Foto: privat
Im gerade beginnenden Frühling erfreut uns der Berliner ALBINO Verlag mit einem ganz wunderbaren Roman von Simon Chevrier, der uns mitnimmt ins Toulouse im Jahr 2020.
Die Stadt wirkt damals dank der notwendigen Corona-Maßnahmen wie unter Glas gestellt, das soziale Leben ist so gut wie weg. In diese eigentümliche Stille hinein spricht ein namenloser Ich-Erzähler, der seinen Alltag protokolliert, als ließe sich der Stillstand durch Sprache unterlaufen. Zwischen versandenden Bewerbungen, Grindr-Verabredungen im Halbdunkel, provisorischen Wohnsituationen und diskreten Escort-Aufträgen tastet er sich durch eine Gegenwart, die mehr Schwebezustand als Lebensform ist. Zum Fluchtpunkt wird eine Entdeckung im Schlafzimmer des Ex-Freundes: die Schwarz-Weiß-Fotografie „Daniel Schook Sucking Toe“ von Peter Hujar. Der Blick des Modells – zugleich verletzlich und unnachgiebig – entfaltet eine eigentümliche Sogkraft. Aus einem beiläufigen Kunstzitat wird ein persönlicher Stachel. Wer war Daniel Schook? Die Recherche gerät zur Obsession, zur heimlichen Struktur eines ansonsten zerfasernden Alltags. Erst der Tod des Vaters setzt einen Kontrapunkt zur fiebrigen Suchbewegung. Für einen Moment hält der Text inne, wird leiser, ernster. Und mit dieser Zäsur drängt sich eine Ahnung auf: Vielleicht ist die Spurensuche nach Daniel Schook weniger kunsthistorisches Interesse als existenzielle Selbstbefragung – der Versuch, im Blick eines Fremden das eigene, noch unentschiedene Bild zu erkennen.
Über den Autor: Der 1992 geborene Künstler gehört zu den jüngeren Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. Er studierte Anglistik und Literatur in Le Havre, London und Galway. Mit seinem Debütroman „Foto auf Anfrage“ (»Photo sur Demande«) machte er früh auf sich aufmerksam; in Frankreich wurde das Buch nicht selten mit den Arbeiten von Annie Ernaux in Verbindung gebracht. Im Mai 2025 erhielt Simon Chevrier dafür den „Goncourt du Premier Roman“. Jetzt erscheint es bei: www.albino-verlag.de
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