Glamour, Tränen und jede Menge queere Power: Die 79. Filmfestspiele von Cannes sind vorbei. Neben Barbra Streisands Ehrenpalme sorgten vor allem queere Filme für Aufmerksamkeit: Jane Schoenbruns „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ gewann die Queer Palm, „La Bola Negra“ wurde im Wettbewerb gefeiert.
Die Würfel in Cannes sind gefallen! Die Jury der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes hat ihre Urteile gesprochen und die Gewinnerliste liest sich wie ein Fest für das anspruchsvolle Kino. Während Cristian Mungiu für sein Drama „Fjord“ die begehrte Goldene Palme einstrich und Andrey Zvyagintsev den Grand Prix für „Minotaurus“ mit nach Hause nahm, schlug das Herz des Festivals in diesem Jahr ganz eindeutig regenbogenfarben.
Geteilte Regie-Freude und 22 Minuten Applaus für „La Bola Negra“
Ein absoluter Triumphmarsch gelang dem spanischen Regieduo Javier Ambrossi und Javier Calvo. Für ihr epochales Drama „The Black Ball“ – Originaltitel: „La Bola Negra“ – wurden sie in Cannes mit dem geteilten Preis für die beste Regie ausgezeichnet, den sie sich mit Pawel Pawlikowski für „Vaterland“ teilen. Schon die Premiere geriet zum Ereignis: Der Film wurde begeistert aufgenommen und erhielt eine 22-minütige Standing Ovation.
Hochkarätig besetzt mit Glenn Close und Penélope Cruz, verwebt „La Bola Negra“ die Lebenswege dreier schwuler Männer in den Jahren 1932, 1937 und 2017. Im Zentrum stehen Sexualität, Begehren, Schmerz und das Erbe queerer Unterdrückung. Inspiriert ist der Film unter anderem von Federico García Lorca, der zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs ermordet wurde, sowie von Alberto Conejeros Theaterstück „La piedra oscura“.
Im Gespräch mit ScreenDaily betonte Ambrossi, dass es dem Regieduo vor allem darum gehe, die queere Community und ihre Geschichte zu würdigen:
„Eine der Hauptantriebskräfte war diese Frage: Ehren wir als Teil der LGBTQIA+-Community die Menschen, die ermordet wurden, die Unterdrückung erlitten und für unsere Rechte gekämpft haben, so, wie wir es sollten? Würden sie uns ansehen und stolz auf uns sein? Ich frage mich das sehr oft.“
Calvo verwies zudem auf das fortwirkende Erbe von Hass und Scham, das bis in die Gegenwart reiche.
Horror, Begehren und queere Gegenbilder
Gerade im Horrorkino wurden trans und gender-nonkonforme Figuren lange als Bedrohung, Kuriosität oder Schockeffekt inszeniert. „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ von der non-binary Regie-Größe Jane Schoenbrun dreht diese Tradition um: Der Film nutzt die Codes des Slashers, um über Scham, Lust und Befreiung zu sprechen. Mit „Akte X“-Ikone Gillian Anderson und „Hacks“-Star Hannah Einbinder besetzt ist das Ergebnis ist kein trockenes Thesenstück, sondern ein bewusst überdrehtes, popkulturell aufgeladenes Camp-Spektakel.
Foto: Laurent Hou / Hans Lucas / Hans Lucas via AFP
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Gillian Anderson, Jane Schoenbrun und Hannah Einbinder (v.l.n.r.) beim Fototermin zum Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ bei den 79. Filmfestspielen von Cannes.
Die Queer Palm würdigt seit 2010 Filme in Cannes, die sich mit LGBTIQ*-Themen, queerer Sichtbarkeit oder nicht-heteronormativen Erzählweisen auseinandersetzen. Dass der Preis diesmal an einen so offensiv queeren Genrefilm geht, passt zu einem Cannes-Jahrgang, in dem queere Geschichten nicht nur am Rand stattfanden.
Liebe in den Schützengräben
Auch in den Darsteller-Kategorien gab es Grund zum Feiern für die Community: Der Preis für den besten Darsteller ging an das Duo Emmanuel Macchia und Valentin Campagne für ihre Rollen im Weltkriegsdrama „Coward“. Unter der Regie von Lukas Dhont („Girl“, „Close“) erzählt der Film die berührende Geschichte zweier Soldaten im Jahr 1916 an der belgischen Front, die inmitten des Horrors ein Theaterstück auf die Beine stellen und eine hochemotionale, im Geheimen blühende Romanze erleben. Ein zutiefst persönliches Werk für Dhont, das vom Publikum mit einem 12-minütigen Applaus gewürdigt wurde.
Foto: Thibaud Moritz / AFP
Der französische Schauspieler Valentin Campagne (li.) und der belgische Schauspieler Emmanuel Macchia (re.) posieren mit dem belgischen Regisseur Lukas Dhont nach dem Gewinn des Preises für den besten Schauspieler für den Film „Coward“ bei der Abschlusszeremonie der 79. Filmfestspiele von Cannes.
Ehrenpalme aus der Ferne und afrikanisches Ausrufezeichen
Abgerundet wurde das Festival von großen Frauen: Musik- und Filmlegende Barbra Streisand wurde mit der Ehrenpalme für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Obwohl sie verletzungsbedingt nicht persönlich anreisen konnte, war ihr Geist an der Croisette allgegenwärtig. Die Camera d'Or für das beste Erstlingswerk ging an Marie-Clementine Dusabejambo für ihren ruandischen Film „Benimana“, der in der Sektion Un Certain Regard für Aufsehen sorgte.