In der Vergangenheit hätten Filmschaffende für die Chance, ein Kapitel im Multimilliarden-Dollar-Universum von Harry Potter zu inszenieren, vermutlich in Hollywood alles stehen und liegen. Bei HBOs geplanter Serienadaption erleben die Verantwortlichen aktuell allerdings das genaue Gegenteil: Queere Regisseurinnen erteilten dem US-Sender öffentlich eine eiskalte Absage. Der Grund, öffentlich und unmissverständlich benannt, trägt einen Namen: J. K. Rowling mit ihrem hartnäckigen Kurs gegen trans Frauen.
Das Milliarden-Projekt: Was HBO mit der Serie plant
HBO und der Mutterkonzern Warner Bros. Discovery haben die Serie als ein auf zehn Jahre angelegtes Großprojekt angekündigt. Jede Staffel soll dabei eines der ursprünglichen sieben Bücher detailliert adaptieren, um der Vorlage noch treuer zu werden als die Kinofilme der 2000er-Jahre. Produziert wird die Serie direkt für den Streamingdienst Max und den Sender HBO. Als Showrunnerin fungiert Francesca Gardiner („Succession“), während Mark Mylod („Game of Thrones“, „The Menu“) als leitender Regisseur und ausführender Produzent an Bord geholt wurde. Aber die Suche nach weiteren Regie-Talenten für einzelne Episoden gestaltet sich schwieriger als gedacht.
Und so profitiert Rowling davon: Wer streamt, zahlt mit
Das liegt vor allem an der zentralen Rolle der Buchautorin: J.K. Rowling ist bei der HBO-Adaption nicht bloß eine passive Lizenzgeberin im Hintergrund, sondern offiziell als Executive Producerin gelistet. Damit gesichert ist ihr ein direktes Mitspracherecht bei Schlüsselfragen, von der Auswahl des Writing-Teams bis hin zum Casting. Finanziell profitiert sie enorm: Neben Vorab-Tantiemen und laufenden Lizenzgebühren garantiert ihr der Deal eine direkte Gewinnbeteiligung an jedem Aufruf der Serie. Zudem kurbelt das Serien-Reboot das gesamte Franchise-Ökosystem an, von Neuausgaben der Bücher über Freizeitpark-Einnahmen bis hin zum Merchandising. Genau hier setzt die Kritik an: Wer die Serie schaut oder abonniert, spült der Autorin geschätzte zweistellige Millionenbeträge pro Jahr in die Kassen, mit welchen Rowling unter anderem Anti-Trans-Organisationen und entsprechende Rechtsstreitigkeiten direkt finanziert.
Ein öffentliches „Absolutely fucking not!“
Den Stein ins Rollen brachte die kanadische Regisseurin Ally Pankiw, bekannt für ihre Arbeit an „Black Mirror“ und „Feel Good“. Sie teilte auf Instagram einen Screenshot eines privaten Nachrichtenverlaufs mit ihrem Management. Auf die zögerliche Frage ihres Agenten, ob die Anfrage für die „Harry Potter“-Serie ein defensives „Hard no?“ sei, antwortete Pankiw im Chat unmissverständlich: „Absolutely fucking not! lol“. Ihre Haltung versah Pankiw im Beitrag mit einer deutlichen Botschaft an die Branche: Es sei schlichtweg so einfach, Nein dazu zu sagen, Transfeindlichkeit finanziell und mit der eigenen Arbeitskraft zu unterstützen. In einem späteren Interview mit dem Magazin Them betonte Pankiw, wie wichtig es sei, dass etablierte Kreative Haltung zeigen. Je mehr erfolgreiche Filmschaffende sich weigerten, mit Personen oder Unternehmen zusammenzuarbeiten, die marginalisierten Communities schaden, desto eher würde in Hollywood ein Umdenken stattfinden.
Mehrfache Absagen aus der Branche
Pankiws Vorstoß blieb kein Einzelfall, sondern stieß in der Szene auf direkte Zustimmung. Unter ihrem Beitrag meldete sich die Regisseurin Kate Herron zu Wort, die unter anderem für die Marvel-Serie „Loki“ und Folgen von „Sex Education“ verantwortlich zeichnete. Herron enthüllte, dass HBO sie nicht nur einmal, sondern bereits zweimal für die Regie kontaktiert habe. Sie habe dem Sender jedes Mal aufs Neue erklären müssen, dass sich an ihrer Absage niemals etwas ändern werde. Dass Filmschaffende derart offen über abgelehnte Anfragen großer Major-Studios sprechen, gilt in der Filmindustrie nach wie vor als ungewöhnlich, insbesondere in Anbetracht des kommerziellen Potenzials der Marke „Harry Potter“.
Der Ursprung: J.K. Rowlings transfeindliche Entgleisungen
Der Widerstand der Kreativen kommt nicht überraschend, denn J.K. Rowling hat sich in den letzten Jahren von einer gefeierten Jugendbuchautorin zu einer der prominentesten Stimmen der sogenannten „gender-critical“-Bewegung entwickelt. Begonnen hatte die öffentliche Debatte im Jahr 2020 mit Spott über geschlechtsneutrale Formulierungen wie „Menschen, die menstruieren“, gefolgt von einem ausführlichen Essay. Darin warf sie der trans Aktivismus-Bewegung vor, die Kategorie der biologischen Frau zu schwächen, und formulierte ihre Ablehnung direkt: „Ich weigere mich, mich einer Bewegung zu beugen, von der ich glaube, dass sie nachweisbaren Schaden anrichtet, indem sie versucht, 'Frau' als politische und biologische Klasse auszuhöhlen.“ („I refuse to bow down to a movement that I believe is doing demonstrable harm in seeking to erode 'woman' as a political and biological class.“)
In den folgenden Jahren verschärfte Rowling ihre Rhetorik zusehends. Sie unterstützte öffentlich Gerichtsprozesse geschlechterkritischer Aktivistinnen, bezeichnete trans Frauen wiederholt als Bedrohung und spottete in den sozialen Medien gezielt über Pronomen und Identitäten von trans Personen. Selbst als das britische Unterhaus oder Organisationen wie GLAAD ihre Aussagen als schädlich und diskriminierend einstuften, legte Rowling nach und erklärte öffentlich, dass ihr die Kritik egal sei, solange die Bucheinnahmen weiter flössen.
Nicht zum ersten Mal: Boykott bei „Hogwarts Legacy“
Die Absagen der Regisseurinnen sind nicht der erste Fall, in dem das Franchise unter der Haltung seiner Schöpferin leidet. Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des Videospiels Hogwarts Legacy kam es zu weltweiten Boykottaufrufen aus der queeren Community und von Content Creatorinnen. Streamerinnen weigerten sich, das Spiel zu zeigen, und große Foren verbannten Diskussionen dazu. Obwohl sich das Spiel kommerziell extrem gut verkaufte, hinterließ die Debatte einen deutlichen Reputationsschaden: Warner Bros. sah sich damals gezwungen, im Spiel explizit einen trans Charakter einzubauen, was von Kritikern allerdings größtenteils als oberflächlicher Versuch der Schadensbegrenzung wahrgenommen wurde.
Der Cast im Zwiespalt: Was die neuen Darsteller sagen
Während die Nachwuchsrollen der Hauptfiguren vor allem mit Newcomern besetzt wurden, verpflichtete HBO für das Erwachsenenensemble namhafte britische und internationale Schauspielgrößen. Aber die offizielle Casting-Bestätigung durch das Studio brachte für mehrere Darsteller*innen unmittelbar eine Welle öffentlicher Kritik mit sich, was bereits zu deutlichen Distanzierungen von der Buchautorin führte.
Beispielsweise stellte die britische Schauspielerin Bel Powley (spielt Tante Petunia Dursley) in einem Interview mit der britischen Zeitung The Telegraph unmissverständlich klar: „Ich widerspreche J.K. Rowlings Ansichten zum Thema Geschlecht aufs Schärfste. Die trans Community verdient Sicherheit, Würde, Respekt und absolute Akzeptanz.“ Sie rechtfertigte ihr Mitwirken an dem Projekt damit, dass sie als Teil der ersten Lesegeneration mit den Büchern aufgewachsen sei und die Magie der Geschichte liebe, trennte das Werk für sich jedoch von den Äußerungen der Autorin.
HBO hält an Rowling fest
Trotz des anhaltenden Drucks hält der Mutterkonzern Warner Bros. Discovery unverändert an der Autorin fest. Casey Bloys, CEO von HBO und Max, wiegelte entsprechende Nachfragen auf Pressekonferenzen stets ab. Er bezeichnete Rowlings Haltungen gebetsmühlenartig als deren private Angelegenheit, die keinen Einfluss auf die Inhalte der Serie habe. Für viele Kreative der Branche ist diese Trennung zwischen Kunst und Person längst nicht mehr tragbar, da Rowling als ausführende Produzentin direkt an den Gewinnen der Serie beteiligt ist. Es bleibt abzuwarten, ob das Studio diesen Kurs auf Kosten seiner Reputation weiter durchziehen kann.
*Quellen: Gaye Magazine, CBC News, TheWrap, The Telegraph, The Observer, The New Yorker Radio Hour, Variety, ComicBookMovie (SFFGazette), Instagram
