Die Kreuzfahrt für schwule Reisende sollte am 5. Juli in Athen starten und in zehn Tagen über die griechischen Inseln, die Türkei und Kroatien nach Italien führen. Doch die beiden geplanten Stopps in der Türkei fallen nun aus: Die „Scarlet Lady“ von Virgin Voyages wird weder im Hafen von Kuşadası noch in Istanbul anlegen.
Der Stopp in Kuşadası war ursprünglich für den 7. Juli vorgesehen. Einen Tag später sollte die Kreuzfahrt Istanbul erreichen und dort bis zum 9. Juli bleiben. Auf der Reise werden nach CNN-Angaben rund 1.900 Gäste erwartet, darunter etwa 1.100 aus den USA. Weitere Passagiere kommen unter anderem aus Großbritannien, Kanada und Australien.
Veranstalter Atlantis Events teilte gebuchten Gästen mit, dass beide türkischen Hafenanläufe „aufgrund von Umständen außerhalb unserer Kontrolle“ gestrichen worden seien. Trotz intensiver Bemühungen seien die Anläufe in Istanbul und Kuşadası von den türkischen Behörden abgesagt worden. Stattdessen führt die Route nun über Santorini, Alexandria mit Ausflügen nach Kairo und Heraklion auf Kreta.
Behörden sprechen von „moralischen Werten“
In einer von der türkischen Nachrichtenagentur DHA verbreiteten Erklärung teilte der Gouverneur der Provinz Aydın, Osman Varol, mit, die geplante Veranstaltung habe in Teilen der Gesellschaft „große Unruhe“ ausgelöst. Die Reise sei von Gruppen gebucht worden, die „für Verhaltensweisen bekannt sind, die nicht mit der Struktur unserer Gesellschaft und unseren moralischen Werten vereinbar sind“.
Weiter hieß es:
„Es steht absolut außer Frage, dass die besagte Gruppe im Rahmen einer derartigen Veranstaltung in unsere Provinz kommen wird.“
Zugleich bemühte sich Varol, die Entscheidung als Einzelfall darzustellen. Die abgesagte Reise stehe „in keinerlei Zusammenhang mit anderen Reisen“, die den Hafen anlaufen. Der Kreuzfahrttourismus spiele für Kuşadası weiterhin eine wichtige Rolle.
Eine Anfrage von männer.media, ob es sich bei der Abweisung um eine lokale Behördenentscheidung gehandelt habe oder ob schwule Touristen in der Türkei generell mit einer Abweisung rechnen müssten, ließ die türkische Botschaft in Berlin unbeantwortet.
„Wir sind keine politische Organisation“
Atlantis-Chef Rich Campbell zeigte sich gegenüber CNN alarmiert. Es sei das erste Mal in der 36-jährigen Geschichte des Unternehmens, dass man einem Schiff ausdrücklich wegen der Identität der Reisenden das Anlegen verweigere. Die Begründung sei im Kern: „weil es eine schwule Gruppe ist“.
Campbell betonte zugleich, die Reise sei keine politische Aktion. Die Gäste wollten Geld ausgeben, Ausflüge machen, eine gute Zeit haben und die Kultur des jeweiligen Landes respektieren. Genau deshalb wirkt die Entscheidung der türkischen Behörden so scharf: Sie richtet sich nicht gegen eine Demonstration, sondern gegen zahlende Touristen, deren Sichtbarkeit offenbar bereits als Problem gilt.
Atlantis verweist außerdem darauf, dass das Unternehmen seit dem Jahr 2000 bereits 13 Vollcharter-Reisen mit insgesamt rund 25.000 Gästen in die Türkei gebracht habe. Istanbul und andere türkische Häfen seien dabei immer Höhepunkte der Reisen gewesen. Man hoffe, künftig zurückkehren zu können.
Signal an schwule Reisende weltweit
Gay Travel Index
Der Fall hat damit eine Bedeutung, die weit über diese eine Kreuzfahrt hinausgeht. Er trifft die Türkei in einem Bereich, auf den das Land wirtschaftlich stark angewiesen ist: den internationalen Tourismus.
Der Spartacus Gay Travel Index listet die Türkei bislang auf Platz 152 der Weltrangliste. Wie Herausgeber Olaf Alp mitteilte, werde die Abweisung schwuler Touristen für den Index 2027
„sicherlich zu einer weiteren Verschlechterung der Bewertung“
führen. Schwule Reisende sollten stärker darauf achten, auch stark frequentierte Reiseziele auf Diskriminierung zu beobachten – und daraus Konsequenzen bei der Auswahl ihrer Reiseziele zu ziehen.
Das gelte nach Einschätzung von Alp nicht nur für klassische Urlaubsorte, sondern auch für Istanbul als Drehkreuz von Turkish Airlines oder für Fluggesellschaften aus Staaten, in denen LGBTIQ*-Rechte stark eingeschränkt sind.
Ein Klub als Kollateralschaden
Wie ernst es die türkischen Behörden mit dem Durchgreifen meinen, zeigt sich nicht nur auf dem Wasser, sondern mitten in Istanbul. Nur Tage vor der Absage musste das Tekyön im Stadtteil Beyoğlu schließen – 18 Jahre lang einer der bekanntesten queeren Treffpunkte der Stadt und einer der letzten verbliebenen Safe Spaces für schwule Männer. Am 27. Juni ordnete das Istanbuler Gouverneursamt das Ende des Betriebs an, offiziell wegen „gesetzeswidriger Praktiken und Verstöße gegen geltende Vorschriften". Welche das sein sollen, blieben die Behörden schuldig.
Vorausgegangen war eine Kampagne regierungsnaher Medien: Die Zeitung „Yeni Şafak" hatte den Klub mit Schlagzeilen wie „Was für eine Dreistigkeit: Gay-Klub will Party auf dem Bosporus veranstalten" angegriffen. Auslöser war ein Social-Media-Post, in dem Tekyön Kreuzfahrt-Passagier*innen zu einem Abend im Klub einlud. Der Betreiber weist jede Verbindung zum Atlantis-Schiff zurück, spricht von irreführender Berichterstattung und behält sich rechtliche Schritte vor. Die Einladung habe schlicht regulären Gästen gegolten, die nach der Ankunft in Istanbul feiern wollten. Genutzt hat der Widerspruch nichts – der Klub ist zu.
Sicherheit wird zum Buchungskriterium
Für queere Tourist*innen ist die Frage nach Sicherheit längst kein Randthema mehr, sondern ein zentrales Buchungskriterium. Viele Reisende informieren sich vorab über die rechtliche Lage, die gesellschaftliche Akzeptanz und das Verhalten lokaler Behörden. Dabei spielen internationale Fachverbände wie die International LGBTQ+ Travel Association (IGLTA) eine wichtige Rolle, weil sie Orientierung bei Sicherheit, Servicequalität und gelebter Inklusivität geben.
Die Community gilt in der Tourismusbranche zugleich als besonders markentreu gegenüber Destinationen und Unternehmen, die glaubwürdig inklusiv auftreten. Umgekehrt können diskriminierende Praktiken schnell weitreichende Folgen haben: Queere Medien, Reiseplattformen und soziale Netzwerke sorgen dafür, dass negative Erfahrungen international sichtbar werden – und Reiseentscheidungen beeinflussen.
Türkei verschärft Kurs gegen LGBTIQ*
Die Entscheidung passt in eine zunehmend queerfeindliche Linie der türkischen Politik. Pride-Märsche in Istanbul werden seit 2015 regelmäßig verboten oder von der Polizei aufgelöst. Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren, dass LGBTIQ*-Personen in der Türkei politisch stigmatisiert und öffentliche queere Sichtbarkeit immer stärker eingeschränkt werden.
Dass nun auch eine internationale Kreuzfahrt mit Touristen aus den USA, Großbritannien, Kanada und Australien von Hafenstopps ausgeschlossen wird, zeigt eine neue Ebene dieser Entwicklung. Die Botschaft ist deutlich: Queere Menschen dürfen reisen, feiern und Geld ausgeben – aber offenbar nicht überall sichtbar sein.
Risiko für das Reiseland Türkei
Gerade deshalb könnte die Entscheidung der türkischen Behörden für das Land teuer werden. Die Türkei lebt stark vom Bild einer gastfreundlichen, internationalen Destination. Wenn LGBTIQ*-Reisende nun den Eindruck gewinnen, dass ihre Anwesenheit nicht willkommen ist, betrifft das nicht nur eine einzelne Zielgruppe.
Auch Freund*innen, Familien, Unternehmen und Reiseveranstalter achten zunehmend darauf, ob eine Destination Minderheiten schützt oder ausgrenzt. Für den Premium- und Kreuzfahrttourismus kann ein solcher Reputationsschaden besonders problematisch werden. Denn wer sich auf international zahlungskräftige Gäste verlässt, kann es sich kaum leisten, einzelnen Gruppen öffentlich zu signalisieren: Ihr seid hier nicht erwünscht.
Ausweichziele profitieren
Für die Passagiere der „Scarlet Lady“ geht die Reise weiter – nur eben ohne Türkei. Santorini, Alexandria und Kreta ersetzen die gestrichenen Stopps. Damit fließen auch die Ausgaben für Landausflüge, Gastronomie, Shopping und lokale Dienstleistungen nicht nach Kuşadası oder Istanbul, sondern an andere Destinationen im Mittelmeerraum.
Der Fall zeigt damit sehr konkret, wie politische Diskriminierung wirtschaftliche Folgen haben kann. Was als innenpolitisches Signal an konservative Kreise gedacht sein mag, wird international als Warnsignal gelesen: Queere Reisende können in der Türkei nicht sicher sein, willkommen zu sein.
Für ein Land, das vom Tourismus lebt, ist das mehr als ein Imageproblem.