Foto: Pancho Assoluto: Jeff, Schweinezüchter (pig farmer), NL-Sint Willebrord 2019, from the series ‘out there’, xxxx, (c) Pancho Assoluto
Ab dem 30. April öffnet im Schwulen Museum eine Ausstellung ihre Tore, die den Blick dorthin richtet, wo queeres Leben lange übersehen oder romantisch verklärt wurde: aufs Land.
Unter dem Titel „Cruising the Countryside – Queeres Leben auf dem Land“ entfaltet sich bis November eine ebenso historische wie gegenwärtige Wanderung durch Landschaften, Geschichten und Lebensrealitäten jenseits der Metropolen. Die Werkschau speist sich aus Objekten und Dokumenten aus dem Archiv des Hauses, ergänzt durch Materialien zahlreicher Initiativen aus ländlichen Regionen. Interviews mit Menschen aus Brandenburg und künstlerische Arbeiten von Cécil Ludwig Röski, Harry Hachmeister, Jürgen Wittdorf, K. Oechsler, Lena-Rosa Händle, Ludwig von Hoffmann und Pancho Assoluto erweitern den Blick – zwischen Archiv, Gegenwart und Imagination.
Denn die Provinz ist hier kein stiller Hintergrund, sondern ein eigenwilliger Schauplatz. In Dörfern ziehen Pride-Paraden durch die Straßen, auf Feldern wird zwischen Kraut und Rüben geküsst und irgendwo hinter dem Autobahnkreuz entsteht jener halböffentliche Raum, der seit jeher Teil queerer Begegnungskulturen ist. Landwirtschaftliches Gender Bending und dörfliche Subkultur treffen aufeinander.
Dabei zeigt die Ausstellung: Queeres Leben auf dem Land ist keineswegs eine neue Erscheinung. Schon in den 1920er-Jahren suchten lesbische Frauen Gleichgesinnte jenseits der Städte. In den 1950er-Jahren wurde der Herrentag mancherorts zum homophilen Treffpunkt. In den 1980ern protestierten Frauen und Lesben im Hunsrück gegen Krieg und Patriarchat, und in den 1990er-Jahren berichtete die Zeitschrift PROvinz aus dem lesbisch-schwulen Alltag in Neubrandenburg.
Die Ausstellung führt durch Gebirge, in denen Solidarität und Gemeinschaft entstehen; auf Inseln, die Geschichten von Isolation und Alleinsein erzählen; durch Mischwälder, in denen sich Land und Stadt, Hof und Kleinstadt berühren; und durch die widerspenstige Heide, in der Natursehnsüchte und Dorfutopien wachsen. Schließlich öffnet sich der Blick auf die Weite der brandenburgischen Seenplatte, wo vielfältiger queerer Aktivismus sichtbar wird.
„Cruising the Countryside“ macht damit deutlich, dass das Land nicht nur Projektionsfläche für Nostalgie oder Rückständigkeit ist, sondern ein Raum widersprüchlicher Erfahrungen – zwischen Nähe und Einsamkeit, Aktivismus und Improvisation, Widerstand und Gemeinschaft. Eine Ausstellung, die die Provinz nicht als Rand, sondern als eigenständige Bühne queerer Geschichte begreift. Wunderbar.
30.4. – 2.11., „Cruising the Countryside – Queeres Leben auf dem Land“, Schwules Museum, Lützowstraße 73, U Kurfürstenstraße, www.schwulesmuseum.de
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