Foto: © Mandarin Compagnie Kallouche Cinema Frakas Productions
Nach dem queeren Kannibalismus-Film „Raw“ und dem überraschend in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten „Titane“ legt die französische Regisseurin Julia Ducournau ihren dritten Spielfilm vor. Das in den 1980er- und 1990er-Jahren angesiedeltes Horrordrama „Alpha“ (ab 2.4. im Kino) über ein Mädchen (Mélissa Boros) und ihren drogensüchtigen Onkel (Tahar Rahim) in Zeiten, in denen ein mysteriöser Virus die Infizierten in Marmorstatuen verwandelt, entpuppt sich als komplexe AIDS-Allegorie, die einiges wagt, visuell begeistert und Rahim in Bestform zu bieten hat. Wir trafen den Hauptdarsteller, der zuletzt in „Monsieur Aznavour“, aber auch Hollywood-Produktionen wie „Madame Web“ oder „Napoleon“ zu sehen war, in Cannes zum Interview.
Tahar, ihre Rolle in „Alpha“ als Junkie namens Amin, der nicht nur körperlich ziemlich am Ende ist, ist in erster Linie eine sehr physische Performance. War es ungewohnt, vergleichsweise wenig Text zu haben? Darüber habe ich gar nicht so viel nachgedacht, denn auch ohne viele Dialoge, ohne eine Unmenge von Worten, sagt diese Figur sehr viel. Dieser Film lebt sehr viel von seinen Bildern und der Atmosphäre, und ich hatte das Gefühl, dass ich dazu als Schauspieler auch ohne große Worte viel beitragen kann. Ich musste eine ganz eigene, ungewohnte Art entwickeln, mich zu bewegen. Das war schauspielerisch fraglos eine Herausforderung. Wobei ich meinen Körper für die Rolle ohnehin sehr verändert hatte.
Sie sind in der Rolle unglaublich dünn. Hat ihnen das keine Sorgen bereitet? Nein, denn ich liebe es, mich solchen respekteinflößenden Aufgaben zu stellen. Wahrscheinlich bin ich immer auf der Suche nach diesem Gefühl, das man als junger Schauspieler hat, wenn man alles zum ersten Mal macht. Diese Nervosität und die Angst, die dafür sorgen, dass eine Art Überlebensinstinkt einsetzt, mit dessen Hilfe man es dann schafft, die eigenen Grenzen zu überwinden.
In „Alpha“ sehen sie nun allerdings so ungesund aus, dass man sich da schon Sorgen macht … Ich hatte mit Julia Ducournau im Vorfeld ein bestimmtes Gewicht vereinbart, dass ich vor Drehbeginn erreichen wollte. Sie war dann damit auch zufrieden, aber ich spürte, dass das für mich noch nicht genug war. Ich wollte noch weiter abnehmen, natürlich immer beaufsichtigt von einem ärztlichen Team. Mir war es wichtig, irgendwie diese Leere in mir zu spüren, dieses Nichts, das Süchtige in sich tragen. Da ist etwas in ihnen, das gefüllt werden muss – und das ist der Moment, in dem die Sucht einsetzt. Dieses Gefühl kann man nicht ohne weiteres künstlich herstellen. Ich zumindest versuchte, das nachzuempfinden, in dem ich diese Leerstelle erzeuge durch den Verzicht aufs Essen. Und dafür reichte nicht eine kleine Diät, sondern wollte so hungrig sein, dass ich selbst den Hunger irgendwann vergaß. Am Ende hatte ich über 20 Kilo abgenommen. Was ich mir nur erlauben konnte, weil wir nicht in Paris drehten und ich also nicht zuhause bei meinen Kindern war.
War ihre Vorbereitung auf diese intensive Rolle also eine rein körperliche? Natürlich habe ich mir Amin auch psychologisch zu Eigen zu machen versucht. Unter anderem habe ich mit einer Organisation zusammengearbeitet, die sich um Drogensüchtige kümmert. Dadurch hatte ich das Glück mich intensiv mit verschiedenen Betroffenen austauschen zu können, sowohl Menschen, die immer noch mit ihrer Sucht kämpften, als auch anderen, die sie mehr oder weniger überwunden hatten. Sofern man das je tut. Dass diese Menschen ihre privatesten Erfahrungen mit mir teilten und mich sogar Videoaufnahmen von ihnen machen ließen, war ein großes Privileg und eine noch größere Hilfe.
Ducournau gehört schon seit Filmen wie „Raw“ und „Titane“ zu den spannendsten Regisseur*innen Frankreichs, nicht zuletzt auch mit Blick auf die queeren Elemente in ihren Filmen. Wie würden sie ihr Kino beschreiben? Dadurch dass es – nicht nur in Frankreich übrigens – eigentlich niemanden gibt wie Julia, fehlen irgendwie die Kategorien, in die man sie stecken könnte. Viele Leute sagen, sie mache Genre-Kino, weil es in ihren vorherigen Filmen Action- und Horror-Elemente gab, am ehesten wohl Body-Horror. Sie nutzt auch immer wieder Spezialeffekte und setzt Sound auf ganz eigenwillige Weise ein, um in ihrem Publikum etwas auszulösen, was es sonst im Kino vielleicht nicht alle Tage spürt. Aber gleichzeitig ist gerade „Alpha“ nun einmal auch ein echtes Familiendrama.
Seit etlichen Jahren drehen sie mindestens so häufig im Ausland wie zuhause in Frankreich. Wie kam es eigentlich, dass sie plötzlich anfingen, vor allem in englischsprachigen Produktionen mitzuspielen? Das hat sich auf jeden Fall nicht einfach nur zufällig ergeben, sondern war eine sehr bewusste Entscheidung von mir. Gar nicht aufgrund eines konkreten Anlasses, sondern aus einem sehr tiefsitzenden Gefühl heraus, dass ich meinen Horizont erweitern und neue Welten entdecken wollte. Das Kino ist für mich eine Sprache, die Grenzen überschreitet, also warum wollte ich mich von ebensolchen einschränken lassen? Das hat sicherlich viel zu tun mit der Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin, als Sohn algerischer Eltern in einer Wohnsiedlung am Stadtrand. Mein Alltag bestand aus lauter Menschen unterschiedlichster Herkunft, mit ganz verschiedenen Hautfarben und Sprachen. Von der Musik bis zum Essen waren tagtäglich überall verschiedene Kulturen in meinem Leben präsent. Diese Vielfalt wünschte ich mir irgendwann auch in der Arbeit – und wollte nicht warten, bis das französische Kino mir das womöglich von sich aus bieten kann.
Fließend Englisch sprechen zu lernen, eine Agentur finden, Kontakte knüpfen – der Sprung ins Ausland bedarf viel Ehrgeiz und Arbeit, nicht wahr? Oh ja, mich hat das reichlich Kraft und auch Geduld gekostet. Und natürlich gehörten zu diesem Weg auch oft lange Phasen der Einsamkeit, weit weg von der Familie. Aber ich spürte immer, dass es das wert ist. Manchmal muss man eben richtig schwitzen, um etwas zu erreichen. Das macht den Genuss dann am Ende aber auch umso erfüllender.
Wie ihre Landsmänner Dany Boon oder Omar Sy den Lebensmittelpunkt komplett in die USA zu verlegen, kam aber nicht in Frage? Darüber nachgedacht habe ich natürlich. Allerdings realisierte ich irgendwann, dass das womöglich doch nicht nötig ist. Anfangs flog ich immer wieder nach Los Angeles, um Klinken zu putzen und für Rollen vorzusprechen. Eines Abends traf ich da mal einen Kollegen, der im Gespräch erwähnte, dass er gerade das gleiche Casting gemacht hatte wie ich. Da hatte ich ihn allerdings gar nicht getroffen, denn wie sich herausstellte, hatte er bloß ein Video aufgenommen und eingeschickt. Das gab mir dann doch zu denken: ich fliege um die halbe Welt, um vorzusprechen, und er, der sogar in Los Angeles lebte, ging dafür nicht einmal vor die Tür. So wurde mir klar, dass es völlig unnötig wäre, mit Sack und Pack nach Hollywood zu ziehen. Zum Glück, denn seit der Pandemie sind diese selbst aufgenommenen Casting-Videos ja ohnehin die Norm.
*Interview: Jonathan Fink
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