Foto: Richard Heinrich
Mike und Patrick Franke aus dem C. Bechstein Centrum Frankfurt
Mike und Patrick Franke leiten seit 2015 das C. Bechstein Centrum Frankfurt. In diesem Piano- und Klavierhaus der Königsklasse finden alle Pianist*innen das passende Instrument – egal ob man Einsteiger*in oder Berufsmusiker*in ist. Mike und Patrick arbeiten mit viel Leidenschaft für ihren Beruf und treten dabei ganz selbstbewusst als schwules Paar auf. Ein Portrait.
Stellt euch doch bitte kurz vor
Patrick: Wir sind Leiter des Standorts Frankfurt. Deutschlandweit gibt es 12 C. Bechstein Center, und wir sind seit Dezember 2015 hier in Frankfurt. Wir waren vorher selbstständig mit eigenen Klavierhäusern in Marburg und Wetzlar, wollten uns aber verändern und sind so zu Bechstein gekommen. Wie wir letztendlich in Frankfurt gelandet sind, ist total witzig: Als klar war, dass wir eine leitende Funktion übernehmen werden, gab es zwei vakante Stellen: in Köln und Frankfurt. Wir sagten unserem Arbeitgeber, dass wir gern nach Köln gehen wollen – und er antwortete: „OK, dann geht ihr nach Frankfurt“ (lacht)! Wir haben immer gesagt, Frankfurt, da könnten wir vielleicht arbeiten, aber Arbeiten und Wohnen – never ever! Und heute wohnen und leben wir hier. Und wir bereuen es nicht! Wir haben uns echt gut eingelebt, fühlen uns wohl und mögen die Stadt, mögen die Menschen und wir mögen unsere Aufgaben hier im Centrum vor Ort.
Ihr kommt ursprünglich gar nicht aus Frankfurt?
Patrick: Nein, Mike kommt aus Braunschweig, ich bin gebürtig in Lich bei Gießen aufgewachsen. Dort haben wir uns auch kennengelernt
Die Firma Bechstein ist die Königsklasse. Was ist das Besondere an Bechstein?
Patrick: Die Firma Bechstein wird im nächsten Jahr 170 Jahre alt. Wir sind interessanterweise also genauso lang am Markt wie der Mitbewerber Steinway. Und beide haben eine eigene Charakteristik, das hört man raus, wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt. Bechstein hat eine eigene Klangcharakteristik, die von der Romantik geprägt ist. Viele Komponisten der Romantik haben auf unseren Instrumenten komponiert und gespielt. Wir haben im Laden ein Zitat von Debussy hängen, der gesagt hat: „Normalerweise sollte Musik nur auf einem Bechstein komponiert werden“. Und damit meint er diese sehr schöne Tonfeinheit. Das ist das, was uns ausmacht und was die Leute schätzen.
Patrick: Wir haben die komplette Produkt-Palette aus dem Hause Bechstein, die mittlerweile, wie andere Hersteller auch, breit aufgestellt ist. Das ist mit drei Markennamen besetzt: C. Bechstein als Hauptmarke, dann haben wir W. Hoffmann, eine hundertprozentige Tochterfirma, und Zimmermann.
Mike: Alle Linien bieten die Bechstein Qualität, C. Bechstein wird in Deutschland gefertigt, Hoffmann in eigener Produktion in Tschechien …
Patrick: … und Zimmermann fertigt nach unseren Vorgaben und mit unserem Qualitätsmanagement in Asien. Das machen viele andere Hersteller auch, auch um preisbewusste Einsteigermodelle anzubieten. Unser Hauptfokus liegt natürlich bei C. Bechstein.
Mike: Die typischen Feinheiten sind entstanden, weil die Königsklasse wie Bechstein sich natürlich viel mit Pianisten und Musikern beschäftigt und zusammengearbeitet hat. Und das ist das, was bis heute anhält. Wir sind immer noch eine Manufaktur, machen wirklich alles selbst, es wird sehr traditionell gearbeitet. Dabei ist so viel Innovation entstanden, auch in der neueren Zeit, damit man sagen kann: Das ist ein guter Ton! Und wir müssen das weitertragen. Dazu sind natürlich auch die Musiklehrer wichtig, die Musikprofessoren sind wichtig, unsere Pianisten sind wichtig, um eine gewisse musikalische Qualität zu erreichen.
Foto: Richard Heinrich
Ihr seid beide Klavierbauer, habt ihr wirklich Klaviere gebaut?
Mike: Ja, ich habe das von der Pike auf bei Schimmel in Braunschweig gelernt. Schimmel kennt man vielleicht von Udo Jürgens, dessen gläserner Flügel war zum Beispiel von Schimmel. Ich habe gelernt, wie man Klaviere baut und habe auch viel Restaurationen von historischen Instrumenten gemacht. Heute verkaufen wir, machen aber auch schon mal kleine Reparaturen. Ich bin auch noch Konzerttechniker und betreue viele internationale Pianisten in der Umgebung. Ich kann selbst Klavier spielen und finde es auch wichtig, dass man auch für die Kunden ein bisschen spielen kann. Das ist sehr hilfreich.
Patrick: Ich habe Klaviere nur in der Schule gebaut. Ich hatte ursprünglich eine kaufmännische Ausbildung und habe dann zusätzlich Klavierbauer gelernt, in Mikes damaligen Reparaturbetrieb. Wir haben uns zuerst kennengelernt und dann habe ich bei ihm die Ausbildung begonnen! Wir hatten schon damals während meiner Ausbildung entschieden, uns selbstständig zu machen, also auch in den Verkauf zu gehen. Durch die Arbeit an gebrauchten und historischen Instrumenten habe ich mir ein sehr breites Wissensspektrum angeeignet, ein Vorteil gegenüber denjenigen, die in einer Fabrik lernen. Spielen kann ich auch, allerdings nur für den „Hausgebrauch“.
Gibt es eigentlich auch Bechstein Musikschulen?
Patrick: Nein, da ist Bechstein sehr traditionell und trennt ganz klar. Das ist ein anderes Aufgabengebiet.
Ihr vermittelt auch Kontakte zu Musiklehrern?
Patrick: Ja natürlich. Zu klassischen Klavierlehrern wie zu den Hochschulen. Wir hatten vor der Pandemie zum Beispiel eine regelmäßige Konzertreihe in Kooperation mit der Hochschule für Musik und darstellende Kunst, die ja hier gleich nebenan ist.
Mike: Vor Corona haben wir im Kulturbereich sehr viel gemacht, haben mit Jugendlichen, Kindern, mit Nachwuchskünstlern und -künstlerinnen von den Hochschulen und internationalen Pianisten und Pianistinnen gearbeitet und hier im Centrum Konzerte veranstaltet. Alles in einer persönlichen Atmosphäre, wir sind ja keine Staatsoper. Die Arbeit mit den Musiklehrern und Schülern sehe ich auch als Teil unserer Aufgabe: Die Kunst an die neue Generation weitergeben.
Plant ihr in Zukunft wieder solche Veranstaltungen?
Patrick: Dieses Jahr noch nicht, es ist immer noch schwierig und wir sind sehr vorsichtig, Wir haben außerdem ein paar neue Sicherheitsauflagen bekommen und arbeiten daher an einem neuen Konzept für die Konzertreihe.
Mike: Wir möchten auf jeden Fall wieder veranstalten. Wir haben hier ein gutes Team, zwei junge Klavierbauer sind dabei, das ist auch ein junges Pärchen, und das gibt uns neue Inspiration und Motivation.
Ich finde, Klavier ist für Anfänger ja nicht das einfachste Instrument, also schon allein vom Platz her, im Vergleich zu, sagen wir mal, einer Gitarre …
Mike: Ja, aber letztendlich ist das Klavier doch das leichteste Instrument. Das sieht man schon bei Kleinkindern. Die gehen da einfach ran, und wenn die Finger auf den Tasten liegen, kommen schon Töne. Du musst den Ton nicht erst erzeugen wie bei einer Flöte, einer Gitarre oder einer Geige, wo man zum Beispiel erst das richtige Streichen lernen muss. Das ist auch die Faszination am Klavier. Ich erinnere mich noch: Meine Oma hatte ein Klavier, und das war immer die Sensation, wenn wir bei ihr zu Besuch waren.
Foto: Richard Heinrich
War das bei dir auch so, Patrick?
Patrick: Naja, ich komme aus einem eher weniger musikalischen Hintergrund seitens meiner Familie. Meine Großeltern waren musikalisch, die haben es mir auch ein bisschen mit auf dem Weg gegeben, wobei sie auch den klassischen Anfängerfehler gemacht haben und mir ein Keyboard geschenkt haben. Heute würde ich ganz klar sagen: Niemals! Ich habe auch keinen Klavierunterricht gehabt, sondern mir am Anfang vieles selbst beigebracht und dann später noch mal bei Mike gelernt. Jetzt kann ich für den Hausgebrauch spielen. Aber die Faszination für Klavier und überhaupt für Musik und das Singen, das war bei mir schon immer gegeben.
Und du hast dich künstlerisch auch ganz anders weiterentwickelt – erzähle über Lady Amanda Kayne!
Patrick: Ja, das begann schon vor über 20 Jahren, hat aber auch eine sehr, sehr lange Pause gehabt. Denn vor fast 20 Jahren habe ich Mike kennengelernt … aber fangen wir mal so an: Ich stand das erste Mal als Travestiekünstlerin mit 16, 17 Jahren auf der Bühne und habe erste Erfahrungen gemacht. In Gießen und Kassel, später in Ulm und Reutlingen.
Ganz schön mutig, in der Provinz zur damaligen Zeit?
Patrick: Ich kannte damals jemanden, der Travestie gemacht hat. Da hieß es: Hast du nicht auch mal Lust, und wie das dann so ist: zack – steht man auf der Bühne. Dann habe ich Mike kennengelernt, und dann war erst Mal unsere Partnerschaft, wichtiger, und ich habe Lady Amanda Kane erst mal an den Nagel gehängt. 2017 habe ich in Frankfurt Jeruza Miller kennengelernt. (ein Pianist, der einige Jahre in Frankfurt gelebt hat und unter anderem als Drag-Pianist auftritt, Anm.d.Red.), und mit ihm habe ich wieder begonnen, und das hat dann auch Spaß gemacht. Das war keine Playback-Show, sondern live gespielt und gesungen. Ich habe als Patrick auch schon immer gerne gesungen, unter anderem im Extra-Chor des Stadttheaters in Gießen. Und jetzt habe ich Lust, als Lady Amanda Kayne wieder eine eigene Show zu machen – am 2. Dezember im Papageno Musiktheater im Frankfurter Palmengarten.
Ist das eine komplett eigene Show?
Patrick: Ja, ich bin mit meinem Pianisten Jan Luley zusammen auf der Bühne. Jan Luley ist Berufsmusiker der mit dem Travestie-Genre nichts zu tun hat. Er ist international und renommiert im Bereich Jazz und Blues, und ist auch hier in Frankfurt nicht unbekannt.
Mike: Das werden dann ganz eigene Interpretationen sein, musikalisch fließen Jazz, Blues und kreolischen Einflüssen ein und auch der Gesang wird individuell gestaltet sein, mit eigener Interpretation.
Patrick: Ich bin im Bereich der Chansons und Musicals unterwegs, auch die eine oder andere Operette ist mit dabei. Aber immer mit ganz eigener Interpretation. Wenn Lady Amanda Kayne Klassiker wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ singt, wird man es nicht sofort wiedererkennen.
Und warum im Fummel?
Patrick: Ganz einfach: Erstens macht mir das Verkleiden viel Spaß und ich schlüpfe gerne in andere Rollen. Und es ist tatsächlich auch nur eine Rolle für mich. Also, auf der Bühne bin ich Lady Amanda Kayne, und wenn ich nach Hause komme, bin ich wieder im Patrick.
Travestie ist eine Kunstform. Travestie stammt aus dem Griechischen, aus dem Altgriechischen, aus der Antike, wo es üblich war, dass nur Männer am Theater gespielt haben. Um Frauenrollen zu mimen, haben sie am Anfang eine Maske getragen und später haben sie Frauenkleider angezogen. Die Rolle der Lady Amanda Kayne nehme ich sehr ernst, und Mike unterstützt mich in dem Bereich. Und er ist natürlich auch mein größter Kritiker (lacht). Ich mache das aber auch, weil ich meinen eigenen Beitrag zur queeren Community leisten möchte. Das ist für mich sehr wichtig, weil ich die überall hoch gepriesene Akzeptanz und Toleranz in der Gesellschaft so nicht sehe. Da steckt noch eine ganze Menge Ausbau-Potenzial drin.
Ihr steht als schwules Paar im Bechstein Center. Wie ist das?
Patrick: Im Laufe der Jahre gehen wir selbstverständlicher damit um. Wenn wir vor 10 oder 12 Jahren noch gesagt haben: „Ja, der Kollege kommt vorbei“, sage ich heute ganz klar „mein Mann schaut bei Ihnen vorbei“.
Mike: Ja, wir hatten dann auch schon so Situationen, dass Leute gefragt haben, ob Patrick mein Bruder sei oder wie auch immer, aber er ist mein Mann und das sage ich auch so. Dann bleibt auch keine Situation mehr ungeklärt.
Patrick: Ein großer Schritt war für uns, als wir 2017 das erste Mal im Rahmen des CSD Frankfurt und auf dem Alte Gasse Fest als C. Bechstein in Erscheinung getreten sind. Da wusste dann auch die Community: Die im Center auf der Eschersheimer Landstraße, die gehören zu uns. Wir sind ein Paar, wir sind ein Ehepaar. Und obwohl wir in gewisser Weise im künstlerischen oder kulturellen Bereich tätig sind, kann man auch dort Akzeptanz und Toleranz nicht als selbstverständlich annehmen. Das ist eine falsche Wahrnehmung. Ich habe jahrelang am Stadttheater Gießen gearbeitet, und selbst dort ist es keine Selbstverständlichkeit. Da muss noch viel getan werden. Und vor allem müssen die verschiedenen Community-Generationen miteinander in Kontakt und Diskussion stehen.
C. Bechstein Centrum, Eschersheimer Landstr. 45, Frankfurt,