Dass Männer mit älteren Brüdern häufiger schwul sind, ist kein bloßes Gerücht, sondern handfeste Wissenschaft. Aber woran liegt das? Die meisten tippen automatisch auf das soziale Umfeld oder die Vorbildfunktion. Die Wahrheit sieht allerdings völlig anders aus: Die Ursache für dieses Phänomen liegt nicht im gemeinsamen Aufwachsen, sondern beginnt viel früher, im Bauch der Mutter.
Der statistische Geschwister-Effekt
Das als „Fraternal Birth Order Effect“ bekannte Phänomen wurde erstmals im Jahr 1996 von den Forschern Ray Blanchard und Anthony F. Bogaert wissenschaftlich beschrieben. Die umfangreiche Datenlage zeigt, dass mit jedem zusätzlichen älteren biologischen Bruder die Wahrscheinlichkeit eines Mannes, homosexuell zu werden, um etwa 33 Prozent ansteigt. Da der prozentuale Anteil homosexueller Männer in der Gesamtbevölkerung bei schätzungsweise zwei bis fünf Prozent liegt, bedeutet dieser Anstieg nicht, dass ein Mann mit mehreren älteren Brüdern zwingend schwul sein muss. Vielmehr handelt es sich um eine deutliche relative Erhöhung der Wahrscheinlichkeit im direkten Vergleich zu erstgeborenen Söhnen. Diese mathematische Gesetzmäßigkeit gilt als einer der am häufigsten replizierten Befunde in der Erforschung der sexuellen Orientierung und wurde kultur- und jahrzehnteübergreifend sowie auf verschiedenen Kontinenten nachgewiesen.
Der Mutterleib als alleiniger Faktor
Um zu überprüfen, ob soziale Faktoren oder die Erziehung für diesen Effekt verantwortlich sind, untersuchten Forscher Familien mit verschiedenen Geschwisterkonstellationen. Die Ergebnisse schlossen familiäre Dynamiken als Ursache komplett aus. Ältere Stiefbrüder, Adoptivbrüder oder Pflegebrüder, die im selben Haushalt aufwachsen, verändern die sexuelle Orientierung eines jüngeren Mannes nicht im Geringsten. Ein Junge, der mit drei adoptierten älteren Brüdern aufwächst, weist demnach keine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Homosexualität auf. Im Gegensatz dazu führt die reine Existenz von biologischen älteren Brüdern, die bei der Geburt getrennt wurden und in einem völlig anderen Haushalt aufwuchsen, dennoch zu dem beschriebenen statistischen Effekt. Auch ältere oder jüngere Schwestern verändern die Wahrscheinlichkeit nicht. Das bedeutet, dass ausschließlich Schwangerschaften derselben Mutter mit männlichen Föten die entscheidende Variable darstellen.
Die mütterliche Immunhypothese
Die fundierteste Erklärung für dieses Phänomen liefert die sogenannte mütterliche Immunhypothese. Im Jahr 2018 veröffentlichte ein Forschungsteam der Brock University um Anthony F. Bogaert in der renommierten Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) eine bahnbrechende Studie, die den konkreten biologischen Mechanismus identifizieren konnte. Männliche Föten tragen ein Y-Chromosom, das spezifische Proteine produziert, welche im weiblichen Körper natürlicherweise nicht vorkommen. Die Forscher machten das männlich-spezifische Protein NLGN4Y als Hauptakteur aus. Es handelt sich dabei um ein Zelladhäsionsmolekül, das eine wichtige Rolle bei der Kommunikation von Zellen im sich entwickelnden Gehirn des Fötus spielt.
Wenn eine Frau mit ihrem ersten Sohn schwanger ist, können geringe Mengen dieser männlichen Proteine in ihren Blutkreislauf gelangen. Ihr Immunsystem erkennt das Protein NLGN4Y als körperfremd und beginnt, spezifische Antikörper dagegen zu bilden. Mit jeder weiteren Schwangerschaft eines männlichen Fötus „erinnert“ sich das Immunsystem der Mutter an diese Proteine und reagiert deutlich schneller sowie mit einer höheren Konzentration an Antikörpern. Diese mütterlichen Antikörper können die Plazentaschranke überwinden und binden sich im Gehirn des später geborenen Fötus an die NLGN4Y-Proteine. Die Wissenschaftler haben belegt, dass dieser Prozess die neuronale Vernetzung, die später für die sexuelle Anziehung zuständig ist, auf subtile Weise verändert.
Wissenschaftliche Einordnung
Obwohl diese immunologische Entdeckung einen wissenschaftlichen Meilenstein darstellt, betonen die Forscher wichtige Nuancen in der Interpretation. Der Effekt älterer Brüder erklärt schätzungsweise 15 bis 29 Prozent der Homosexualität bei Männern. Selbstverständlich können auch erstgeborene Söhne oder Männer gänzlich ohne Brüder homosexuell sein, da die sexuelle Orientierung durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener genetischer, epigenetischer und pränatal-hormoneller Variablen bestimmt wird. Die Forscher heben zudem ausdrücklich hervor, dass diese mütterliche Immunantwort die allgemeine Gesundheit oder kognitive Leistungsfähigkeit nicht negativ beeinflusst. Es handelt sich dabei keineswegs um einen pathologischen Prozess, sondern um eine natürliche biologische Variation, welche die menschliche Vielfalt auf neuronaler Ebene formt.
*Quellen: Die Erstentdeckung (1996): Blanchard, R., & Bogaert, A. F., The American Journal of Psychiatry. (Wies den statistischen Effekt älterer Brüder erstmals nach); Ausschluss der Erziehung (2006): Bogaert, A. F., PNAS. (Bewies, dass nur biologische Brüder zählen und das soziale Umfeld keinen Einfluss hat); Der biologische Beweis (2018): Bogaert, A. F. et al., PNAS. (Entdeckte die mütterliche Immunantwort und die NLGN4Y-Antikörper)