Sonntag, 11 bis 14 Uhr, Reesendammbrücke am Jungfernstieg: Unter dem Motto „Transmedizin macht krank – ein Leben lang“ protestiert der Verein Frauenheldinnen e. V. gegen die medizinische Behandlung geschlechtsdysphorischer Jugendlicher. Das Datum ist mit Absicht gewählt – und das Motto der Vereinten Nationen gleich mit.
Der 20. September ist Weltkindertag, das offizielle Motto lautet „Starke Kinder! Starke Zukunft“. Die Veranstalterinnen übernehmen es wörtlich und drehen es um: „Wir fordern Schutz und Unterstützung für Kinder – und nicht medizinische Eingriffe“, heißt es im Aufruf auf der Vereinsseite. Angekündigt sind unter anderem die Vereinsvorsitzende Eva Engelken, die Medizinjournalistin Martina Lenzen-Schulte und die Aktivistin Rona Duwe, dazu ein Livestream über Facebook.
Die Reisegesellschaft
Hamburg ist nicht der Auftakt, sondern eine Station. Dieselbe Aktion lief im September 2025 vor dem Center for Transgender Health in Münster, wo Georg Romer Jugendliche behandelt: rund 30 Frauen und einige Männer in weißen Arztkitteln, wie die EMMA berichtete, die der Reihe seither publizistisch zur Seite steht. Kurz darauf in Berlin-Zehlendorf, vor den Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk: rund 20 Menschen, wieder in Kitteln. Initiiert hat die Reihe Monika Glöcklhofer, seit 2025 stellvertretende Vorsitzende des Vereins; beruflich leitet sie die Fundraisingabteilung eines katholischen Sozialverbands.
Grafik: Screenshots EMMA
Voll auf dem TERF-Zug: Alice Schwarzer und ihre EMMA Mehr über die Hetzschrift gegen Transfrauen lest ihr hier:
Bemerkenswert ist eine Auskunft aus Berlin. Gefragt, ob sie Jugendliche in hormoneller Behandlung kennen, antworteten zwei Demonstrantinnen: queere Jugendliche ja, in Behandlung niemanden. Sorge mache vor allem die internationale Entwicklung.
Rund 30 in Münster, rund 20 in Berlin – und eine bundesweite Debatte.
Der Kittel ist dabei kein Zufall, sondern das ganze Argument in Kleidungsform: Er leiht sich die Autorität derer, gegen die protestiert wird. In Hamburg steht die Gruppe diesmal nicht vor einer Klinik, sondern mitten in der Innenstadt.
Jena, nicht Jungfernstieg
Und doch hat die Kritik einen harten Kern, den man nicht wegwischen sollte. Die deutsche Leitlinie zu Geschlechtsinkongruenz im Kindes- und Jugendalter hat ihr Ziel verfehlt: Sie sollte den höchsten Evidenzgrad erreichen und wurde auf die konsensbasierte Stufe S2k zurückgestuft, weil die Studienlage mehr nicht hergab. Eine aktualisierte systematische Übersicht der Universität Jena fand zur Pubertätsblockade keine einzige neue Studie, die die geforderten Qualitätskriterien erfüllt. Großbritannien hat nach dem Cass-Review die Verschreibung an Minderjährige auf Studien beschränkt, Schweden und Finnland haben ähnlich restriktiv umgesteuert.
Das ist ein Argument für strenge Indikationsstellung, für Register und für Studien. Es ist keines für den Satz, der am Sonntag auf dem Transparent steht. „Transmedizin macht krank – ein Leben lang“ behauptet einen Befund, den die zitierte Evidenzlücke gerade nicht liefert: Wo Daten fehlen, fehlen sie in beide Richtungen. Der Streit darüber wird in Leitlinienkommissionen, in Fachzeitschriften und zwischen Kliniken geführt – von Ärzt*innen, die sich gegenseitig namentlich widersprechen. Eine Kundgebung entscheidet ihn nicht.
Das Kind, das nicht vorkommt
Wer am Weltkindertag gegen irreversible Eingriffe an nicht einwilligungsfähigen Kindern demonstriert, hat in Deutschland einen naheliegenden Fall zur Verfügung. Bis zum 22. Mai 2021 waren geschlechtszuweisende Operationen an intergeschlechtlichen Kindern hierzulande zulässig, ohne dass die Betroffenen einwilligen konnten. Erst § 1631e BGB hat das beendet, und auch das nur teilweise – Menschenrechtsorganisationen halten die Regelung bis heute für zu eng.
Jahrzehntelang wurde also genau das getan, was auf den Plakaten steht: gesunde Körper von Kindern verändert, die nicht gefragt wurden. Weiße Kittel standen dagegen nie am Jungfernstieg.
Was sich beide Seiten wünschen müssten
Es gibt einen Punkt, an dem sich die Lager treffen könnten, und er steht ausgerechnet in der EMMA: Eine Anfrage des Magazins bei allen großen Krankenkassen, wie viele Minderjährige in Deutschland Pubertätsblocker erhalten, ergab – nichts. Die Kassen wissen es nicht.
Genau darin liegt der eigentliche Skandal, und er ist parteiübergreifend behebbar. Ohne verpflichtendes Register, ohne Langzeitdaten und ohne kontrollierte Studien bleibt jede Seite bei ihrer Überzeugung, und die Jugendlichen bleiben das Streitobjekt. Die Bundesärztekammer, die Fachgesellschaften und das Bundesgesundheitsministerium könnten diese Zahlen erheben lassen. Bisher tut es niemand.
Wer Evidenz verlangt, muss Erhebung verlangen.
Solange niemand zählt, bleibt der Streit unentscheidbar – und ausbaden müssen das die, um die es angeblich geht. Ein verpflichtendes Register würde beiden Seiten die Antwort liefern, von der sie behaupten, sie längst zu haben. Es einzurichten dauert länger als drei Stunden am Jungfernstieg. Anfangen ließe sich das heute.
Hilfe und Beratung: Beratung für trans* Personen und Angehörige in Hamburg gibt es beim Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc-hh.de) und beim Verein Intervention.