Der Gay Travel Index (GTI) für 2026 ist da. Während Nordeuropa seine Vormachtstellung als Safe Space für queere Reisende festigt, wirbeln rechtliche Reformen in Asien das Ranking auf. Gleichzeitig häufen sich die Warnsignale: Einstige Vorreiter wie das Vereinigte Königreich rutschen ab während die USA gespaltener sind denn je.
Der jährlich veröffentlichte Index bewertet die Reisesicherheit und Lebensrealität der LGBTIQ*-Community in mehr als 200 Ländern und Regionen. In die Analyse fließen 18 Kategorien ein, von der „Ehe für alle“ über Antidiskriminierungsgesetze bis hin zu drastischen Strafen wie Haft oder Todesurteil. Das Ranking ist ein globaler Stimmungscheck für Gleichstellung und Sicherheit.
Hier ist es sicher: die Spitzenreiter
Island bleibt das sicherste Pflaster für schwule und queere Urlauber. Mit einer Steigerung auf 14 Punkte (2025: 13 Punkte) baut der Inselstaat seine Führung weiter aus. Dicht dahinter folgen Malta und Spanien: Beide Länder halten ihre exzellente Bewertung von 13 Punkten und bleiben die sichersten Warmwasser-Ziele für den Sommer.
Gute Nachrichten für die Bundesrepublik: Deutschland klettert im globalen Vergleich von Rang 6 auf Platz 4. Zwar bleibt die Gesamtpunktzahl mit 12 Zählern stabil, aber Verschlechterungen in anderen Ländern spülen Deutschland weiter nach oben.
Wer jetzt aufholt: die Aufsteiger des Jahres
Eine beachtliche Entwicklung vollzieht Polen. Innerhalb eines Jahres katapultiert sich das Land von Platz 118 (2025: -7 Punkte) auf Platz 59 weltweit (-1 Punkt). Der entscheidende Faktor war der Abbau der „feindseligen Atmosphäre“. Die berüchtigten „LGBT-freien Zonen“ wurden politisch und rechtlich beerdigt. Zudem fließen Verbesserungen bei der Sicherheit von Pride-Events und ein deutlich reduzierter religiöser Einfluss in die Bewertung ein. Polen liegt damit nun punktgleich mit Italien.
Nepal klettert von Platz 53 (3 Punkte) im Vorjahr auf Platz 32 mit nun 6 Punkten. Damit lässt es das touristische Schwergewicht Thailand (Platz 52 / 3 Punkte) hinter sich. Der Aufstieg Nepals begründet sich vor allem in der proaktiven Justiz des Landes. Während Thailand bei der rechtlichen Gleichstellung lange keine Fortschritte machte, hat Nepal die Anerkennung nicht-binärer Geschlechter (das „dritte Geschlecht“) sowie einen umfassenden Diskriminierungsschutz gesetzlich verankert.
Indien verzeichnet eine ähnlich starke Aufwärtsbewegung. Der Subkontinent verbessert sich von Platz 44 (3 Punkte) auf Platz 31 mit nun 7 Punkten. Dieser Sprung ist das Resultat einer konsequenten Weiterentwicklung der Antidiskriminierungsgesetze nach der Entkriminalisierung von Homosexualität. Zudem führt die wachsende gesellschaftliche Sichtbarkeit der Community in den indischen Metropolen zu einer besseren Bewertung der Sicherheitslage
Wo es bröckelt: der Absturz der Vorreiter
Dem gegenüber stehen besorgniserregende Entwicklungen in Ländern, die lange Zeit als sicher galten, nun aber durch politische Polarisierung und gesellschaftliche Rollbacks abgestraft werden.
Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Vereinigten Königreichs. Es verzeichnet einen Absturz von Platz 15 (9 Punkte) im Vorjahr auf nun Platz 32 mit nur noch 6 Punkten. Ausschlaggebend für diese Verschlechterung ist primär das Stocken bei der rechtlichen Gleichstellung von trans Personen sowie eine messbar feindseligere Atmosphäre im öffentlichen und politischen Diskurs. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass das UK seinen Status als Vorreiter vorerst verloren hat.
Ähnlich stellt sich die Situation in Argentinien dar. Das Land galt lange Zeit als das liberalste Ziel Südamerikas, fällt nun aber von Platz 15 (9 Punkte) ebenfalls auf Platz 32 mit nur noch 6 Punkten zurück. Der Abstieg ist eine direkte Folge der politischen Instabilität und einer deutlichen Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas unter der neuen Regierung. Da staatliche Schutzprogramme gekürzt wurden und die queerfeindliche Rhetorik zugenommen hat, büßt Argentinien wertvolle Punkte in der Kategorie der allgemeinen Sicherheit und Atmosphäre ein.
USA: Ein Land der zwei Realitäten
Die Vereinigten Staaten präsentieren sich im Gay Travel Index 2026 als gespaltenes Land, das im globalen Gesamtranking auf Platz 47 abrutscht und mit nur noch 4 Punkten deutlich hinter aufstrebende Nationen wie Indien oder Nepal zurückfällt. Da die Rechtslage in den USA massiv zwischen den einzelnen Bundesstaaten divergiert, offenbart erst der Blick in den separaten USA-Index das wahre Ausmaß der Verschlechterung in weiten Teilen des Landes. Während liberale Staaten im Norden und Westen das Niveau europäischer Spitzenreiter halten, erleben wir im Süden und Mittleren Westen einen beispiellosen Rückfall in der rechtlichen Bewertung.
Besonders auffällig ist die Lage in Tennessee. Lag der Staat 2021 noch bei -1 Punkt, markiert er 2026 mit -5 Punkten das absolute Schlusslicht. Dieser Absturz resultiert direkt aus der Kriminalisierung von trans Rechten und Verboten von Drag-Performances. Auch der einstige „Sunshine State“ Florida verzeichnet einen unüberbietbaren Negativ-Sprung: Von +3 Punkten (2021) fiel der Staat auf -3 Punkte (2026). Ursächlich sind hier vor allem die „Don’t Say Gay“-Gesetzgebung und der gezielte Abbau von Schutzrechten.
Im Gegensatz dazu stehen die sogenannten „Safe Havens“. Staaten wie New York, Kalifornien, und Nevada führen das US-Ranking mit Spitzenwerten von bis zu 16 Punkten an und liegen damit gleichauf mit Vorreitern wie Island oder Spanien. Auch Michigan (von -2 auf 11 Punkte) und Minnesota (von 4 auf 12 Punkte) konnten durch neue Antidiskriminierungsgesetze und Verbote von Konversionstherapien massiv zulegen.
*Quellen: Spartacus Gay Travel Index 2021, 2025, 2026