute. Der Punkt ist also lösbar, aber längst nicht gelöst.
Illustration: KI erstelt
Es ist nicht mal teuer – im Gegenteil
Das liebste Gegenargument der Blockierer lautet: zu teuer. Es ist schlicht falsch. Das Absurde dabei:
Ausgerechnet das CSU-regierte Bayern liefert den Beweis für die Wirtschaftlichkeit, blockiert aber Drogenkonsumräume munter weiter. Eine Studie des eigenen Bayerischen Landesamts für Gesundheit hat errechnet, dass jeder in die Suchtberatung und Schadensminderung investierte Euro ganze 17 Euro an Folgekosten vermeidet.
Portugal spiegelt das im großen Maßstab: Die gesellschaftlichen Kosten des Drogenkonsums sanken nach der Reform um zwölf, langfristig um achtzehn Prozent. Wer Konsumräume oder Substitution aus Spargründen blockiert, spart nicht – er verlagert die Kosten nur in Notaufnahmen, Gefängnisse und lebenslange HIV-Therapien. Und bezahlt sie mit Menschenleben.
Illustration: KI erstellt
Wichtig ist dabei: Keine dieser Maßnahmen wirkt allein. Sie greifen ineinander. Frühwarnsysteme und Drugchecking liefern die Daten, vor welcher tödlichen Charge gewarnt werden muss. Konsumräume sind der Ort, an dem die Ärmsten überhaupt erreichbar werden. Substitution ist die Brücke aus der Szene. Fällt ein Baustein weg, reißt die Kette — genau das passiert in Deutschland Land für Land.
Streecks eigentliche Bewährungsprobe
Und Streeck? Ihm ist kaum ein Vorwurf zu machen. Er hat sein Amt mit genau diesem Thema begonnen, verfolgt einen ausdrücklich evidenzbasierten Kurs und hat ihn zuletzt bei der UN-Suchtstoffkommission in Wien bekräftigt:
„Ein reiner Krieg gegen Drogen führt nicht zum Ziel. Aber auch Wegsehen ist keine Lösung.“
Ein Beauftragter kann fordern — umsetzen müssen es Bund, Länder und Kommunen. Die blockierten Konsumräume liegen nicht in seiner Hand.
Eine unbequeme Wahrheit bleibt trotzdem. Der portugiesische Befund ist eindeutig: Erst die Entkriminalisierung schuf das Klima, in dem all die anderen Maßnahmen greifen konnten — weil Menschen keine Angst mehr vor Strafe haben mussten, um Hilfe zu suchen. Genau hier steht Streecks Partei quer. Die CDU will Cannabis rekriminalisieren, und auch er selbst gilt als Gegner der Legalisierung. Die anstehende „ergebnisoffene" Evaluierung des Cannabisgesetzes wird zum Lackmustest: Folgt Streeck der Evidenz konsequent — auch dorthin, wo sie seiner Partei unbequem wird? Oder gewinnt am Ende das Parteidogma?
Was bleibt
2.150 Tote, immer jünger, in einem der reichsten Länder der Welt. Die Werkzeuge, um das Sterben zu beenden, liegen nicht nur auf dem Tisch — sie funktionieren nachweislich, ein paar Flugstunden südwestlich. Es fehlt kein Wissen. Es fehlt der politische Wille, es endlich umzusetzen.
männer* hat Hendrik Streeck am Tag der Zahlenveröffentlichung um eine Stellungnahme gebeten — dazu, wie er seine erste Bilanz zieht und wo er im kommenden Jahr ansetzen will, um die Blockaden in den Ländern zu lösen. Bis Redaktionsschluss blieb sein Presseteam eine Antwort schuldig. Wir bleiben dran.