Foto: Maximilian Goedecke
Barbaros Altuğ schreibt einen Roman über einen verschwundenen Mann. Doch eigentlich erzählt er von all jenen (queeren) Leben, die verschwinden, sobald ihre Wahrheit nicht ausgesprochen werden darf. Seine Literatur setzt diesem Verschwinden etwas entgegen: Erinnerung, Begehren und Sprache. Und die stille, aber radikale Behauptung, dass Erzählen selbst eine Form des Widerstands sein kann.
Günes ist 31 Jahre alt, Ingenieur, Offizier der türkischen Armee, angesehen und gesellschaftlich etabliert. Als er plötzlich spurlos verschwindet, beginnt für einen anderen Günes eine Reise zurück: Ein türkischer Schriftsteller, der im Berliner Exil lebt, erfährt zufällig von dem Fall und kehrt in seine alte Heimat zurück.
Was zunächst wie eine Suche nach einem Vermissten beginnt, verwandelt sich bei Barbaros Altuğ rasch in etwas Unheimlicheres: eine Suche nach den blinden Flecken der eigenen Biografie. Denn je tiefer der Schriftsteller in das Leben des verschwundenen Offiziers eindringt, desto deutlicher wird, dass die offizielle Geschichte nicht mit der Wahrheit übereinstimmt. Um Günes zu finden, muss er den Geschichten nachspüren, die andere nicht erzählen wollen. Und schließlich auch den Geschichten, die er selbst lange verschwiegen hat. Das Erzählen wird bei Altuğ damit zu einer Form des Widerstands. Gegen das Vergessen ebenso wie gegen die gesellschaftliche Übereinkunft, bestimmte Wahrheiten nicht auszusprechen. Gerade darin liegt die politische Kraft dieses Romans: Er schildert Repression nicht allein als staatlichen Akt, sondern als Atmosphäre, als soziale Praxis des Wegsehens, Verschweigens und Verdrängens.
Besonders bedrückend ist das Bild einer Gesellschaft, in der queere Menschen einer permanenten Unsicherheit ausgesetzt sind. Gewalt und Verbrechen werden nicht nur dadurch ermöglicht, dass Täter kaum Konsequenzen fürchten müssen. Sie werden auch durch ein Umfeld begünstigt, das lieber nichts wissen will. Altuğ zeigt diese Mechanismen ohne die beruhigende Distanz einer rein dokumentarischen Darstellung. Seine Türkei ist ein Raum, in dem das Private politisch geworden ist, weil selbst Intimität nicht vor den Zumutungen der Gesellschaft schützt. Dabei besitzt der Roman eine eigentümliche Doppelbewegung. Der Schriftsteller kehrt nach Istanbul zurück, um einen anderen Menschen zu suchen – und entdeckt dabei, dass seine eigene Vergangenheit keineswegs abgeschlossen ist. Die Ermittlungen legen Schicht für Schicht eine Biografie frei, in der Erinnerung und Verdrängung miteinander ringen. Der fremde Fall wird zum Spiegel der eigenen Existenz.
Dass der Autor seinen Roman literarisch mit Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ verschränkt, ist deshalb mehr als eine gelehrte Referenz. Manns Novelle handelt ebenfalls von Begehren, Selbsttäuschung, Verfall und der Spannung zwischen gesellschaftlicher Ordnung und verdrängtem Verlangen. Bei Altuğ kehrt dieses literarische Echo unter veränderten historischen und politischen Bedingungen wieder.
Stilistisch erzeugt der Buchautor eine beklemmende, beinahe klaustrophobische Stimmung. Istanbul erscheint nicht als pittoreske Kulisse, sondern als psychischer und politischer Raum, in dem die Vergangenheit überall gegenwärtig ist. Die Stadt, in die der Erzähler zurückkehrt, wird ihm zunehmend fremd – und gerade in dieser Fremdheit erkennt er etwas über sich selbst. Berlin wiederum, zunächst bloß der Ort des Exils, gewinnt eine andere Bedeutung. Am Ende ist es nicht die Rückkehr in die alte Heimat, die zur Erlösung führt. Es ist die Erkenntnis, dass Heimat auch dort liegen kann, wo #mensch sich eine neue Existenz erkämpft hat. www.orlanda.de
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