Fotos: M. Rädel
Von 1990 bis 2012 war das Kunsthaus Tacheles einer der Dreh- und Angelpunkte der queeren Kunstwelt in Berlin-Mitte, der 1907 als Friedrichstraßenpassage errichtet wurde. 2012 wurde das Tacheles geräumt – und stand bis 2020 still, bevor es neu belebt wurde und seit 2023 die neue Heimat von Fotografiska Berlin (Katzenbild!) ist.
Über ein Vierteljahrhundert hat US-Filmemacher Andy Cohen das Tacheles begleitet. Dessen Aufstieg, seine Blüte und schließlich seinen Fall. Sein neuer Film „TACHELES: A BERLIN STORY“ erzählt von einem legendären Berliner Kunsthaus und einer Gemeinschaft, die sich ihre künstlerische Freiheit gegen alle Widerstände bewahren wollte.
Um die letzte Jahrhundertwende, als Berlin noch eine Spielwiese für Träumer*innen, Bohemiens und Kreative war, gehörte das Tacheles zum Pflichtprogramm für alle, die das Wilde suchten. Wer wirklich exzessive Nächte erleben wollte, fand hier ein Refugium; wer tagsüber lieber durch Ruinen streifte, zwischen Beton, Backstein und improvisierten Ateliers verschwand oder einfach irgendwo auf einem alten Sofa herumlungern wollte, war ebenfalls richtig. Das Tacheles war weniger ein Ort als ein Versprechen: auf ein anderes Berlin, eines, das sich nicht allzu viel aus Regeln, Konventionen oder gepflegten Fassaden machte. Hinter den Mauern der ehemaligen Kaufhausruine entstand eine Welt, die gleichzeitig anarchisch und schöpferisch war. Kunst war hier nicht unbedingt etwas, das #mensch betrachtete, sie war etwas, das einem entgegenkam, im Treppenhaus, im Hof, an den Wänden, in den Ateliers und manchmal auch mitten in der Nacht.
Hier traf sich das junge, kreative Berlin. Und wie es sich für das „dicke B“ gehört, waren es häufig die Zugezogenen, die dieser Stadt ihren Stempel aufdrückten. Menschen, die aus anderen Städten und Ländern kamen, mit wenig Gepäck, großen Ideen und dem festen Willen, sich selbst neu zu erfinden. Sie brachten ihre Perspektiven, ihre Obsessionen und ihre Kunst mit – und bereicherten damit eine Stadt, die schon immer davon lebte, dass Menschen von außen kamen und sie sich aneigneten.
Das Tacheles war dafür ein besonders treffendes Sinnbild. Eine Ruine, die sich weigerte, einfach nur Ruine zu sein. Ein Haus, das seine eigene Vergangenheit nicht verleugnete, sondern sie in etwas Neues verwandelte. Zwischen Verfall und Aufbruch, zwischen improvisierter Kultur und hemmungsloser Feierlust entstand jener eigentümliche Berliner Kosmos, der sich nur schwer erklären lässt, wenn #mensch ihn nicht selbst erlebt hat. Vielleicht war genau das die Magie jener Jahre: Berlin schien noch nicht vollständig zu wissen, was es einmal werden wollte. Die Stadt war unfertig – und gerade deshalb offen für alles. Mensch konnte sich in ihren Zwischenräumen verlieren, konnte nachts feiern und am nächsten Morgen in den Ruinen sitzen, Bier trinken, über Kunst reden oder einfach schweigen. Das Tacheles war einer dieser Orte, an denen die Stadt nicht repräsentiert wurde, sondern tatsächlich stattfand. Heute wirkt diese Zeit fast wie eine urbane Legende. Doch wer sich an das Tacheles erinnert, erinnert sich nicht nur an ein Gebäude. Es ist eine Erinnerung an ein technoides Lebensgefühl: an die Vorstellung, dass eine Stadt noch Freiräume haben kann, in denen nicht alles einem Zweck, einem Konzept oder einem Quadratmeterpreis untergeordnet ist. Berlin war damals vielleicht nicht schöner. Aber es war wilder und ideal für Künstler*innen wie Roeloffs, dessen Fotomontagen die Narben von Krieg und Kaltem Krieg festhielten, sowie langjährige Tacheles-Bewohner und Weggefährt*innen wie Andreas Schiller, Martin Reiter, Hüseyin Arda und Rainer Brendel alias „Artist 6“. Ihre Erinnerungen führen im Film zurück in jene goldenen Jahre, als freie Ateliers, radikale Unabhängigkeit und ein Leben jenseits des etablierten Kunstbetriebs möglich schienen.
Die Premiere von „TACHELES: A BERLIN STORY“ findet am Samstag, den 12. September, um 18 Uhr im FOTOGRAFISKA Berlin statt. Regisseur Andy Cohen und Produzentin/Editorin Marie Chemin sind ebenso anwesend wie Künstler*innen des Tacheles. berlin.fotografiska.com
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