Foto: Cinemien
Das Regiedebüt des Amerikaners Carmen Emmi, handelt von einem jungen Zivilpolizisten (Tom Blyth) in den 1990er-Jahren, dessen Job es ist, schwule Männer auf der Suche nach Sex auf öffentlichen Toiletten zu verhaften. Allerdings ist er selbst noch damit beschäftigt, sich mit seiner eigenen sexuellen Orientierung zu arrangieren, und als er sich dann – während eines beruflichen Einsatzes – in einen cruisenden Mann (Russell Tovey) verknallt, gerät er zusehends in nicht nur emotionale Bedrängnis.
Bei einer virtuellen Pressekonferenz zu „Plainclothes“, der beim Festival in Sundance mit einem Preis für das Ensemble ausgezeichnet wurde, hatten wir die Gelegenheit, Emmi und seinen beiden Hauptdarstellern ein paar Fragen zu stellen.
Carmen, „Plainclothes“ ist Ihr erster eigener Spielfilm. Wie entstand die Idee, von einem ungeouteten Undercover-Cop zu erzählen, der cruisende Männer auf öffentlichen Toiletten verhaften soll?
Carmen Emmi: Das Thema ist gar nicht so altmodisch, wie es klingt. 2016 las ich einen Artikel in der LA Times über eine eben solche Undercover-Action und den Mann, der daraufhin die Stadt Long Beach verklagte, weil er sich in eine Falle gelockt sah. Ich war damals auf der Suche nach einem Stoff für meinen ersten Film, in dem ich irgendwie auch mein eigenes Coming Out verarbeiten wollte. Außerdem war mein Bruder gerade Polizist geworden. Der Stoff reizte mich also aus verschiedenen Gründen. Und obwohl ich die Geschichte dann in den 1990er Jahren angesiedelt habe, hatte sie plötzlich unerwartete Aktualität. In der Woche, in der unser Film seine New Yorker Premiere hatte, wurden dort mehr als 100 Männer beim Cruisen auf einer Toilette am Bahnhof Penn Station verhaftet. Diese Dinge passieren also immer noch!
Tom, war „Plainclothes“ für Sie nach „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds and Snakes“ auch ein Weg, nicht auf den Mainstream festgelegt zu werden?
Tom Blyth: Nein, eigentlich hatte ich es ohnehin nie darauf angelegt, Mainstream-Filme zu drehen. „Die Tribute von Panem“ ist in meiner bisherigen Karriere ja eher die Ausnahme. Mein Ziel war es immer, Teil der Welt des Independent-Kinos zu sein. Ich weiß noch, wie ich als 15-jähriger in Nordengland den Film „Tyrannosaur“ von Paddy Considine im Kino gesehen habe und wusste: in solch ehrlichen, wahrhaftigen Filmen möchte ich auch mal mitspielen. „Plainclothes“ fällt genau in diese Kategorie. Als Carmens Drehbuch auf meinem Tisch landete, konnte ich es gar nicht aus der Hand legen, so begeistert war ich. Schon beim Lesen spürte ich, dass diese Geschichte eine sehr persönliche ist, ganz gleich, wie viel Autobiografisches in Ihr steckt.
Was reizte Sie an diesem Projekt, Russell?
Russell Tovey: Mich sprach enorm der Balanceakt an, den beide Männer im Film meistern müssen. Einerseits erfüllen sie – nicht zuletzt qua Beruf – die Erwartungen, die an Männer in der Gesellschaft gestellt wurden und werden und entsprechen also gewissen Bildern, die es aufrecht zu halten gilt. Aber wenn sie Zeit zusammen und allein verbringen, ist das wie eine Utopie, in der sie ganz sie selbst sein können, voller Ruhe, Stille und intimer Zärtlichkeit. Als schwuler Schauspieler bin ich immer auf der Suche nach queeren Geschichten, in denen ich mich selbst wiedererkenne oder die anders enden als in einer Tragödie. Für mich ist „Plainclothes“ bei aller Dramatik ein Film, in dem Hoffnung und Freude überwiegen – und diese ganz besonderen Momente der Ruhe.
Wie sah Ihrer Recherche aus? Haben Sie mit Männern gesprochen, die in den 1990er-Jahren ungeoutet waren und womöglich ähnliches erlebt haben?
Blyth: Meine Hauptaufgabe war es erst einmal, zu recherchieren, was es bedeutete, damals ein Undercover-Polizist in New York zu sein. Welcher Druck und Stress damit einhergingen. Was die persönliche Seite von Lucas‘ Geschichte angeht, habe ich mehr auf eigene Emotionen und Erfahrungen aus meinem Freundeskreis verlassen. Ich habe mich mit vielen engen Freundinnen und Freunden ausgetauscht, über die Akzeptanz seitens ihrer Familien oder auch die Tatsache, warum der eine oder die andere mit ihrer Familie bis heute noch nicht über ihrer Queerness gesprochen haben. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich eine Figur, die ich spiele, einem spezifischen Menschen gewidmet. Deswegen hatte ich beim Spielen immer meinen besten Freund im Kopf, dessen Coming Out-Geschichte eine sehr spezielle, komplizierte und immer noch andauernde ist. Er war für mich bei diesem Film so etwas wie mein Polarstern, an dem ich mich orientiert habe, um immer authentisch und wahrhaftig zu bleiben.
Wie haben Sie sich vorbereitet, Russell?
Tovey: Solche verdeckten Polizeieinsätze, bei denen schwule Männer verhaftet wurden, gehörten zum vererbten Trauma unserer Community, würde ich sagen. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie George Michael 1998 beim Cruisen verhaftet wurde – und mit wie viel Schande er zum Teil in der Öffentlichkeit überschüttet würde. Dass er selbst sich gar nicht zu schämen schien, hat mich als Teenager damals geschockt, denn ich selbst empfand viel Scham dafür, wer ich war. Im Rückblick feiere ich George natürlich dafür, wie genial er damals mit der Situation umgegangen ist. Die Angst, erwischt oder verurteilt zu werden, die Furcht, von der Familie und dem eigenen Umfeld abgelehnt zu werden – all das habe ich in die Figur des Andrew einfließen lassen. Außerdem hatte ich das Privileg, vor einigen Jahren am National Theatre in London im Stück „Angels in America“ den Joe Pitt zu spielen. Auch so ein Mann, gefangen ist in der Religion, in tief verinnerlichter Homophobie und der Angst, er selbst zu sein und das Leben seiner Frau zu ruinieren. Die Rolle hat damals mein Leben verändert und inspirierte nun auch mein Spiel in „Plainclothes“.
Hatte denn nun auch diese Figur eine solch tiefgreifende Wirkung aus Sie?
Tovey: Vielleicht nicht im gleichen Maße wie die in „Angels in America“. Aber es war etwas sehr Besonderes, für den Film als Mitvierziger in jene Zeit zurückzukehren, in der ich selbst als junger Mann erst anfing, mein wahres Ich zu entdecken. Das hatte etwas Kathartisches. Auch wenn Andres selbst ein innerlich zerrissener Mann ist, habe ich dank ihm irgendwie diese Jahre zurückerobert, in denen ich selbst so ängstlich war und händeringend nach einem Safe Space suchte. Deswegen bin ich Carmens Drehbuch auch so dankbar, dass die Figuren darin – obwohl wirklich kompliziert, schwierig und fehlerhaft – so voller Menschlichkeit und vor allem Liebe waren.
Dass die Figuren so überzeugend funktionieren, liegt auch an der Chemie zwischen Ihnen beiden. Wie haben Sie die entwickelt?
Tovey: Das größte Geheimnis der Chemie zwischen zwei Schauspielern liegt ja eigentlich immer schon in der Besetzung. Carmen und sein Casting Director hatten zum einfach ein gutes Auge dafür, dass Tom und ich zusammen funktionieren würden. Und natürlich hilft es, wenn man ein so tolles Drehbuch mit den entsprechenden Dialogen hat. Der Rest ist vor allem Glück. Tom und ich kannten uns vorher nicht, unsere erste Begegnung fand via Zoom statt. Aber man merkte gleich, dass die Energie zwischen uns eine gute war, auch weil wir beide das gleiche Interesse hatten, diese Geschichte so ehrlich wie möglich zu erzählen.
Blyth: Dazu muss man sagen, dass ich schon seit Jahren ein Fan von Russell bin. Für mich ist er einer der besten britischen Schauspieler überhaupt, deswegen schlug ich ihn auch Carmen vor. Tatsächlich merkte man schon in unserem ersten Videotelefonat, dass das mit uns beiden irgendwie passt, und am Set bestätigte sich das erst recht. Spätestens als wir unsere erste Sexszene drehten, wusste ich, dass ich es nicht besser hätte treffen können. Dank Russell und unserem Intimitätskoordinator Joey fühlte ich mich so sicher und gut aufgehoben, dass ich bei aller körperlichen und emotionalen Nacktheit trotzdem bereit war, mich vollkommen verletzlich zu machen und mutig zu sein. Wir waren da komplett auf einer Wellenlänge.
*Interview: Patrick Heidmann
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