Das US-Verteidigungsministerium wertet offenbar Gesundheits- und Personaldaten aus, um trans Soldat*innen zu identifizieren und aus dem Militär zu entfernen. SPARTA Pride spricht gegenüber männer* von mehreren Hundert Betroffenen allein bei der aktuellen Durchsuchung.
Das US-Verteidigungsministerium durchsucht offenbar systematisch elektronische Gesundheitsdaten, um trans Soldat*innen aufzuspüren, die trotz der Vorgaben der Trump-Regierung noch im Militär dienen. Das berichtet das auf US-Bundesbehörden spezialisierte Nachrichtenportal Federal News Network unter Berufung auf interne Dokumente, Betroffene und Fachleute.
Demnach erhalten Kommandierende Hinweise auf Angehörige ihrer Einheiten, bei denen eine aktuelle oder frühere Diagnose von Geschlechtsdysphorie dokumentiert ist. Anschließend können Verfahren zu ihrer Entlassung eingeleitet werden.
Pentagon greift auf elektronische Gesundheitsakten zu
Besonders brisant ist, woher diese Informationen offenbar stammen. In einer internen Air-Force-Mail vom 31. Juli heißt es dem Bericht zufolge, das Büro des Verteidigungsministers habe Personen identifiziert, deren elektronische Gesundheitsakte auf eine aktuelle oder frühere Diagnose beziehungsweise Symptome von Geschlechtsdysphorie hinweise.
Für die Suche werden laut Federal News Network unter anderem Daten aus MHS Genesis herangezogen, dem elektronischen Gesundheitssystem des US-Militärs. Darin können medizinische Vorgeschichten, Diagnosen, Verschreibungen und Informationen über psychotherapeutische Behandlungen gespeichert sein. Zum Teil enthält das System auch Unterlagen aus der Zeit vor Eintritt ins Militär.
In einem dokumentierten Fall erhielt ein Vorgesetzter Angaben darüber, wann eine Person Behandlung wegen Geschlechtsdysphorie gesucht hatte, wie viele Beratungstermine stattgefunden hatten und welche Medikamente verschrieben worden waren. Die betroffene Person erklärte gegenüber dem Portal, aktuell keine Geschlechtsdysphorie zu haben. Kolleg*innen hätten von der früheren Behandlung bislang nichts gewusst.
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Angehörige der US-Nationalgarde in Washington im Januar 2021. Das Pentagon nutzt offenbar elektronische Gesundheitsdaten, um trans Soldat*innen zu identifizieren und aus dem Militär zu entfernen.
SPARTA Pride: Mehrere Hundert bei neuer Durchsuchung identifiziert
Wie groß die aktuelle Aktion ist, lässt sich bislang nicht unabhängig beziffern. SPARTA Pride teilte männer* auf Anfrage jedoch mit, dass die Organisation von mehreren Hundert Soldat*innen wisse, die bei dieser neuen Durchsuchung medizinischer Unterlagen identifiziert worden seien.
Fast alle trans Soldat*innen, die im Zuge des Verbots bislang identifiziert wurden, seien nach Kenntnis der Organisation über irgendeine Form militärischer Gesundheitsdaten gefunden worden, erklärte Kara Corcoran, Executive Director von SPARTA Pride, gegenüber männer*. Neu seien vor allem die Methoden, mit denen das Pentagon nun versuche, „alle verbliebenen trans Soldat*innen aufzuspüren“, sagte Corcoran.
Darunter befinden sich laut Corcoran auch Personen, die bereits vor ihrem Eintritt ins Militär transitioniert waren. Andere hätten ihre Diagnose von Geschlechtsdysphorie bereits 2016 erhalten, als die Obama-Regierung den offenen Militärdienst trans Personen ermöglichte.
Medizinische Vergangenheit kann Jahre später Folgen haben
Dass medizinische Informationen bei der Identifizierung trans Soldat*innen eine Rolle spielen sollen, hatte das Pentagon grundsätzlich bereits 2025 festgelegt. Nach einer offiziellen Richtlinie gelten eine aktuelle oder frühere Diagnose von Geschlechtsdysphorie sowie entsprechende Symptome grundsätzlich als unvereinbar mit dem Militärdienst. Zu den Betroffenen gehört auch die frühere Colonel Bree Fram, über deren erzwungenes Karriereende und späteren Wechsel in die Politik männer* bereits berichtete.
Im Mai 2025 bestimmte das Verteidigungsministerium das sogenannte Individual Medical Readiness Program zum wichtigsten Weg, betroffene Personen für eine unfreiwillige Entlassung zu identifizieren. Die medizinische Einsatzbereitschaft wird dabei unter anderem bei regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen überprüft.
Neu ist jedoch der offenbar breitere und zentral koordinierte Zugriff auf bereits vorhandene Gesundheits- und Personaldaten. SPARTA Pride hatte bereits Anfang August von einer koordinierten Aktion berichtet und von einer „beispiellosen“ Nutzung militärischer Gesundheitssysteme gesprochen. Nach Angaben der Organisation seien dabei unter anderem Behandlungsverläufe, Diagnosen und Verschreibungen herangezogen worden.
„Gesundheitsakten sollen Behandlung ermöglichen – nicht Menschen aufspüren“
Besonders problematisch sei, dass damit ein System gegen Soldat*innen eingesetzt werde, dem sie einige ihrer privatesten Informationen anvertrauen müssten, sagt Corcoran gegenüber männer*.
„Military medical records are supposed to facilitate care, not function as an investigative tool for identifying people the government wants to remove.“
Militärische Gesundheitsakten sollten der Behandlung dienen und nicht als Ermittlungsinstrument genutzt werden, um Personen zu identifizieren, die die Regierung aus dem Dienst entfernen wolle.
Wenn Soldat*innen künftig befürchten müssten, dass Angaben gegenüber Ärzt*innen später durchsucht und gegen sie verwendet werden könnten, reichten die Folgen weit über trans Personen hinaus, warnt Corcoran. Ein solcher Umgang mit Gesundheitsdaten könne Vertrauen zerstören und Menschen davon abhalten, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Interne Army-Regel zeigt auffälligen Widerspruch
Besonders auffällig ist dabei eine interne Anordnung der US Army, die Federal News Network einsehen konnte. Demnach dürfen Kommandierende die Gesundheits- oder Personaldaten ihrer gesamten Einheit nicht selbst pauschal nach Personen mit Geschlechtsdysphorie durchsuchen. Gleichzeitig erlaubt die Regel individuelle Überprüfungen, wenn entsprechende Informationen von höherer Stelle kommen – etwa wenn ein Kommando darüber informiert wird, dass sich in der medizinischen Akte einer bestimmten Person ein früherer Diagnosecode findet. Genau solche Hinweise werden nach der aktuellen Recherche offenbar verschickt.
Das Verteidigungsministerium, die Defense Health Agency und die einzelnen Teilstreitkräfte beantworteten die detaillierten Fragen von Federal News Network nicht und verwiesen auf laufende Gerichtsverfahren.
Grundlage der Maßnahmen ist die seit 2025 geltende Politik der Trump-Regierung. Bereits in seiner ersten Amtszeit hatte Trump versucht, trans Personen vom Militärdienst auszuschließen (männer* berichtete). Nach der zwischenzeitlichen Rücknahme unter Joe Biden verschärfte die zweite Trump-Regierung den Kurs erneut.
Während über die Rechtmäßigkeit des Ausschlusses trans Soldat*innen weiter vor Gericht gestritten wird, setzt das Pentagon die Entlassungen fort – offenbar zunehmend mithilfe von Informationen aus der medizinischen Vergangenheit der Betroffenen.