„Sei ein CheMP!“ steht über der Mitteilung, mit der die Deutsche Aidshilfe am 19. August ihr neues ChemSex-Multiplikatoren-Programm ankündigt. Gesucht werden Menschen mit eigener ChemSex-Erfahrung, die ihr Wissen weitergeben wollen. Gemeinsam sollen Werkzeuge entstehen für „Vor dem Chill“, „Auf dem Chill“, „Nach dem Chill“ und „Zwischen den Chills“. Kein Frontalunterricht, keine Broschüre von oben – die Community baut sich ihre Versorgung selbst.
Vor dem Chill, nach dem Chill
CheMP steht für „lebensweltorientiertes ChemSex-Multiplikatoren-Programm“ und richtet sich an Männer, die Sex mit Männern haben – ausdrücklich unabhängig davon, ob es um gelegentlichen Konsum geht, um wiederkehrende Muster oder um belastende Situationen, und ausdrücklich auch an Menschen, die mit HIV leben. Ohne Voraussetzungen, ohne Nachweise. „Du entscheidest selbst, wohin deine Reise geht – ob du ChemSex stabil beibehalten, reduzieren, verstehen, reflektieren oder vielleicht auch beenden möchtest“, heißt es auf der Projektseite. Dieser Satz ist der eigentliche Bruch mit der klassischen Suchthilfe:
Abstinenz ist eine Option, keine Bedingung.
Der Ablauf ist überschaubar. Zwei Online-Infoveranstaltungen, die erste am Dienstag, 1. September 2026, von 17 bis 19 Uhr per Zoom, kostenlos, Anmeldeschluss ist der 31. August um 16 Uhr. Danach zwei zusammenhängende Wochenendworkshops vom 9. bis 11. Oktober und vom 11. bis 13. Dezember – die Teilnahme am Projekt setzt beide voraus. Anschließend wird die Gruppe sechs bis neun Monate lang in regelmäßigen Online-Treffen begleitet, parallel läuft eine Evaluation. Am Ende soll ein Werkzeugkasten stehen, der auch außerhalb des Projekts nutzbar ist: allein, im Peer-Austausch oder in Selbsthilfeangeboten.
Wer zahlt
Illustration: KI erstellt
Gefördert wird das Projekt von der Barmer, einer einzelnen gesetzlichen Krankenkasse. Nicht vom Bund.
Eine Kasse zahlt, der Bund redet.
Im November 2025 sagte der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck im ZDF: „Wir sehen in Deutschland, aber auch in Europa immer mehr Chemsex, also Sexualverkehr nur noch im Zusammenhang mit bestimmten Drogen.“ Und weiter: „Wir sollten mehr aufklären, dass da auch bestimmte andere Abhängigkeiten entstehen können.“
Neun Monate später liegt ein Programm vor, das genau das tut. Es kommt nicht aus seinem Haus. Es kommt aus einem Verein, finanziert wird es von einer einzelnen Krankenkasse aus freiwilligen Mitteln, und die inhaltliche Arbeit machen Menschen, die selbst auf Chills waren – an zwei Wochenenden und in Onlinetreffen, aus eigener Erfahrung.
Man muss den Vergleich nur einmal umdrehen, um zu sehen, wie schief er liegt: Bei Alkohol käme niemand auf die Idee, dass Betroffene sich die Beratungsstruktur an zwei Wochenenden selbst erarbeiten und eine Kasse das Ganze als Projekt fördert. Bei ChemSex ist genau das der Weg – und er wird zu Recht als Fortschritt gefeiert, weil Peer-Wissen tatsächlich besser trägt als jeder Flyer. Nur ersetzt gute Peer-Arbeit keine Zuständigkeit.
männer* hat Streeck im Juli zu den Drogentodeszahlen 2025 befragt, unter anderem danach, welche Rolle besonders vulnerable Gruppen – auch queere – in seiner Strategie spielen. Bis heute kam keine Antwort, nicht einmal eine Absage. Wir dokumentieren das hier, weil es zur Sache gehört.
Die Zahlen, die niemand vorträgt
Grafik: KI erstellt
Quelle: German Chemsex Survey, Online-Befragung von 1.050 Männern*, Katholische Hochschule NRW, Universität Duisburg-Essen, LVR-Klinikum Essen und Deutsche Aidshilfe. Selbstselektion der Teilnehmenden, die Werte beschreiben die Befragten, nicht die Gesamtbevölkerung.
Warum das dringend ist, hat der German Chemsex Survey vermessen, eine Befragung von 1.050 Männern*, entstanden aus einer Kooperation von Katholischer Hochschule NRW, Universität Duisburg-Essen, LVR-Klinikum Essen und Deutscher Aidshilfe:
- 42 Prozent berichten von Grenzverletzungen, bei 30 Prozent unter Substanzeinfluss
- 12 Prozent wurden gegen ihren Willen Substanzen verabreicht
- 13 Prozent zeigen klinisch relevante Anzeichen einer Depression, 12 Prozent einer posttraumatischen Belastungsstörung
- 54 Prozent hatten Suizidgedanken, 6 Prozent unternahmen einen Suizidversuch
- 11 Prozent slammen, spritzen sich die Substanzen also – und von ihnen nutzen 67 Prozent keine Spritzentauschprogramme
- 24 Prozent haben sehr geringen Zugang zu sozialer Unterstützung, die Einsamkeit liegt signifikant über der in der Allgemeinbevölkerung
Dazu die Verbreitung: Rund 31 Prozent der befragten Männer, die Sex mit Männern haben, haben in Deutschland bereits ChemSex-Erfahrungen gemacht.
Ein Wort zur Verlässlichkeit, das in solchen Aufzählungen meist fehlt: Der Survey ist eine Online-Befragung mit Selbstselektion. Wer sich beteiligt, ist mit dem Thema befasst – die Anteile beschreiben also die Befragten, nicht die schwule Bevölkerung. Die Richtung dürfte trotzdem stimmen, und die 67 Prozent ohne Spritzentausch sind auch dann ein Alarmsignal, wenn die Grundgesamtheit unscharf bleibt.
Der ernsthafte Einwand
Er kommt nicht aus der Suchtpolitik, er kommt aus der Versorgungsforschung, und er trifft: Peers sind keine Therapeut*innen. Bei 13 Prozent mit klinisch relevanten Depressionszeichen und 12 Prozent mit PTBS-Symptomatik reicht gegenseitige Unterstützung nicht aus. Wer schwer belastet ist, braucht Behandlung, keine Werkzeugkiste – und Selbsthilfe führt in die Irre, wenn sie als Ersatz missverstanden wird.
Nur ist das kein Argument gegen CheMP. Es ist eines gegen die Vorstellung, dass CheMP genügt. Peer-Strukturen erreichen Menschen, die kein Versorgungssystem je erreicht, weil sie nicht nach Diagnose fragen, sondern nach Erfahrung. Sie sind die Tür. Was hinter der Tür liegt, muss die Regelversorgung leisten – und die ist bei ChemSex, soweit bekannt, bis heute nicht flächendeckend vorhanden.
Was zu tun bleibt
Es gibt ChemSex, seit es ChemSex gibt, und es gibt Menschen, die damit gut zurechtkommen. Es gibt aber auch die 54 Prozent mit Suizidgedanken und die 67 Prozent, die sich ohne sauberes Besteck spritzen. Für sie entscheidet sich gerade nicht, ob geholfen wird, sondern von wem – und wie lange das Geld dafür reicht.
Die Frage ist deshalb nicht, ob ChemSex ein Problem ist. Der Drogenbeauftragte hat sie längst mit Ja beantwortet. Die Frage lautet: Warum hängt die Antwort darauf an der freiwilligen Förderung einer einzelnen Krankenkasse?
Anmelden kann man sich trotzdem. Man sollte sogar.
Service Infoveranstaltung „Wie kann ich bei CheMP mitmachen?“, Dienstag, 1. September 2026, 17–19 Uhr, online per Zoom, Veranstaltungsnummer 95550, keine Teilnahmegebühr, Anmeldeschluss 31. August 2026, 16 Uhr. Wochenendworkshops: 9. bis 11. Oktober und 11. bis 13. Dezember 2026, die Teilnahme setzt beide voraus. Danach sechs bis neun Monate Begleitung in Onlinetreffen. Infos und Anmeldung: aidshilfe.de/de/chemp-selbsthilfe-bei-chemsex, Buchung über das Seminarportal der DAH, Fragen an [email protected]. Ansprechpersonen im Projekt sind Urs Gamsavar und Mati Klitgård.
Hilfe und Beratung Die Deutsche Aidshilfe berät anonym und kostenfrei zu HIV, Sexualität und Konsum – telefonisch unter 0180 33 19411 (9 Cent pro Minute aus allen deutschen Netzen) und online auf aidshilfe-beratung.de. Adressen von Aidshilfen und Checkpoints vor Ort findest Du über kompass.hiv. Wer in einer akuten Krise steckt oder Suizidgedanken hat, erreicht die TelefonSeelsorge rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123, im Netz unter telefonseelsorge.de.
