Foto: Salzgeber
Enzo himmelt Vlad an ...
Hitze, Sonne, Pubertät und schwules Verlangen. Das Meer an der Côte d’Azur funkelt, der Pool glitzert, alles wirkt wie ein endloser Instagram-Sommer. Im Haus mit Meerblick ist die Zukunft eigentlich durchgeplant: Enzo, 16, macht brav seinen Abschluss, danach Studium, Karriere, Sicherheit. Doch der Teenager steigt aus – nicht laut, nicht rebellisch, sondern mit einem stillen „Nein“.
Er tauscht Klassenzimmer gegen Baustelle. Betonstaub statt Bücher, schwielige Hände statt Studienberatung. Seine Eltern schauen irritiert zu, als würde ihr Sohn gerade eine komplett neue Version seiner selbst testen. Nur: Auch auf der Baustelle passt er nicht rein. Der Chef verliert die Geduld, weil Enzo schon an Basics scheitert. Es wirkt, als würde sein Körper sich weigern, diese Rolle einfach zu übernehmen.
Und dann ist da Vlad. Älter, lässiger, aus der Ukraine. Einer, der weiß, wie man anpackt – und wie man wirkt. Er zeigt Enzo Fotos seiner Affären, redet offen, spielt den abgeklärten Typen. Für Enzo wird er alles auf einmal: Vorbild, Gegenentwurf, Projektionsfläche. Arbeiter. Außenseiter. Mann. Jemand, der scheinbar keine Zweifel kennt. Die Hitze, das Licht, die langen Blicke – das erinnert lose an „Call Me by Your Name“. Aber der Film will nicht schwelgen. Er kratzt tiefer. Er zeigt, wie verwirrend es ist, wenn Bewunderung kippt, wenn aus Trotz echte Gefühle werden, wenn man merkt, dass Identität nichts Stabiles ist, sondern etwas, das ständig verrutscht. Klasse, Begehren, Politik – alles hängt zusammen, nichts ist eindeutig.
Der Teenager steht zwischen den Welten: zu privilegiert für die Baustelle, zu entfremdet für sein Elternhaus. Sein Unbehagen ist mehr als Pubertät. Es ist dieses moderne Dazwischen – politisch sensibilisiert, aber trotzdem im Wohlstand verankert. Wissen, dass man Teil des Problems ist, und trotzdem nicht wissen, wohin mit sich. „Wer bin ich, wenn ich nirgendwo wirklich zuhause bin?“ – diese Frage legt sich wie ein feiner Staub über jede Szene. „Enzo“ gibt keine Antworten. Er stellt aus, was im Übergang schmerzt: das Unfertige, das Widersprüchliche, das Begehren, das sich nicht politisch korrekt sortieren lässt. Und vielleicht liegt gerade darin seine größte Ehrlichkeit. Am 2. April startet „Enzo“ in den Kinos, schon im März laufen Previews in 50 Städten im Rahmen der queerfilmnacht. Etwa am 15. März in Freiburg.
** „Enzo“ ist der letzte Film von Laurent Cantet (1961 – 2024). Noch vor seinem Tod übergab er die Regie an seinen engsten Freund und langjährigen künstlerischen Weggefährten Robin Campillo, der das Projekt in seinem Sinne vollendete.
Mit dem Klick auf das Video stimmst Du diesen Datenschutzbestimmungen von YouTube zu

