Foto: Selfie
Im September ist es wieder so weit: Das europäische Fetisch-Festival bereichert einmal mehr Berlin. Auch die Kunstwelt lässt sich von „Folsom Europe“ inspirieren und widmet sich im Fall von prideART dem Thema „Männlichkeit“.
Die Ausstellung „UNBOUND“ vereint und präsentiert vom 9. September (Vernissage) bis zum 20. September (Finissage) verschiedene künstlerische Positionen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen – einem Aspekt, der insbesondere in den von Wokeness-Debatten geprägten vergangenen Jahren intensiv diskutiert und hinterfragt wurde. Damit endet das Happening jedoch nicht: Am 13. September wird zudem zum „FOLSOM DAY im ATELIERHAUS“ eingeladen. „Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Orgien-Party mit sexuellen Aktivitäten, sondern um ein Kunst-Event zum Umherwandern, Appetitholen und Genießen“, wurde uns vorab per E-Mail verraten. Angekündigt sind unter anderem ein kleines Turnier namens „PUPPY GAMES“ sowie ein „KINKY CHILLOUT“ mit Snacks (gegen Spende) und der Möglichkeit, sich über queere Kunst auszutauschen.
Foto: @fran_speicher_artist
Einer der Künstler*innen, die mitmachen, ist Fran Speicher. Folgendes verriet er uns im Chat:
Worauf können wir uns freuen? Werke, die Identität als etwas Konstruktives und nicht als etwas Gegebenes untersuchen. Mein besonderes Interesse gilt dem Spannungsverhältnis zwischen Kontrolle und Verletzlichkeit, zwischen Zusammenbruch und Wiederaufleben als Form der Resilienz – und der Frage, wie der Körper zu einem Ort wird, an dem Stille, erotisches Verlangen und Struktur nebeneinander bestehen. Meine jüngsten Arbeiten führen Elemente wie Nähte, Fragmentierung und symbolische, fast esoterische Objekte ein – nicht als Dekoration, sondern als Sprache, um zu hinterfragen, wie wir uns selbst innerhalb sozialer und emotionaler Systeme konstruieren.
Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Verein? Was ich an prideART schätze, ist die Fähigkeit, einen Raum zu schaffen, in dem queere Narrative nicht allein auf Sichtbarkeit reduziert werden, sondern mit konzeptioneller Tiefe und künstlerischer Strenge in einem wahrhaft professionellen und kollaborativen Umfeld behandelt werden. Es fühlt sich an wie eine Struktur, die Künstler*innen gleichzeitig unterstützt, verbindet und repräsentiert – eine Art gewählte Familie. Es geht nicht nur darum, die Stärke der queeren Berliner Szene zu repräsentieren; es hat auch eine historische und internationale Dimension, die die Entwicklung einer nuancierteren Bildsprache innerhalb der queeren Kunst ermöglicht.
Du bist gerne hier. Ja, Berlin inspiriert mich durch seine rohe, dunkle und kompromisslose Ehrlichkeit. Es lässt Widersprüche zu: Schönheit und Dunkelheit, Kontrolle und Chaos, Zerstörung und Verfall, die sich zu etwas fast Couture-Artigem erheben und im selben Raum koexistieren. Diese Dualität findet in meiner Arbeit tiefen Widerhall. Die Stadt verlangt keine Perfektion, sondern Authentizität, und das schafft einen außerordentlich fruchtbaren Boden für künstlerische Erkundungen. In gewisser Weise fühlt sich Berlin wie eine erotische Unterwelt an, und ich bewege mich darin als aufmerksamer Beobachter.
Das Thema ist Maskulinität. Ich betrachte Männlichkeit nicht als feststehende Identität, sondern als ein Konstrukt, das von kulturellen Erwartungen, Machtstrukturen und inneren Konflikten geprägt ist. In meiner Arbeit erscheinen männliche Figuren oft erotisch beherrscht; fast am Rande des Begehrens, fragmentiert oder transformiert. Ich versuche, die Spannung zwischen der Kraft des Begehrens und der Zerbrechlichkeit, der Sichtbarkeit und der Stille aufzudecken und zu hinterfragen, was es heute bedeutet, einen männlichen Körper zu bewohnen, während ich diese Erkundung gleichzeitig in meine eigene Erfahrung einfließen lasse.
*Interview: Michael Rädel
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