Foto: 2026 The Walt Disney Company
Vladimir Burlakov (Zar Alexander I.)
Während die nächste „tatort“-Folge, in der Vladimir Burlakov wieder als Kommissar Leo Hölzer in Saarbrücken ermittelt, noch bis 2027 auf sich warten lässt, ist der in Moskau geborene und als Kind mit der Familie nach Deutschland gekommene Schauspieler aktuell trotzdem dauerpräsent auf dem Bildschirm. Seit Oktober ist er in der Mystery-Serie „House of Yang“ (in der ARD Mediathek) zu sehen, am 18. November startet bei Disney+ auch die Historienserie „Vienna Game“. Darin spielt der schwule Wahlberliner den russischen Zaren Alexander I. Wir trafen den inzwischen 39-jährigen Burlakov während der Dreharbeiten in Budapest für ein Interview.
Ihre neue Serie „Vienna Game“ ist für eine deutschsprachige Historienserie nicht nur ausgesprochen aufwendig produziert, sondern auch ziemlich böse, überzeichnet und witzig. Was reizte Sie an dem Projekt? Dass es mir im Grunde ähnlich ging, wie gerade beschrieben. Denn diesen Ansatz fand ich recht mutig. Ich weiß nicht, ob es wirklich jemand interessant gefunden hätte, wenn dieser Stoff komplett historisch korrekt und irgendwie monoton als Serie erzählt worden wäre. Dann guckt man sich vielleicht doch lieber eine Dokumentation an. Entsprechend fand ich es toll zu sagen, wir überhöhen das Ganze – und in allen Departments lehnt man sich auch mal aus dem Fenster. Nicht nur in der Ausstattung und den Kostümen, sondern auch bei uns Schauspielern, in der Art, wie die Figuren angelegt sind. Ich hoffe, die Zuschauer wissen das auch zu schätzen und fühlen sich gut unterhalten, während sie trotzdem etwas über den Wiener Kongress lernen.
Wie viel wussten Sie denn über die historischen Fakten? Ich wusste zwar, wann der Wiener Kongress stattgefunden hat, aber sehr viel mehr eigentlich nicht. Deswegen fand ich es ausgesprochen spannend, mich mit dem Thema zu beschäftigen und mit Blick auf die Geschichte natürlich Dinge zu verstehen, die heute noch relevant sind. Wie damals in Wien Europa aufgeteilt und neu geordnet wurde, hat ja viel mit allem zu tun, was dann anschließend passierte und was wir zum Teil heute noch so kennen. Die Vorbereitung auf „Vienna Game“ war also wirklich sehr interessant.
Wie genau sah die Vorbereitung aus? Mussten Sie sich trotz der Überhöhung viel mit dem realen Zaren Alexander beschäftigen, den Sie in der Serie verkörpern? Wenn ich eine historische Figur spiele, ist es mir immer wichtig, so viel wie möglich über sie in Erfahrung zu bringen und aus diesem Wissen etwas für meine Rolle herausziehen zu können. Für mich ist das essenziell, mich – wie in diesem Fall – mit Briefwechseln und Originalzitaten auseinanderzusetzen und spannende Sachbücher zu lesen, denn da bekomme ich so viel geschenkt. Wenn du eine komplett fiktive Figur spielst, musst du alles erfinden, aber in einem solchen Fall, ist schon so viel da, mit dem du arbeiten kannst. Ich bekam wirklich ein Gespür dafür, wer Zar Alexander am Anfang des Kongresses war, für was die Leute ihn gehalten haben und als was er sich am Ende dann entpuppt hat. Manchmal stieß ich auf Passagen, die ich so stark fand, dass ich den Autor Stefan Brunner sogar fragte, ob nicht vielleicht der eine oder andere Satz so auch im Drehbuch landen könnte.
Foto: 2026 The Walt Disney Company
Vladimir Burlakov (Zar Alexander I), Marlene Tanczik (Wilhelmine von Sagan)
Wie würden Sie Alexander als Figur beschreiben? Was können wir in „Vienna Game“ vom Zaren erwarten? Ich habe oft das Glück, so janusköpfige Figuren spielen zu dürfen. An diesem Zaren war aber besonders spannend, dass es in der Macht-Hierarchie der damaligen Zeit eigentlich niemanden gab, der über ihm stand. Das gab ihm im Grunde eine unglaubliche Narrenfreiheit und einen gewissen Größenwahn, weil er meinte, alles machen zu können, was er will, ohne sich an Absprachen zu halten. Außerdem litt er unter Depressionen, und böse Zungen sagen ja auch, dass er am Mord an seinem Vater wenn nicht beteiligt war, dann zumindest davon wusste. Das kann man natürlich nicht überprüfen, aber vielleicht hat er davon so etwas wie ein Trauma davongetragen. In der Serie ist er nun einerseits wahnsinnig exzentrisch, impulsiv und cholerisch auf der einen Seite und auf der anderen auch sehr zuvorkommend, höflich und fast nahbar, auch weil er sich sehr gerne mal unters Volk mischt. Janusköpfig ist deswegen wirklich die beste Beschreibung. Oder sprunghaft, auch in seinen politischen Entscheidungen.
Sehen Sie Parallelen zwischen dem politischen Personal damals und heute? Sagen wir es mal so: Die Allmachtsfantasien bestimmter Personen könnten einem auch heute bekannt vorkommen. Da gibt es schon ähnliche Verhaltensmuster und Besitzansprüche, nicht nur mit Blick auf Putin und das russische Reich. Dass größenwahnsinnige Männer immer meinen, sich alles einverleiben zu müssen, funktioniert gefühlt immer nach dem gleichen Muster. Ob damals im 20. Jahrhundert oder heute.
Auf Instagram machte es während der Dreharbeiten den Eindruck, als hätte das ganze Team ziemlich viel Spaß bei der Arbeit an „Vienna Game“ gehabt … Wir waren auch eine gute Truppe. Mit dem Regisseur Hannu Salonen war das bereits meine fünfte Zusammenarbeit, wir kannten uns also schon ziemlich gut. Der Kameramann Felix Cramer oder auch Oberbeleuchter Markus Thiermeyer waren schon bei „Oktoberfest 1900“ mit dabei, also war ich auch aus der Crew bereits mit einigen vertraut. Und Daniel Donskoy und ich kannten uns zwar nicht von der Arbeit, aber aus Berlin. Aber ich habe mich auch mit Alexander Scheer oder Marlene Tanczik gut verstanden, mit denen ich vorher noch nie gearbeitet hatte.
Gedreht wurde die Serie in Wien und in Budapest, über ein halbes Jahr lang. Haben Sie das als echtes Großprojekt empfunden? Auf jeden Fall, und es war auch gar nicht immer einfach, das mit anderen Terminen und dem Alltag in Berlin zu koordinieren. Das war manchmal richtig schwierig. Es gab aber natürlich auch sehr viele Herausforderungen, die wir meistern mussten: reiten, Schwertkampf, aufwendige Tanzszenen. Das alles erforderte Proben, sodass ich am Ende über meine Drehtage hinaus noch mal mehr als doppelt so viele Tage zusätzlich mit der Arbeit an „Vienna Game“ beschäftigt war. Das hatte ich am Anfang ein bisschen unterschätzt.
Immerhin durften Sie Zeit in zwei ausgesprochen schönen Städten verbringen. Oder kommt man ohnehin nicht dazu, die zu genießen? Doch, natürlich, man lernt die Städte, in denen man dreht, schon ein wenig kennen. Ich bin jetzt nicht unbedingt jemand, der dann eine Sightseeingtour macht oder irgendwelche Gruppentourismus-Aktivitäten. Aber ich entdecke Städte gerne über das Essen und freue mich immer sehr, wenn ich Zeit habe, leckere Restaurants zu finden.
*Interview: Patrick Heidmann
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