Foto: Colin J. Smith - © SUNNY DANCER Distribution Limited
Ein Ferienlager mit lauter Leidensgenoss*innen? Die 17-jährige Ivy kann sich im Film „Sunny Dancer“ (ab 13. August im Kino) nach ihrer überstandenen Krebs-Erkrankung kaum einen schlimmeren Sommer vorstellen. Und mit dem dauer-gutgelaunten Camp-Leiter Patrick kann sie schon mal gleich gar nichts anfangen. Doch dann kommt in dieser sommerlichen Tragikomödie des jungen britischen Regisseurs George Jaques natürlich alles anders. Beim Interview-Termin in Berlin zeigt sich außerdem: der non-binäre „The Last of Us“-Star Bella Ramsey, in der Hauptrolle als Ivy zu sehen, und die schwule Sitcom-Legende Neil Patrick Harris, der als Patrick zu sehen ist, verstehen sich in Wirklichkeit viel besser als auf der Leinwand.
Bella, du kamst ziemlich früh als Hauptdarsteller*in zum Film „Sunny Dancer“ und hast dem Projekt dann auch die Treue gehalten, als sich die Finanzierungsphase eine Weile hinzog. Was begeisterte dich so sehr daran?
Bella Ramsey: Ich erkannte einfach früh, dass dieser Film gleichzeitig eine große schauspielerische Herausforderung, aber auch ein sehr großer Spaß sein würde. Und ohne Frage eine Sache, wie ich sie bislang noch nicht gedreht hatte. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, langsam keine Teenager mehr zu spielen und als erwachsene Person ernst genommen zu werden. Aber als ich so begeistert vom Drehbuch war, wurde mir im Gegenteil klar, dass dies womöglich meine letzte Chance sein könnte, nochmal einen Teenager zu verkörpern. Also warum nicht in einer so interessanten, tollen Geschichte, in der ich alles geben kann. Selbst als es eine Weile lang so aussah, als würde dieser Film nie Wirklichkeit werden, verlor unser Regisseur George nie das Vertrauen in das Projekt. Damit steckte er mich voll an! Ich wollte unbedingt sechs Wochen Dreharbeiten erleben, die sich anfühlen wie ein Ferienlager – und genau das habe ich am Ende auch bekommen.
Foto: Colin J. Smith - © SUNNY DANCER Distribution Limited
Was sprach dich an, Neil? Deine Rolle ist ja ziemlich klein für einen so bekannten Schauspieler wie dich …
Neil Patrick Harris: Damit ich meinen Mann und die Kinder allein zuhause lasse, um an ein Filmset zu reisen, braucht es ein Projekt, bei dem die Alchemie stimmt. Und das von jemandem gesteuert wird, der weiß, was er oder sie tut. George ist superjung, aber weil er selbst als Schauspieler gearbeitet hat, weiß er genau, wie er mit Schauspieler*innen reden muss. Überhaupt hatte ich es selten mit einem derart respektvollen Regisseur zu tun, der noch dazu aufgeschlossen für Feedback aus seinem Team ist.
Wie sah eure Recherche für die Arbeit an „Sunny Dancer“ aus? Habt ihr mit Menschen gesprochen, die Erfahrungen mit dem Thema Krebs haben?
Bella Ramsey: Ich tue mich immer ein bisschen schwer mit Recherche und weiß oft gar nicht, wo ich damit anfangen soll. Aber George machte es uns diesbezüglich sehr leicht. Vor Drehbeginn hatten wir eine Woche für Proben, und dazu gehörte auch ein ausführliches Gespräch mit Dr. Rachael Hough, der führenden Spezialistin in Sachen Leukämie bei Kindern und Jugendlichen in Großbritannien. Ihr zuzuhören und Fragen stellen zu können, habe ich als große Hilfe empfunden. Denn so wichtig es war, in dieser Probenwoche Spaß zu haben und ausgelassen als Clique zusammenzufinden, so wichtig war es auch, sich der Ernsthaftigkeit des Themas bewusst zu werden.
Persönliche Erfahrungen hattest du diesbezüglich nicht?
Bella Ramsey: Zumindest junge Menschen mit Krebs gab es in meinem Umfeld glücklicherweise bislang noch nicht. Allerdings hatte ich mal ein zweistündiges Video-Telefonat mit einem Mädchen, das unheilbar krank war und sich gewünscht hatte, mich kennenzulernen. Inzwischen lebt sie nicht mehr, und auch wenn ich diesen Menschen natürlich nicht gut kannte, zeigte mir diese Erfahrung umso deutlicher, wie wichtig es ist, eine Geschichte wie die von „Sunny Dancer“ zu erzählen.
Neil Patrick Harris: Ich verstehe aber genau, was du meinst, wenn du sagst, dass du oft gar nicht genau weißt, ob und wie du recherchieren sollst. Im Idealfall hat man ja im Drehbuch einen dreidimensionalen, glaubwürdigen Menschen vor sich und erfährt alles, was man über die Figur wissen muss. Wenn ich einen Serienmörder spiele, erwartet ja auch niemand, dass ich vorab mindestens fünf echte Serienmörder zum Gespräch treffe. Aber gut, letztlich hat da ohnehin jeder Schauspieler seine eigene Methode – und die kann ja auch von Rolle zu Rolle anders sein.
Neil, du brachtest ja vielleicht eine gewisse Vorbereitung schon mit, denn mit Feriencamps hat doch fast jedes US-amerikanische Kind seine Erfahrungen, oder?
Neil Patrick Harris: Da ist etwas dran. Und auch wenn ich schon früh meine Karriere vor der Kamera begonnen habe, habe ich Ferienlager-Erfahrungen gemacht. Ich war eine Woche lang in einem Musik-Ferienlager namens Camp Hummingbird, aber insgesamt war die Auswahl damals in New Mexico eher dürftig. Inzwischen habe ich als Erwachsener umso mehr Camp-Recherche betrieben, um die richtigen für unsere Zwillinge zu finden. Rund um New York ist die Auswahl riesig. Manche Camps – idyllisch an Seen gelegen und mit Schwerpunkten wie Bogenschießen – begeisterten mich dabei deutlich mehr als meine Kinder.
Eine wichtige Rolle in „Sunny Dancer“ spielt der Song „I Don’t Feel Like Dancing“ von den Scissor Sisters. Kennen Menschen deiner Generation den überhaupt noch, Bella?
Bella Ramsey: Und wie ich den Song kannte! Und dank des Films werde ich ihn nun definitiv nie wieder vergessen, denn tatsächlich kommt er ja in drei, wenn nicht sogar vier Szenen vor. Da gab es vor diesem Ohrwurm kein Entkommen. Überhaupt war aber Musik ein ganz wichtiger Bestandteil der Arbeit an diesem Film. Nicht zuletzt dank einer großen Boombox, die immer mit am Set war und über die wir in jeder Drehpause alle zusammen Musik hörten. Jede Figur und jede Szene hatten eigene Playlisten.
*Interview: Jonathan Fink
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