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KI | Künstliche Intelligenz | AI

Ein Chatbot schlägt die erste Nachricht vor, ein Modell sortiert das Raster, ein anderes entscheidet, ob dein Profilfoto durchgeht: Künstliche Intelligenz ist im queeren Alltag angekommen – meist ohne dass jemand vorher fragt.

Was ist mit KI überhaupt gemeint?

Der Begriff fasst sehr verschiedene Systeme zusammen. Generative Modelle erzeugen Text, Bilder oder Stimmen. Empfehlungssysteme entscheiden, wer dir in einer Dating-App angezeigt wird. Klassifizierungssysteme sortieren Inhalte, erkennen Gesichter oder ordnen Menschen Kategorien zu. Für queere Menschen ist die letzte Gruppe die heikelste: Sie trifft Aussagen über Personen, die diese nie gemacht haben.

Was KI nicht ist: ein Wesen mit Absicht. Systeme geben wieder, was in ihren Trainingsdaten steckt, und Trainingsdaten kommen aus einer Welt, in der queere Lebensrealitäten unterrepräsentiert und Vorurteile reichlich vorhanden sind.

Was verbietet die europäische KI-Verordnung?

Die Verordnung (EU) 2024/1689, kurz AI Act oder KI-Verordnung, ist am 1. August 2024 in Kraft getreten. Ihre schärfste Stufe gilt seit dem 2. Februar 2025: Artikel 5 verbietet Praktiken mit unannehmbarem Risiko. Dazu gehört ausdrücklich die biometrische Kategorisierung, mit der aus Gesicht, Stimme oder anderen körperlichen Merkmalen auf sexuelle Orientierung, Sexualleben, ethnische Herkunft, Religion oder politische Meinung geschlossen wird. Der sogenannte automatische Gaydar ist damit in der EU keine Grauzone mehr, sondern verboten. Verstöße gegen Artikel 5 können mit bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes geahndet werden.

Zwei Einschränkungen gehören dazu: Für Strafverfolgungsbehörden gelten Ausnahmen, und die Verordnung gilt in der EU – nicht in den mehr als 60 Staaten, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen strafbar sind. Dort ist dieselbe Technik ein Fahndungswerkzeug.

Was hat KI mit Dating-Apps zu tun?

Grindr baut seine App zu einem KI-Produkt um: Chatbot, Profilvorschläge, Zusammenfassungen alter Chats, Hinweise darauf, mit welchen Typen jemand bevorzugt schreibt und wann er online ist. Für Chatinhalte und genauen Standort holt das Unternehmen nach eigenen Angaben eine ausdrückliche Zustimmung ein. Profilfotos, Alter, Anzeigename und Taps nutzt es nach einer Untersuchung der Electronic Frontier Foundation vom Juni 2026 standardmäßig fürs Training – wer das nicht will, muss widersprechen. Bei ROMEO ist die Haltung eine andere: Eine Nutzerumfrage ergab breite Ablehnung von KI-Flirts.

Dazu kommen gefälschte Profile. Der Gay-App Goose wurde 2026 nachgewiesen, dass sie mit KI-erzeugten Profilen um Nutzer warb; ein Mitgründer trat zurück.

Warum ist das für queere Menschen heikler als für andere?

Weil die Daten selbst sensibel sind. Die norwegische Datenschutzbehörde und zuletzt das Berufungsgericht in Oslo haben entschieden, dass allein die Auskunft, jemand nutze eine erkennbar queere App, eine Angabe über die sexuelle Orientierung ist – siehe unsere Berichte aus Norwegen zum Bußgeld und zur Bestätigung vor Gericht. Was ein Modell aus solchen Daten lernt, lässt sich nicht zurückholen. Und die Daten wandern weiter: Die Organisation noyb wirft TikTok vor, über einen Dienstleister die Grindr-Nutzung eines Betroffenen mitbekommen zu haben – wir haben darüber berichtet, die Beschwerden liegen seit Dezember 2025 bei der österreichischen Datenschutzbehörde.

Hinzu kommt die andere Richtung: Moderationssysteme stufen queere Inhalte häufiger als sexuell oder anstößig ein als vergleichbare heterosexuelle. Wer davon betroffen ist, verliert Reichweite, ohne je eine Begründung zu bekommen. Das ist keine technische Panne, sondern eine Form von Diskriminierung, die sich schwer nachweisen lässt.

Und bei Gesundheitsfragen?

Chatbots antworten auch zu HIV, PrEP und sexueller Gesundheit – flüssig, freundlich und manchmal falsch. Sie geben veraltete Angaben wieder, erfinden Quellen und kennen die Lage in Deutschland oft nicht. Für medizinische Auskünfte gilt deshalb: Die Deutsche Aidshilfe, das Robert Koch-Institut und die eigene Arztpraxis sind die Adressen, nicht das Sprachmodell.

Was kannst du konkret tun?

Wenn du Dating-Apps nutzt: Sieh in den Einstellungen nach, ob deine Daten fürs KI-Training verwendet werden, und widersprich. Der Schalter liegt meist an anderer Stelle als der für personalisierte Werbung – beide prüfen. Die Werbe-ID des Telefons lässt sich zurücksetzen oder abschalten: unter iOS über die Tracking-Anfragen, unter Android über die Werbe-Einstellungen.

Wenn du wissen willst, was gespeichert ist: Fordere Auskunft nach Artikel 15 Datenschutz-Grundverordnung an. Das geht formlos per E-Mail, ist kostenlos, und ein Ausweis muss dafür in aller Regel nicht mitgeschickt werden.

Wenn du glaubst, dass ein System dich falsch einsortiert hat: Beschwer dich bei der Datenschutzbehörde deines Bundeslandes. Sie ist zuständig, auch wenn der Anbieter im Ausland sitzt. Für verbotene KI-Praktiken nach der KI-Verordnung führt die Bundesnetzagentur die Marktüberwachung.

Wenn ein KI-Bild von dir kursiert: Sichere Screenshots mit Datum und Adresse, melde es der Plattform und hol dir Beratung, bevor du auf eigene Faust reagierst. HateAid berät Betroffene digitaler Gewalt kostenlos.

Wenn du selbst nichts abbekommst, aber helfen willst: Widersprich in deinen eigenen Accounts trotzdem – Voreinstellungen wirken nur, solange kaum jemand sie ändert. Und melde queerfeindliche KI-Inhalte, statt sie zu ignorieren.

Beratung und Anlaufstellen: Bundesnetzagentur, KI-Aufsicht · AlgorithmWatch · noyb · Electronic Frontier Foundation · Deutsche Aidshilfe · HateAid

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