Die EU-Kommission hat das Medikament Maviret jetzt auch für die akute Hepatitis C zugelassen. Klingt nach einer Randnotiz aus der Pharmawelt – kehrt aber einen alten Behandlungsgrundsatz um. Gerade für schwule und bisexuelle Männer, für PrEP-Nutzer*innen und die Chemsex-Szene ist das eine relevante Nachricht.
Illustration: KI erstellt
Bislang galt: Wer sich frisch mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infiziert, wartet erst einmal ab. Bei 20 bis 40 von 100 Menschen heilt eine akute Infektion von allein aus. Also beobachten Ärzt*innen, ob die Viruslast von selbst sinkt – und behandeln erst, wenn die Infektion chronisch zu werden droht. Dieser abwartende Ansatz war jahrelang Standard.
Seit Juni 2026 ist das anders. Die Europäische Kommission hat die Zulassung der Wirkstoffkombination Glecaprevir/Pibrentasvir – vermarktet als Maviret – auf die akute Hepatitis C ausgeweitet, für Erwachsene und Kinder ab drei Jahren. Damit ist es das erste und bislang einzige Präparat in der EU, das sowohl gegen die akute als auch gegen die chronische Form eingesetzt werden darf. In Deutschland leben laut Herstellerangaben mehr als 165.000 Menschen mit einer Hepatitis-C-Infektion.
„Treat and Treat": der Paradigmenwechsel
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Hinter der technischen Zulassungsmeldung steckt ein Strategiewechsel. Statt auf eine ungewisse Spontanheilung zu warten, empfehlen neuere internationale Leitlinien inzwischen, sofort nach der Diagnose zu behandeln – Fachleute nennen das „Treat and Treat". Der Gedanke dahinter: Verzögerungen in der Versorgung vermeiden, das Risiko einer Leberschädigung senken und – epidemiologisch entscheidend – Übertragungsketten früh unterbrechen.
Denn die akute Phase verläuft oft völlig unbemerkt. Wenn überhaupt Symptome auftreten, ähneln sie einem grippalen Infekt: Appetitlosigkeit, Übelkeit, ein Druckgefühl im rechten Oberbauch. Sinkt die Viruslast nicht innerhalb der ersten vier Wochen deutlich, wird die Infektion mit hoher Wahrscheinlichkeit chronisch. Und eine chronische Hepatitis C heilt kaum von allein – sie kann über Jahre zu Leberzirrhose und Leberkrebs führen.
Die Datengrundlage für die Zulassung liefert die Phase-III-Studie M20-350: 286 zuvor unbehandelte Menschen mit akuter HCV-Infektion nahmen acht Wochen lang einmal täglich Maviret ein. Die Heilungsrate lag bei 96,2 Prozent – gemessen am anhaltenden virologischen Ansprechen zwölf Wochen nach Therapieende. Virologische Durchbrüche während der Behandlung oder Rückfälle danach gab es nicht. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf; am häufigsten waren Müdigkeit, Durchfall, Kopfschmerzen und Kraftlosigkeit.
Warum das die Szene betrifft
Für die Leser*innen von männer* ist ein Detail dieser Studie besonders aufschlussreich: Rund die Hälfte der Teilnehmenden war zugleich mit HIV infiziert, knapp neun von zehn waren Männer. Das ist kein Zufall, sondern spiegelt, wo sich akute Hepatitis C in Deutschland vor allem verbreitet.
Männer, die Sex mit Männern haben, gehören – neben Menschen mit intravenösem Drogenkonsum – zu den Hauptrisikogruppen. Übertragen wird das Virus dabei meist über Schleimhautverletzungen und direkten Blutkontakt, etwa bei kondomlosem oder härterem Analverkehr. Begünstigt wird das durch Chemsex beziehungsweise „Party and Play", teils bis zum intravenösen Konsum („Slamming"). Und während Hepatitis C lange vor allem HIV-positive Männer betraf, steigen die Fallzahlen zunehmend auch bei HIV-negativen Männern unter PrEP.
Genau hier liegt der eigentliche Nutzen der neuen Zulassung. Wer sofort behandelt werden kann, statt monatelang abzuwarten, ist schneller virusfrei – und gibt das Virus in dieser Zeit nicht weiter. Fachleute sprechen von „Treatment as Prevention": Behandlung als Prävention. Wo konsequent gescreent und früh therapiert wird, sinken Neuinfektionen im Kollektiv nachweislich. Ein Baustein auf dem Weg zu dem Ziel, das die WHO für 2030 ausgegeben hat: die Virushepatitis als öffentliche Gesundheitsbedrohung zu eliminieren.
Ein Werkzeug ist noch keine Strategie
So sehr die schnelle Therapie ein Fortschritt ist – sie greift nur, wenn Infektionen überhaupt gefunden werden. Und da liegt der Haken. Eine Erkrankung, die meist ohne Symptome verläuft, entdeckt man nur durch regelmäßiges, niedrigschwelliges Testen. Dazu kommt eine hohe Reinfektionsrate: Wer einmal geheilt ist, kann sich erneut anstecken. Ein Medikament allein löst das nicht.
Damit wird aus der medizinischen Nachricht eine gesundheitspolitische Frage. Das beste Therapieschema nützt wenig, wenn Checkpoints, Screening-Angebote und Beratung in der Community unterfinanziert bleiben oder dem Sparzwang der Krankenkassen zum Opfer fallen. Die Zulassung liefert das Werkzeug. Ob daraus in Berlin und anderswo tatsächlich eine Eliminationsstrategie wird, entscheidet sich nicht in den Studienzentren, sondern in der Versorgungsrealität vor Ort – bei den Angeboten, die queere Männer niedrigschwellig erreichen.