Hast du gedacht, unethische Menschenversuche gehören längst der Vergangenheit an? Ein Blick in die aktuellen Pläne des US-Gesundheitsministeriums für ein Impf-Experiment in Westafrika belehrt uns eines Besseren – vor allem, weil hier keine Mediziner, sondern fachfremde Politiker die treibende Kraft sind. Die Geschichte der Hepatitis-B-Impfung liest sich weniger wie ein strahlender Triumph der Wissenschaft, sondern vielmehr wie ein düsterer Thriller. Ein Blick in die Vergangenheit – und eben in die erschreckende Gegenwart – zeigt ein bitteres Muster: Wenn es um riskante Tests oder fragwürdige Ethik geht, müssen allzu oft diejenigen herhalten, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden – von geistig behinderten Kindern über Queers und PoC bis hin zu Neugeborenen im globalen Süden.
„Pediatric Tuskegee“: Experimente an geistig behinderten Kindern
Illustration: KI-erstellt
Angstraum Psychiatrie – in den 1950ern mehr als berechtigt
Die Entwicklung der Hepatitis-B-Impfung begann mit einem der dunkelsten Kapitel der US-Medizingeschichte. Zwischen 1956 und 1971 wurden an der Willowbrook State School in New York etwa 700 geistig behinderte Kinder absichtlich mit sogenannter Serum-Hepatitis und infektiöser Hepatitis infiziert. Der Forscher Saul Krugman nutzte diese Kinder, um den Krankheitsverlauf zu verfolgen und frühe Prototypen von Impfstoffen zu testen.
Heute wird dieses Vorgehen oft als „Pediatric Tuskegee“ bezeichnet, in Anlehnung an die berüchtigten Syphilis-Experimente an Schwarzen US-Bürgern. Und wie rechtfertigte man das damals? Man sah diese Kinder als die schutzlosesten Mitglieder der Gesellschaft an, da diese staatlichen Einrichtungen sanitäre „Höllenlöcher“ waren, in denen sich die Kinder früher oder später sowieso angesteckt hätten.
Als das Blut der Schwulen-Community zum Retter wurde – und zur Panik führte
Spulen wir in die frühen 1980er Jahre vor. Der erste kommerzielle Hepatitis-B-Impfstoff für die breite Masse, Heptavax-B, kam Anfang 1982 auf den Markt. Doch woher kam der schützende Stoff? Der Impfstoffentwickler Maurice Hilleman gewann das Ausgangsmaterial für seinen Impfstoff aus dem Blut von Männern aus New York City, die Sex mit Männern hatten. Es ist eine geradezu zynische Ironie: Genau jene LGBTIQ*-Community, die gesellschaftlich massiv stigmatisiert wurde, lieferte buchstäblich das Material für den Schutz der Allgemeinheit.
Der Experte Paul A. Offit bezeichnete dieses Präparat später treffend als den sichersten Impfstoff, der je aus dem gefährlichsten Ausgangsmaterial hergestellt worden war. Doch der Pragmatismus hielt nicht lange an. Als sich die AIDS-Epidemie 1984 massiv ausweitete und das Virus identifiziert wurde, gerieten die Forscher in Panik, dass HIV das menschliche Blut kontaminieren könnte. Die bloße Vorstellung, dass dieser Impfstoff aus menschlichem Serum stammte, beunruhigte die Wissenschaftler so sehr, dass man Heptavax-B bereits 1986 durch einen gentechnisch hergestellten Impfstoff ersetzte.
Guinea-Bissau 2026: Die Geschichte wiederholt sich
Foto: Mandel Ngna I AFP
US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr.
Damit sind wir wieder in der Gegenwart. Es scheint, als gelte bei manchen Akteuren immer noch die Devise: Mit dem globalen Süden kann man es ja machen. Aktuell plant Robert F. Kennedy Jr., der US-Gesundheitsminister, eine höchst umstrittene Studie in Guinea-Bissau. Das Land leidet massiv unter Hepatitis B: Mehr als 18 % der Gesamtbevölkerung und 11 % der Kinder unter 18 Monaten sind infiziert. Kennedy vertritt die These, dass die weltweite Standardimpfung von Neugeborenen neurologische Entwicklungsverzögerungen verursacht und ein „wahrscheinlicher Übeltäter“ für Autismus sei.
Um diese Theorie zu testen, soll in Guinea-Bissau ein Experiment an 14.000 Neugeborenen durchgeführt werden. Der Plan: 7.000 Babys erhalten die lebensrettende Impfung direkt nach der Geburt, während die anderen 7.000 Babys als „Kontrollgruppe“ herhalten müssen und die Dosis erst im Alter von sechs Wochen bekommen. In einem Land mit einer derart hohen Infektionsrate bedeutet das schlichtweg, dass 7.000 Babys einem extremen Risiko ausgesetzt werden, sich chronisch mit Hepatitis B zu infizieren. Bisher hat Guinea-Bissau die Pläne für diese Studie pausiert, da eine ethische Prüfung aussteht, doch der endgültige Status ist ungewiss. *ck I Quelle: medsacape.com