Vier konservative Bischöfe beteten nach einer queeren Wallfahrt nach Rom um „Wiedergutmachung“. Sie sprachen von „Sodomie“ und „Entweihung“ – und offenbarten damit, was in der Kirche wirklich reinigungsbedürftig ist.
Im September pilgerten rund 1.400 queere Katholik*innen aus 20 verschiedenen Ländern im Zuge des Heiligen Jahres nach Rom – und setzten ein starkes Zeichen für mehr Vielfalt in der katholischen Kirche. Die Pilgerreise unter dem Motto „für alle, alle, alle“ wurde unter anderem vom italienischen Verein La Tenda di Gionata („Das Zelt des Jonatan“) organisiert, der sich für mehr Inklusion unter Gläubigen einsetzt (männer* berichtete).
Foto: Filippo MONTEFORTE / AFP
Pilger*innen marschieren am 6. September im Vatikan zur Heiligen Pforte des Petersdoms.
„Sodomie“ und „Unzucht“
Teile der katholischen Kirche waren über so viel sichtbare Vielfalt im Vatikan alles andere als erfreut. Vier konservative Bischöfe – Joseph Strickland (USA), Athanasius Schneider (Kasachstan), Marian Eleganti (Schweiz) und Rob Mutsaerts (Niederlande) – erklärten nach der LGBTQ*-Pilgerreise öffentlich ein sogenanntes „Gebet der Wiedergutmachung“.
In Pittsburgh knieten die vier Bischöfe vor einer Marienstatue nieder und baten Gott um Vergebung für das „Gräuel, das in der Ewigen Stadt begangen wurde“. Im Gebet war die Rede von „Sodomie“, „Unzucht“ und einer geplagten Kirche, „die durch den Missbrauch des Heiligen Jahres, der Heiligen Pforte und des Petersdoms öffentlich gedemütigt wurde“.
Die „Heilige Pforte“ und die Basilika des heiligen Petrus seien als Plattform genutzt worden, „um stolz für die Legitimierung von Sünden gegen das sechste Gebot einzutreten“. Laut Domradio baten die Bischöfe Gott zudem „für Geistliche, die unter dem Vorwand seelsorglicher Begleitung den Menschen die ewige Wahrheit Deiner Gebote vorenthalten“, sowie „für alle, die Gotteslästerung begehen, indem sie behaupten, Du hättest homosexuelle Empfindungen geschaffen“.
Das Gebet endete mit den Worten:
„O Herr, lass Deine Kirche erneut erstrahlen – katholisch, frei und keusch.“
Sakrileg und Symbolik: Was wirklich „reinigungsbedürftig“ ist
Vor wenigen Tagen sorgte ein Vorfall im Petersdom für Entsetzen: Ein Mann urinierte während einer Messe auf den Hauptaltar (YouTube) – ein realer Angriff auf einen heiligen Ort, kirchenrechtlich ein handfestes Sakrileg, das Reinigung und Buße erfordert. Um die Weihe des Altars wiederherzustellen, wurde ein liturgisches Reinigungsritual angeordnet.
Doch bemerkenswert ist: Die konservativen Bischöfe wählten nach der LGBTIQ*-Wallfahrt dieselbe Sprache, mit der auch dieses tatsächliche Sakrileg beschrieben wird. Auch hier war von „Entweihung“, „Sodomie“ und „Sühne“ die Rede. Nur: Es hatte niemand etwas entweiht. Nichts wurde beschädigt, beleidigt oder besudelt. Menschen waren einfach da – betend, glaubend, queer.
Für eine Wallfahrt mit Gebeten und Liedern „Sühne“ zu fordern, heißt letztlich, queere Körper mit Schmutz gleichzusetzen. Wenn das Urinieren auf einen Altar und eine friedliche Pilgerreise im selben Atemzug als „Sünden“ behandelt werden, offenbart das keine Frömmigkeit – sondern eine gefährliche moralische Gleichsetzung.
Sie verrät, wie groß die Angst mancher Kirchenvertreter*innen vor der Realität ist: dass queere Gläubige längst Teil der Kirche sind. Ihre Präsenz ist kein Makel, der gereinigt werden muss – sondern gelebter Glaube, der dazugehört.
Kritik von innen: „Beschämend“ und „skandalös“
Auch Weihbischof Ludger Schepers, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für queerpastorale Fragen, fand klare Worte. Er nannte das Sühnegebet gegenüber katholisch.de „skandalös“ und ein „beschämendes Zeichen kirchlicher Engstirnigkeit“.
Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen
Weihbischof Ludger Schepers
Die Pilgerreise sei keine Provokation, sondern eine Feier des Glaubens gewesen – getragen von Menschen, die ihre sexuelle Identität und ihren Glauben miteinander vereinbaren wollen. Dass man nach einer solchen Pilgerfahrt Buße leiste, statt Dankbarkeit zu zeigen, sei theologisch fragwürdig und pastoral fatal.
„Das ist kein Akt des Glaubens, sondern ein Akt der Ausgrenzung“, so Schepers.
„Diese Bischöfe beten nicht für Wiedergutmachung, sondern für Rückschritt.“
Und weiter:
„Wer für die bloße Anwesenheit queerer Christ*innen um Vergebung bittet, zeigt nicht Frömmigkeit, sondern Angst vor Vielfalt.“