In einer koordinieren und groß angelegten Polizeiaktion sind die türkischen Behörden am Sonntag, den 13. September 2026, landesweit gegen Organisationen, Unternehmen und Aktivisten der LGBTIQ*-Community vorgegangen. Wie der türkische Justizminister Akın Gürlek im Onlinedienst X (ehemals Twitter) bekanntgab, wurden in Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften Ermittlungsverfahren gegen insgesamt 162 Verdächtige, neun Organisationen und 13 Unternehmen in 15 Provinzen eingeleitet. Betroffen von den Maßnahmen waren unter anderem die Metropolen Istanbul, Ankara und Izmir. Die Zivilgesellschaft und Menschenrechtsgruppen sprechen von einem der schwersten behördlichen Schläge gegen die queere Bewegung in der Geschichte des Landes.
Razzien in Bars, Hammams und Privathaushalten
Die Einsätze der Exekutive richteten sich sowohl gegen private Räumlichkeiten als auch gegen Orte des öffentlichen und kulturellen Lebens der Community. In Istanbul durchsuchte die Polizei mehrere Schwulenbars sowie einen Nachtclub, der seit Langem als Zufluchtsort der LGBTIQ*-Community gilt. Wie Videoaufnahmen regierungsnaher Medien zeigten, geriet auch ein traditioneller Hammam für Männer in das Visier der Ermittler, dem von den Behörden Prostitution vorgeworfen wird. Parallel dazu führten Einsatzkräfte Hausdurchsuchungen in Privathaushalten von Aktivistinnen und Aktivisten durch. Justizminister Gürlek machte zwar keine genauen Angaben zur Gesamtzahl der Verhaftungen, die betroffene Organisation Kaos GL teilte aber mit, dass fast 50 Aktivisten in Gewahrsam genommen worden seien oder sich Gerichtsverfahren mit Vernehmungen gegenübersehen. Allein aus den Reihen von Kaos GL wurden demnach mehr als zehn Mitglieder festgenommen.
Foto: AFP / Ozan Kose
LGBTIQ*-Rechte Türkei
Die Strategie hinter der Welle: „Meine Familie ist sicher“
Nach Angaben des Justizministers sind die Razzien Teil einer staatlichen Großintervention unter dem Titel „Meine Familie ist sicher“, die im Kontext des von Präsident Recep Tayyip Erdoğan proklamierten „Jahrzehnts der Familie“ steht. Offiziell begründen die Justizbehörden den Schritt mit dem zivilrechtlichen Schutz der Familie und der gesellschaftlichen Moral. Der Organisation Kaos GL wird konkret vorgeworfen, auf ihren digitalen Plattformen und Social Media-Kanälen „obszöne Inhalte“ veröffentlicht zu haben, die für Minderjährige zugänglich gewesen seien. Beobachter und NGOs werten diese Begründungen hingegen als Vorwand für eine systematische Kriminalisierung: Obwohl Homosexualität in der Türkei rechtlich nicht unter Strafe steht, prägen Homophobie und staatliche Repressalien zunehmend das politische Klima. President Erdoğan selbst greift queere Menschen regelmäßig in öffentlichen Reden an und bezeichnet sie öffentlich als „Perverse“.
Zensiert!
Flankiert wurden die physischen Razzien von einem weitreichenden Schlag gegen die digitale Infrastruktur der Bewegung. Bereits am Samstag sperrten die Behörden auf gerichtlichen Antrag hin die X-Accounts von Kaos GL sowie von rund einem Dutzend weiterer LGBTIQ*-Organisationen. Darüber hinaus wurden zahlreiche Websites sowie etliche Konten auf Plattformen wie Instagram, YouTube und Facebook blockiert. Die Maßnahme schließt sich an eine bereits im Juni erfolgte Welle an, bei der rund 40 X-Konten feministischer und queerer Initiativen gesperrt worden waren.
Protest und politische Reaktionen
Die Einsätze riefen umgehend politischen Protest und internationale Kritik hervor. Özgül Saki, Abgeordnete der prokurdischen und linksgerichteten DEM-Partei, verurteilte das Vorgehen auf X scharf mit den Worten: „Die Existenz kann nicht verboten oder begrenzt werden. LGBTIQ*-Rechte sind Menschenrechte!“ Auch internationale Beobachter und EU-Vertreter äußerten gravierende Bedenken hinsichtlich der Wahrung von Bürgerrechten und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei.
*Quellen: AFP, dpa, Türkische Justiz- und Polizeibehörden, Tagesschau, Zeit Online, Deutschlandfunk, Mopo, News.at, Kaols GL, İFÖD