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Foto: „Sexually Speaking“ – Nan Goldin, © 2026 BUTT magazine
Ein Vierteljahrhundert schwule Kulturgeschichte, verpackt in Bildern, Körpern, Begierden und kluger Respektlosigkeit. Mit „NEW BUTT“ kehrt dank des Kölner TASCHEN Verlags ein Magazin zurück, das Erotik nie von Kunst und Begehren nie von gesellschaftlicher Wirklichkeit getrennt hat.
Als „BUTT“ 2001 auf der Bildfläche erschien, war das Magazin mehr als eine Zeitschrift für schwule Männer. Dank Wolfgang Tillmans’ Beiträgen und der Arbeiten weiterer Künstler war es am Puls der Zeit: ein ästhetisches Statement, eine Absage an die glatt polierte Hochglanzwelt der Mode- und Lifestylemagazine und zugleich eine Liebeserklärung an das Ungefilterte, das Eigenwillige und das sexuell Aufgeladene. Mit seinen unverstellten Fotografien, seinen lakonischen Interviews und einem Humor, der sich wenig um Konventionen scherte, schuf „BUTT“ eine Bildsprache, die ebenso intim wie provokant war. Hier durfte der Körper Körper sein, das Begehren widersprüchlich, die Männlichkeit brüchig und die Erotik frei von jener demonstrativen Perfektion, die das kommerzielle Schönheitsideal gewöhnlich verlangt.
Nun, zum 25-jährigen Jubiläum, meldet sich das Projekt mit „NEW BUTT“ zurück. Das neue Buch versammelt Interviews, Fotografien und Kunstwerke, die von einer schwulen Kultur erzählen, deren Einfluss längst weit über die eigenen Szenen hinausreicht. Namen wie Jean Paul Gaultier, Arca, Honey Dijon und Édouard Louis markieren dabei ein Feld, in dem Mode, Musik, Literatur, Klubkultur und bildende Kunst ineinandergreifen. Es ist ein Panorama unterschiedlicher Temperamente und Generationen, ein Treffen von Kulturikonen und neuen Stimmen, von etablierten Positionen und subkulturellen Energien. Was sie verbindet, ist weniger ein einheitliches ästhetisches Programm als die Lust, sich den Zumutungen einer normierten Welt zu entziehen.
Denn „BUTT“ interessierte sich nicht allein für schöne Männer, sondern für Menschen, deren Körper, Lebensentwürfe und Fantasien sich der eindeutigen Kategorisierung widersetzten. Die Bilder konnten zärtlich und derb, beiläufig und hochgradig inszeniert, humorvoll und ernst zugleich sein. Gerade in dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit lag ihre Kraft. Das Sexuelle wurde nicht als dekoratives Beiwerk behandelt, sondern als Teil einer Lebenswirklichkeit, in der sich Identität, Macht, Scham, Selbstbehauptung und Freiheit begegnen.
Auch die vermeintliche Ungezwungenheit des Magazins war dabei eine Form der kulturellen Intervention. In einer Zeit, in der schwule Sichtbarkeit zunehmend durch kommerzielle Erfolgsgeschichten, makellose Körperbilder und die Versprechen eines konsumierbaren Lifestyles geprägt wurde, setzte „BUTT“ auf das Unangepasste. Seine Ästhetik erlaubte Unordnung, Übertreibung und Ambivalenz. Sie machte aus dem Privaten eine öffentliche Angelegenheit, ohne ihm seine Intimität vollständig zu nehmen. Das Ergebnis war eine Form visueller Selbstermächtigung, die sich weder mit der Rolle des Außenseiters zufriedengab noch um die vorbehaltlose Anerkennung des Mainstreams buhlte.
„NEW BUTT“ knüpft an diese Tradition an, ohne bloß nostalgisch in die eigene Vergangenheit zurückzublicken. Das Buch versteht sich vielmehr als Begegnung zwischen unterschiedlichen Momenten queerer Kulturgeschichte. Was einst als subversive Gegenbewegung begann, ist heute Teil einer globalen Popkultur, deren ästhetische Impulse in Mode, Kunst, Musik und Literatur längst angekommen sind. Doch mit der größeren Sichtbarkeit ist die Frage nach dem Verhältnis von Rebellion und Anpassung keineswegs verschwunden. Was bleibt von der Provokation, wenn ihre Zeichen längst in der Werbung angekommen sind? Wie lässt sich sexuelle Freiheit darstellen, ohne sie zur bloßen Pose werden zu lassen? Und welche Bilder braucht eine Gegenwart, in der Identität zugleich selbstverständlicher und politisch umkämpfter erscheint als je zuvor?
Gerade in einer Kultur, die Sichtbarkeit häufig mit Gefälligkeit verwechselt, kann das Unbequeme eine produktive Kraft entfalten. Nicht jede Darstellung muss repräsentativ sein, nicht jede Identität eindeutig, nicht jede erotische Fantasie vor einem moralischen oder ästhetischen Tribunal bestehen. „NEW BUTT“ feiert deshalb nicht einfach 25 Jahre Magazin-Geschichte. Es erinnert an eine kulturelle Praxis, die Erotik als Erkenntnisform begreift, Kunst als Spiel mit Grenzen und queeres Leben als ein Feld permanenter Neuerfindung. Zwischen Sex, Selbstinszenierung und gesellschaftlichem Kommentar entsteht eine Ästhetik, die sich dem endgültigen Urteil entzieht. Wir sind Fans. www.taschen.com
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