Die Türkei geht zunehmend auch gegen Medien vor, die über LGBTIQ*s berichten. Nun wurde das unabhängige Nachrichtenportal T24 wegen 118 angeblicher „LGBT-Propaganda“-Beiträge gesperrt. Doch eine Analyse der Liste durch die Redaktion wirft erhebliche Fragen auf.
Die türkischen Behörden haben den Zugang zum unabhängigen Nachrichtenportal T24 und dessen Social-Media-Konten sperren lassen. Das Justizministerium wirft dem Medium vor, innerhalb eines Jahres 118 Inhalte mit angeblicher „LGBT-Propaganda“ veröffentlicht zu haben. Die Maßnahme erfolgt im Rahmen der Kampagne „Ailem Güvende“ („Meine Familie ist sicher“) (männer* berichtete).
T24 hatte die Mitteilung des Ministeriums zunächst selbst veröffentlicht und erklärt, noch nicht noch nicht offiziell über die angekündigte Sperre informiert worden zu sein. Kurz darauf ordnete ein Gericht in Istanbul die Sperre an. T24 kündigte Rechtsmittel an.
Foto: Yasin Akgül/AFP
T24-Journalist Murat Sabuncu (l.) im Gespräch mit der Journalistin Şirin Payzın am 1. Oktober 2026 in Istanbul. Einen Tag zuvor hatten die türkischen Behörden das unabhängige Nachrichtenportal T24 wegen angeblicher „LGBT-Propaganda“ sperren lassen.
„LGBT-Propaganda“ soll türkische Familie gefährden
In der Gerichtsentscheidung heißt es nach Angaben von T24, die beanstandeten Nachrichten und Social-Media-Beiträge könnten die „türkische Familienstruktur“ schwächen und die Entwicklung junger Menschen in Fragen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität negativ beeinflussen.
Das Gericht stützt die Sperre auf das türkische Internetgesetz. Ein erster Antrag auf Blockierung von T24 war am 25. September noch abgelehnt worden. Nach einem Einspruch wurde schließlich die Sperre des gesamten Portals angeordnet.
Homosexualität ist in der Türkei nicht verboten. Präsident Recep Tayyip Erdoğan und andere Regierungsvertreter greifen LGBTIQ*s jedoch seit Jahren öffentlich an. Erdoğan bezeichnete sie wiederholt als „pervers“ (männer* berichtete). Zuletzt hat sich der staatliche Druck deutlich verschärft.
T24 nimmt die Liste der 118 Beiträge auseinander
Besonders interessant ist, was T24 bei einer eigenen Analyse der vom Justizministerium verbreiteten Liste herausgefunden hat. Die 118 beanstandeten Beiträge stammen demnach von 57 Autor*innen – 22 von ihnen hatten T24 bereits Jahre zuvor verlassen.
Damit wirft schon die Behauptung, es handle sich um innerhalb eines Jahres produzierte „LGBT-Propaganda“, Fragen auf. Nach Angaben der Redaktion enthalten zudem einige tatsächlich im fraglichen Zeitraum erschienene Beiträge überhaupt keine entsprechenden LGBTIQ*-Inhalte.
Dass offenbar auch gewöhnliche journalistische Berichterstattung erfasst wurde, bestätigt Yıldız Tar, Chefredakteur des LGBTIQ*-Nachrichtenportals Kaos GL. Tar erklärte gegenüber Reuters, auf der Liste befänden sich von ihm verfasste Texte über LGBTIQ*-Rechte, Hasskriminalität und die Erfahrungen queerer Menschen nach dem schweren Erdbeben von 2023. Es handle sich um normale journalistische Arbeit.
Journalistin wegen LGBTIQ*-Artikel in Haft
Dass die Grenze zwischen Berichterstattung und vermeintlich strafwürdigem LGBTIQ*-Inhalt zunehmend verschwimmt, zeigt auch der Fall der Journalistin Tuğba Tekerek.
Sie wurde im Zuge der Razzien im September festgenommen und kam anschließend in Untersuchungshaft. Human Rights Watch hat die gegen sie erhobenen Vorwürfe untersucht. Demnach bestand das von der Staatsanwaltschaft angeführte Beweismittel aus einem 2024 bei Kaos GL veröffentlichten Artikel über LGBTIQ*-Rechte in Georgien.
Der Fall macht die Sperrung von T24 auch zu einer Frage der Pressefreiheit: Ins Visier der Behörden geraten nicht mehr nur LGBTIQ*-Organisationen und Aktivist*innen, sondern zunehmend auch Medien und Journalist*innen, die über queere Themen berichten.
Mehr als 100 Festnahmen seit September
Die aktuelle Repressionswelle begann Mitte September. Die Polizei durchsuchte nach Angaben von Human Rights Watch unter anderem Einrichtungen von sieben LGBTIQ*-Organisationen und zwei Organisationen für Menschen mit HIV sowie Wohnungen, Bars und Clubs. Mindestens 112 Menschen wurden festgenommen, 82 kamen zunächst in Untersuchungshaft (männer* berichtete).
Foto: Diego Cupolo / NurPhoto / NurPhoto via AFP
Die türkische Polizei nimmt am 15. September 2026 in Ankara Teilnehmende einer geplanten Demonstration für LGBTIQ*-Rechte fest. Die Protestaktion fand inmitten einer landesweiten Repressionswelle gegen LGBTIQ*-Aktivist*innen und Organisationen statt.
Zugleich ließen die Behörden zahlreiche Websites und Social-Media-Konten sperren. Betroffen waren unter anderem Kaos GL sowie die türkischen Accounts von Amnesty International und weiteren Menschenrechts- und Medienorganisationen.
Auch der Europarat beschäftigt sich inzwischen mit der Entwicklung. Seine Parlamentarische Versammlung spricht in einem aktuellen Dringlichkeitsbericht von einer seit dem 12. September laufenden „koordinierten und eskalierenden Kampagne“. In 15 Provinzen seien LGBTIQ*s und ihre Unterstützer*innen von Festnahmen, Durchsuchungen und digitalen Einschränkungen betroffen.
Die Versammlung fordert die Türkei unter anderem auf, Menschen freizulassen, die wegen ihrer legitimen Menschenrechtsarbeit inhaftiert wurden, und Sperren von Websites und Social-Media-Konten von Menschenrechtsorganisationen aufzuheben.
T24 will trotz Sperre weiterarbeiten
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Die Redaktion von T24 will sich von der Sperre unterdessen nicht zum Schweigen bringen lassen. „Bei T24 gehen wir weiter unserer Arbeit nach“, schrieb Journalistin Cansu Çamlıbel am Donnerstag und bedankte sich bei allen, die ihre Solidarität gezeigt hätten.
Dass T24 erst einmal weiterarbeitet, ändert allerdings nichts daran, dass der Zugang zu seinen Inhalten in der Türkei blockiert ist. Mit der Sperre erreicht die Kampagne nun eines der bekanntesten unabhängigen Onlinemedien des Landes. Damit geht es längst nicht mehr allein um die Frage, wie viel Raum LGBTIQ*-Organisationen in der Türkei noch haben – sondern zunehmend auch darum, ob Medien über sie berichten können, ohne selbst ins Visier der Behörden zu geraten. *AFP/sah