Bild: F. Brunetti
Das jährliche Kunstbuch vereint unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen – darunter Kurzgeschichten, Zeichnungen, Fotografien, Gedichte und essayistische Texte. Im Mittelpunkt stehen Figuren und Rollen, die mit „dem Milieu“ verbunden sind: Sexarbeiter und ihre Kunden, Betreiber, Beobachter und die „männliche Muse“ als Inspirationsquelle. Themen wie Verführung, Überleben, Kriminalität, Spiel, Inszenierung und Spektakel werden ebenso aufgegriffen wie die Ambivalenz zwischen Ausschweifung und Ästhetik. So entsteht ein künstlerisch-literarisches Panorama, das das Bordell als symbolischen Raum zwischen Realität und Imagination darstellt – rau und intensiv, zugleich aber stets mit einem Blick für Schönheit und Ausdruckskraft. Auch mit der Kunst von Lars Deike.
„Bordello“ ist das Motto des neuen Bandes. Erkläre mal.
Rinaldo Hopf: Wir, die Herausgeber, haben dieses Unterwelt-Thema gewählt, um die Fantasie der Autoren und Künstler anzuregen. Alles, was verboten ist, ist interessant. Dies zeigt sich auch darin, dass das deutsche Wort ‚verboten‘ als Lehnwort ins Englische eingegangen ist. Einer von uns Herausgebern, der Fotograf Johnny Abbate, stammt aus Neapel, einer Stadt, die sowohl für ihre Schönheit als auch für ihre Unterwelt bekannt ist.
Johnny Abbate: In meiner Stadt Neapel ist der Körper unser Dialekt des Überlebens. Während weibliche Prostitution traditionell in staatlich regulierten Bordellen eingehegt wurde, blühte im Verborgenen ein tief verwurzelter und weniger dokumentierter männlicher Sexhandel. Im Italienischen hat das Wort Bordello zwei Hauptbedeutungen: Wörtlich ist es das Standardwort für ein Bordell oder Freudenhaus. In der Umgangssprache wird es verwendet, um Chaos, Verwirrung oder ein riesiges Durcheinander zu beschreiben. Aus diesem Grund haben wir das italienische Wort Bordello verwendet.
Worauf habt ihr besonders geachtet?
Rinaldo Hopf: In unserem Buch finden sich Berichte über historische Bordelle in New York, Berlin und Istanbul sowie zeitgenössische Stricher-Geschichten. Es gibt einen Text über den legendären New Yorker Sexklub Mineshaft während der Hochphase der Schwulenbewegung, 1976 bis 1984, die einer unserer Autoren den „Gay Candy Store“ genannt hatte, der mit dem Ausbruch von Aids ein abruptes Ende fand. All dies spiegelt sich in den Fotos und Kunstwerken der sechzig internationalen Künstler in diesem Band wider. Um nur einige zu nennen: Bruce LaBruce’ und Slava Mogutins berühmte Fotos von Hustlern und Go-go-Boys; die wilden sexuellen Zeichnungen von Michael Kirwan und Palanca, beide aus dem Archiv der Tom of Finland Foundation; und eine wunderbare Neuentdeckung: die erotischen Miniaturen des türkischen Künstlers Onur Hastürk. Ein besonderes Kapitel ist dem kürzlich verstorbenen Filmemacher, Künstler und lieben Freund Rosa von Praunheim gewidmet, ohne dessen Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von 1971 nicht nur die deutsche Schwulenbewegung ganz anders ausgesehen hätte.
Social Media ist prüde. Inwiefern beeinträchtigt das eure Promotion?
Rinaldo Hopf: Darin haben wir schon jahrelang Übung! Wir gehen immer bis ans Limit dessen, was möglich ist. Der Kreis auf dem Cover hat sich bewährt: So umgehen wir eine mögliche Zensur und schaffen gleichzeitig Neugier darauf, was sich wohl dahinter verbirgt. Im Buch wird dann viel mehr gezeigt als in den sozialen Medien, deshalb sollte man ja das Buch erwerben. Zumal es nach 22 Ausgaben ein ausgesprochenes Sammlerobjekt geworden ist, sozusagen ein Kompendium für erotische schwule Gegenwartskunst und -Literatur.
*Interview: Michael Rädel
30. April – 16. Mai, „Mein schwules Auge – Bordello“, Ausstellung zum Bucherscheinen, Galerie Newman, Kalckreuthstr. 14, U Nollendorfplatz, www.mygayeye.com
Wir sind auch auf Instagram:


