Es ist eine dieser Zahlen, die fassungslos macht und doch niemanden mehr wirklich überrascht: 2.137 Menschen sind im Jahr 2024 an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Eine marginal geringere Zahl als im Vorjahr, aber noch immer ein Armutszeugnis für eines der reichsten Länder der Welt. Verkündet wurde diese traurige Bilanz im Beisein des neuen Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, ausgerechnet im Berliner Urban-Krankenhaus – einem Ort, der die Folgen dieser Krise täglich zu spüren bekommt. Streeck machte sich hier ein Bild von der Situation.
Während die Politik von einem „leichten Rückgang“ sprechen mag, findet Dirk Schäffer von der Deutschen Aidshilfe die einzig wahren Worte für dieses Desaster:
„Es ist unerträglich, dass noch immer jedes Jahr so viele Menschen sterben, die überleben könnten.“
Er bringt auf den Punkt, was wissenschaftlich fast unumstritten ist: Diese Tode sind kein unabwendbares Schicksal, sondern das Ergebnis politischer Ignoranz und verpasster Chancen.
Der Tod kommt synthetisch und im Cocktail
Die Realität in den Drogenszenen wird immer brutaler. Der altbekannte Feind Heroin wird zunehmend von hochpotenten synthetischen Opioiden wie Fentanyl oder Nitazenen abgelöst – Substanzen, die so potent sind, dass eine sichere Dosierung fast unmöglich ist. Allein diese unsichtbaren Killer waren für 16 Prozent der Todesfälle verantwortlich. Gleichzeitig hat sich Crack- und Kokainkonsum, oft in brandgefährlichen Mischungen, zu einem zentralen Problem entwickelt und spielte bei rund 700 Todesfällen eine Rolle.
Grafik: Imagen 4 I Gemini
Die Lösungen liegen auf dem Tisch – man muss sie nur umsetzen
Das eigentlich Zynische an der ganzen Debatte? Fachverbände haben längst einen glasklaren Maßnahmenplan vorgelegt, der Leben retten würde. Es ist keine Raketenwissenschaft, es ist bewährte Praxis:
- Drugchecking: Endlich wissen, was im Stoff ist, bevor es zu spät ist. So können Überdosierungen und Vergiftungen verhindert werden. Berlin und Mecklenburg-Vorpommern machen es vor, Hamburg und NRW ziehen zögerlich nach. Der Rest? Schläft.
- Drogenkonsumräume: Sichere Orte, an denen unter medizinischer Aufsicht konsumiert werden kann. Sie verhindern Tode und Infektionen. Doch in acht Bundesländern, allen voran im CSU-regierten Bayern, wird diese lebensrettende Maßnahme weiter blockiert.
- Notfallmedikament Naloxon: Ein einfaches Nasenspray, das bei Opioid-Überdosierungen Leben rettet. Doch statt es flächendeckend verfügbar zu machen, dürfen viele Helfer – von der Polizei bis zum Streetworker – es nicht einmal bei sich tragen. Ein bürokratischer Skandal.
- Substitutionstherapie: Die Behandlung mit Ersatzstoffen wie Methadon ist der wirksamste Weg aus der Sucht und Kriminalität. Doch das Potenzial ist in Deutschland bei Weitem nicht ausgeschöpft.
Dirk Schäffer mahnt:
„Der Schutz des Lebens und vor Infektionen wie HIV oder Hepatitis C darf nicht vom Wohnort abhängen.“
Ein Satz, der im föderalen Flickenteppich der deutschen Drogenpolitik wie Hohn klingt.
Dass funktionierende Drogenhilfen auch die völlig überlasteten Notaufnahmen entlasten würden, wie beim Termin im Urban-Krankenhaus deutlich wurde, scheint da fast nur noch eine Randnotiz in diesem politischen Trauerspiel zu sein. Vielleicht schafft es Hendrik Streeck mit seinem wissenschaftsbasiertem Ansatz endlich Bewegung in das Drama um Subtanzgebrauch und Hilfsangebote zu bringen. *ck/Quelle: DAH