Ein Pieks gegen das Vorurteil und ein historischer Erfolg gegen staatliche Stigmatisierung: Die Abkehr von homophoben Pauschalausschlüssen beim Blutspenden führt in England zu einer Vervierfachung queerer Spender.
Es war einer dieser Sätze, die man am liebsten direkt in die Tonne gekloppt hätte: „Sorry, dein Blut wollen wir nicht.“ Jahrzehntelang war das die Realität für schwule und bisexuelle Männer, die in Großbritannien Blut spenden und Leben retten wollten. Doch die Zeiten ändern sich – und zwar gewaltig. Eine brandneue Erhebung aus England zeigt jetzt schwarz auf weiß, wie eine moderne, vorurteilsfreie Politik die Realität verändern kann: Heute spenden dort viermal so viele schwule und bisexuelle Männer Blut wie noch vor gut zehn Jahren.
Der statistische Mittelfinger gegen das Vorurteil
Die Zahlen, die von NHS Blood and Transplant gemeinsam mit der FAIR-Steuerungsgruppe (‚For the Assessment of Individualised Risk‘) vorgelegt wurden, sprechen eine eindeutige Sprache. Bei einer Befragung von über 8.700 männlichen Spendern identifizierten sich stolze 7,5 Prozent als bisexuell, schwul, pansexuell, queer, bicurious oder sexuell fluid. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 lag dieser Wert bei mickrigen 1,8 Prozent.
Zwar hinken die Studien methodisch ein kleines bisschen hintereinanderher, aber die Forschenden sind sich einig: Das ist kein statistischer Messfehler, sondern der messbare Erfolg der Richtlinien-Reform von 2021.
Foto: Steve Bidmead / CC0
Blutspende
Vom Generalverdacht zum gesunden Menschenverstand
Der Weg zu dieser Öffnung war lang. In den 1980er-Anfängen der AIDS-Krise wurden Männer, die Sex mit Männern haben, im Zuge von HIV-Übertragungsrisiken pauschal und lebenslang von der Blutspende ausgeschlossen. Erst im Jahr 2011 wurde dieses Verbot in Großbritannien gekippt, allerdings mit einer absurden zwölfmonatigen Sex-Abstinenz-Frist. 2017 wurde diese auf drei Monate verkürzt – als ob das die Sache logischer gemacht hätte.
Der echte Gamechanger kam 2021: Weg mit dem homophoben Generalverdacht, her mit dem Fokus auf das tatsächliche Risiko! Seitdem werden alle Spenderinnen und Spender – völlig egal, welche Pronomen sie nutzen oder auf wen sie stehen – nach ihrem konkreten Sexual-, Gesundheits- und Reiseverhalten beurteilt. Wer in den letzten drei Monaten Analsex mit wechselnden oder neuen Partnern hatte, setzt eben kurz aus. Das ist epidemiologisch sinnvoll und diskriminiert niemanden aufgrund seiner Identität.
Su Brailsford, NHS-Beraterin für Blut und Transplantation in Epidemiologie und Gesundheitsschutz sowie Vorsitzende von FAIR, bringt es auf den Punkt. FAIR habe die Beweise geliefert, um zu einer individuelleren Spenderprüfung überzugehen.
„Die Spenden wurden inklusiver, aber Sicherheit blieb oberste Priorität. Die Umfragestatistiken zeigen, dass inzwischen mehr schwule und bisexuelle Männer spenden – es ist sehr ermutigend, neue Spender in unsere Zentren zu sehen, und wir versuchen, sie herzlich willkommen zu heißen. Wir sind allen unseren Blutspendern – unabhängig von ihrem Hintergrund – sehr dankbar, dass sie dazu beigetragen haben, Leben zu retten und zu verbessern.“
„Ich hätte schon fast 80 Mal spenden können“
Dass es hierbei nicht nur um nüchterne Statistiken geht, sondern um tief sitzende Verletzungen und späte Genugtuung, zeigt die Geschichte von Thomas Yates. Der Gymnastiktrainer aus Greater Manchester wollte schon immer in die Fußstapfen seiner Eltern und seines Großvaters treten, der wegen einer Leukämie-Erkrankung auf wöchentliche Bluttransfusionen angewiesen war.
Als Yates 2018 abgewiesen wurde, war die Enttäuschung riesig. Er fühlte sich fit, gesund und engagiert, wurde jedoch aufgrund veralteter Strukturen marginalisiert. Direkt nach der Reform im Jahr 2021 buchte er seinen ersten offiziellen Termin. Das Gefühl danach beschreibt er als eine Mischung aus Stolz, Erleichterung und Glück.
Dennoch bleibt für ihn, wie für viele andere Männer der Community, ein bitterer Beigeschmack mit Blick auf die verlorenen Jahre: Hätten die Politik und die Behörden früher gehandelt, hätte er in seinem Leben bereits rund 80 Mal Blut spenden und damit aktiv Leben retten können. Die Entwicklung in England beweist, dass zeitgemäße, auf wissenschaftlichen Fakten basierende Regeln nicht nur Diskriminierung abbauen, sondern am Ende der gesamten Gesellschaft zugutekommen.